Ein Hauch Toskana im Napa Valley

Castello di Amorosa, das originellste Weingut im Napa Valley, entführt die Besucher durch eine Zeitmaschine ins Mittelalter. Der Winzer Dario Sattui erfüllte sich einen Lebenstraum und ließ mitten in seinem 28 Hektar großen Weingut mit viel Liebe zum Detail eine Burg nach mittelalterlichen Plänen bauen. 

Als ob man durch das Chiantigebiet führe, taucht das Castello di Amorosa auf einem Hügel inmitten von Reben plötzlich am Saint Helena Highway, am nördlichen Ende des Napa Valley, auf. Die florentinisch angehauchte Burganlage, die aussieht, als würde sie schon seit Jahrhunderten dort stehen, wurde nach fünfzehnjähriger Bauzeit im April 2007 eröffnet.

Castello 1

Der italienischstämmige Weinbauer Dario Sattui ließ sich für den Bau der 13.000 Quadratmeter großen Burg 850.000 hundert Jahre alte Ziegelsteine, Dachziegel aus Terrakotta sowie Basalt- und Pflastersteine aus Italien liefern, die von mehreren Steinmetzen vor Ort von Hand so gemeißelt wurden, wie es vor 800 Jahren üblich war. Schließlich sollte die Burg genauso aussehen, als wäre sie tatsächlich im 12. oder 13. Jahrhundert entstanden: Mit fünf runden, gezackten und eckigen Verteidigungstürmen mit Schießscharten, Zugbrücke, Graben, Burghof, Geheimgängen, Waffenraum, Kapelle, einem gigantischen Rittersaal, der auf 22 Metern Länge bis zur Decke von italienischen Künstlern eineinhalb Jahre lang mit Fresken bemalt wurde und einer Folterkammer, in der sich über 500 Jahre alte Folterinstrumente aus Italien befinden.

Burghof 2

Die Auffahrt zur Burg ist von Zypressen gesäumt, die eigens dafür aus der Toskana eingeflogen wurden. Sattui, der eine Leidenschaft für alles Italienische hegt, vor allem für Architektur, Kunst und Wein, besitzt in der Toskana mehrere Häuser, darunter ein 1000 Jahre altes Kloster in der Nähe von Siena. Entworfen hat das Castello Sattui selbst – ein Jahr lang brauchte er, bis der Entwurf fertig war. Dreißig Millionen Dollar kostete das fertige Projekt.

Ritterhalle
Der Rittersaal wird zu festlichen Anlässen genutzt.

Die 107 Räume der Burg verteilen sich auf acht Ebenen, wovon sich die meisten in den vier Kellerebenen befinden, darunter ein 900 Meter langes Labyrinth aus Weinkellern, in denen Cabernet Sauvignon, Pinot Noir, Merlot, Sangiovese, Zinfandel, Pinot Grigio, Chardonnay und Gewürztraminer lagern. Prunkstück ist der 1100 Quadratmeter große römische Gewölbekeller, der als eindrucksvollster Weinkeller der USA gilt. Das Weingut produziert 300.000 Flaschen Wein im Jahr, die ausschließlich im burgeigenen Laden sowie online verkauft werden. Wer das nötige Kleingeld hat, kann 220 Liter der Auslese „Il Barone“, ein Cabernet Savignon, gleich im Fass kaufen.

Weinprobe
Weinprobe in mittelalterlichem Ambiente.

Im Castello di Amorosa steht zwar der Wein im Mittelpunkt, im weiträumigen Burghof finden jedoch auch Veranstaltungen wie Ritterspiele und Konzerte statt. In den Weinkellern werden Valentinstag, Halloween, Silvester und die große Fassparty mit 40 Weinen gefeiert und mehrmals jährlich wird zum Tanz geladen.

Fasskeller

Dario Sattuis Urgroßvater, ein Weinbauer, der 1882 aus Genua nach San Francisco kam, war einer der Pioniere im Napa Valley. Das Weingut Sattui in St. Helena, das heute über 81 Hektar verfügt, wurde während der Prohibition 1922 geschlossen und von Dario Sattui mit 8000 Dollar Startkapital 1976 wieder in Betrieb genommen.

Weinprobe 2

Die meisten Weinbauern im Napa Valley stammen zwar von italienischen Einwanderern ab, der erste gewerbliche Weinbaubetrieb im Napa Valley wurde jedoch 1861 von dem aus Preußen stammenden Charles Krug errichtet. Die historische Charles Krug Winery, heute einer von über 300 Weinbaubetrieben im Napa Valley, befindet sich in St. Helena und ist seit 1943 in Besitz der Familie Mondavi.

Toiletten Castello di Amorosa
Selbst die Toiletten im Castello di Amorosa sind ein Hingucker.

Info:

Das Castello di Amorosa ist täglich von 9.30-18 Uhr (März-Okt.) und 9:30-17 Uhr (Nov.-Feb.) geöffnet. Geschlossen ist es nur 25. Dezember. Thanksgiving und Heiligabend: 9:30-15:30 Uhr. Weinprobe mit fünf Weinen: 25$ pro Person, inkl. Tour (ca. 1 ¾ Std.) 40$. http://www.castellodiamorosa.com

Adresse: 4045 Saint Helena Highway, Calistoga (120 km von San Francisco).

Umgebung Castello
Blick vom Burghof auf die Weinreben.

Veröffentlicht in: FORUM – Das Wochenmagazin (11.12.2015).

Emerald Coast – die vergessene Smaragdküste

Wie auf einem Gemälde hebt sich das smaragdgrüne, fast kristallklare Wasser des Golfs von Mexiko von den endlos langen, schneeweißen Sandstränden entlang der Emerald Coast ab. Floridas weniger bekannte Küste liegt im Nordwesten des Staates und grenzt sowohl im Norden als auch im Westen an Alabama und im Süden an den Golf von Mexiko. Sie bietet 150 Kilometer herrliche Küstenlandschaft mit puderzuckerfeinem, weißem Sand an Traumstränden, Dünen, eine atemberaubenden Natur und malerische Orte mit historischen Distrikten. EmeraldCoastAn der sogenannten „Scenic County Road“ zwischen den Orten Destin und Panama City liegen achtzehn Strandgemeinden, die unter dem Namen „Beaches of South Walton“ bekannt sind. Im Gegensatz zu dem von Touristen überfüllten Miami ist es hier eher ruhig und Neuankömmlinge fügen sich in den langsameren Rhythmus, der für die Südstaaten so typisch ist, schnell ein.

Destin, „The World’s Luckiest Fishing Village“

Destin liegt etwa 60 Kilometer östlich von Pensacola und war bis 1985 noch ein Fischerdorf. Von Atlanta aus erreichen wir es mit dem Auto in sieben Stunden. Eine lange Fahrt, während der wir jedoch sehr viel von der typischen Südstaatenlandschaft sehen und immer wieder anhalten, um zu fotografieren. Das Städtchen ist bekannt als bester Ort für die Sportfischerei und nennt sich „The World’s Luckiest Fishing Village“. Angler haben hier anscheinend mehr Glück im Fischfang als sonst irgendwo. Das kleine Städtchen ist stolz darauf, dass es mehrere Weltrekorde im Hochseefischen verzeichnen kann.DestinHarbor

Sandestin Golf und Beach Resort

Freunde haben uns ihre Wohnung mit Strandblick im Sandestin Resort überlassen. Das Resort ist ein eigenes Städtchen innerhalb Destins. Wer dort nicht wohnt, hat keinen Zutritt. Eine breite, palmenumsäumte Straße führt zum Eingang des Resorts, wo bewaffnete Security Guards überprüfen, ob die Genehmigung zur Einfahrt auf der Innenseite der Autoscheibe klebt. Auch ins Gebäude, in der die Wohnung liegt, kommt man nicht ohne Code. Der Sicherheitsfaktor ist hier sehr hoch.Destin

Über zehn Kilometer Sandstrand und vier Golfplätze sowie jede Menge kleiner Seen, an denen öfter Wettfischen stattfindet, gehören zum Resort. Um die Seen herum stehen prächtige kleine Südstaatenvillen, die sich in Privatbesitz befinden, aber auch zum Kauf oder zur Miete angeboten werden. Im hinteren Teil des Resorts befinden sich direkt am Strand die Hotels und dazwischen die hohen dreißigstöckigen Gebäude mit geräumigen Miet- und Eigentumswohnungen. Von außen sehen sie hässlich, aber innen bieten sie allen Komfort, von der komplett ausgerüsteten Küche, Waschmaschine und Trockner bis zum superbreiten Sofa. Vom Balkon haben wir einen herrlichen Blick über den weißen Sandstrand, abends auf den Sonnenuntergang.DestinSunsetL

„The Village of Baytowne Wharf“ ist das Herz des Resorts. Hier befinden sich kleine Restaurants, Boutiquen, Lebensmittelgeschäfte, Cafés, Konditoreien, Nachtclubs und Bars. Das Village erinnert mich an einen Ferienort in Süditalien – wären da nicht die typischen Südstaatenhäuser. Morgens ist es angenehm ruhig im Village – der beste Zeitpunkt, um bei einem Spaziergang alles zu erkunden. Da sehr viele Familien mit Kindern hier Urlaub machen, herrscht nachmittags und abends ein ganz schöner Trubel.Strandhaus

Am Morgen ist noch nicht viel los an Sandestins Privatstrand, nur einzelne Strandläufer sind unterwegs. Entlang des Strandes stehen kleine Strandhäuser, zu denen lange Holztreppen hinaufführen. Einige Häuser stammen aus den 1930er Jahren. Etwas abseits stehen große Strandvillen, wie man sie aus Hollywoodfilmen kennt. Irgendwie verloren und fehl am Platz wirken sie zwischen den vielen Hochhäusern.

Man nennt die Emerald Coast auch die „vergessene Küste Floridas“ – zu Unrecht, denn die Strände sind länger, breiter und viel weißer als die in Miami und vor allem nicht so bevölkert. Bei USA-Reisenden aus Europa ist die Emerald Coast eher unbekannt. Das mag daran liegen, dass es keine direkten internationalen Flüge dorthin gibt, was einen jedoch nicht daran hindern, diese Region zu erkunden. Mit dem Auto ist es zwar ein weiter Weg von den nächsten internationalen Flughäfen wie New Orleans, Atlanta oder Miami, aber die Landschaft, die man auf der Fahrt von Atlanta über Alabama sieht, ist die lange Anreise allemal wert.

INFO

Preiswerte Angebote für die USA auf derpart.com

Ferienwohnung in San Destin mit Strandblick ab 180 Dollar/Nacht, mit Village-Blick ab 130 Dollar/Nacht. Je nach Zeitraum teurer oder billiger.

Tipp: Silver Sands in Destin, das sich selbst das größte Designer-Outlet in den USA nennt und über 100 Designer-Namen im Angebot hat, befindet sich nur wenige Minuten von den Sandstränden entfernt.

Im Bus mit Al Capone

„Heads down, heads down!“ schreit eine Stimme, bevor das Geräusch von Maschinengewehrsalven durch den Bus rattert. Der Fahrer versucht mit Schleuderbewegungen, den Bus durch den Kugelhagel zu manövrieren. Von Angstschreien begleitet, ducken sich die Köpfe vor mir blitzschnell nach unten und tauchen erst wieder auf, als die Stimme „Welcome to Chicago’s Original Gangster Tour“ verkündet und nun aus den Lautsprechern der unverkennbare Sound des Chicago Jazz aus den „Roaring Twenties“ ertönt.Gangster Tour

Alles soll so echt wie möglich klingen, denn schließlich tauchen wir während der nächsten zwei Stunden in das Chicago Al Capones der 1920er- und frühen 1930er-Jahre ein. Als der legendäre Mafia-Boss der ungekrönte König der Stadt und, dank der Prohibition, einer der reichsten Männer der USA, Chicago beherrschte und selbst der Bürgermeister nach seiner Pfeife tanzte.

Damals teilten die rivalisierenden Banden die Stadt vertraglich untereinander auf: Den Süden kontrollierte das Chicago Outfit (Southside Gang), die amerikanische Sektion der Mafia unter Führung der Italo-Amerikaner Johnny Torrio und Al Capone, der Norden gehörte der North Side Gang und deren Anführern Dean O’Banion und Earl „Hymie“ Weiss, der Westen wurde vom sizilianischen Genna Clan beherrscht.Chicago Blues

Unser erster Halt ist die Holy Name Cathedral in der North Wabash Avenue. Gegenüber der Kirche betrieb Dean O’Banion einen Blumenladen, den die North Side Gang als Hauptquartier nutzte. Dort wurde er am 10. November 1924 von Mitgliedern des Genna Clans erschossen.

Das Rattern von Maschinengewehrsalven tönt aus den Lautsprechern als uns Mike, der Tour Guide erzählt, wie drei Killer den Blumenladen betraten und dem nichts ahnenden O’Banion die Hand schüttelten, bevor sie ihn mit sechs Kugeln niederstreckten. Der Mord ging als Handshake Murder in die Geschichte ein. Als Mitglieder der North Side Gang auf das Fluchtauto schossen, blieb eine Kugel in der Wand der Kathedrale stecken. Das Einschussloch ist noch heute sichtbar.

Das Einschussloch in der Holy Name Cathedral.
Das Einschussloch in der Holy Name Cathedral.

Auf der Fahrt zu unseren nächsten Zielen werden wir immer wieder in einen Hinterhalt gelockt, der sich durch das Geräusch von Maschinengewehrgeratter aus den Lautsprechern und Mikes Rufen „Heads down!“ ankündigt. Wenn der Fahrer den Bus dann im Zickzack-Kurs durch den Kugelhagel manövriert, werden wir auf unseren Sitzen ganz schön herumgeschleudert.

Al Capone
Al Capone

Mike, der passend zur Tour im Stil der späten 1920er-Jahre gekleidet ist, erzählt uns während der Fahrt nicht nur die spannende Geschichte der rivalisierenden Gangs, wir erfahren auch viel über die Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen Al Capones, dem die Justiz zwar nie einen Mord nachweisen konnte, ihn letzten Endes aber wegen Steuerhinterziehung mehrere Jahre hinter Gittern brachte. Gestorben ist er übrigens nicht durch die Kugel eines Rivalen, sondern an einer Lungenentzündung (Folge einer jahrelangen Syphillis) – eine Woche nach seinem 48. Geburtstag.

Die Stationen der Gangster-Tour

Bevor Al Capone und Johnny Torrio Chicagos Unterwelt beherrschten, war „Big Jim“ Colosimo der Mafia-Boss Nummer 1. Er war der erste große Gangster Chicagos und derjenige, der die Unterwelt am längsten regierte – fast 30 Jahre lang bis zu seinem Tod 1920.

Es war Colosimo, der Johnny Torrio 1908 in sein „Unternehmen“ aufnahm und ihn zu seinem Stellvertreter machte. Torrio ließ seinen Ziehvater zwölf Jahre später ermorden, um die Macht ganz an sich zu reißen. Der Bus hält vor dem ehemaligen Hauptquartier Colosimos (Colosimo’s Café) im westlichen Abschnitt der Wabash Avenue an. Heute befindet sich dort die interaktive Kneipe „Tommy Gun’s Garage“, die Musik und Comedy aus den Roaring Twenties spielt und Big Jim’s Lasagne serviert.

Valentine Day massacreNatürlich darf auf der Gangster-Tour die wohl bekannteste Schießerei aus dem Chicago der 1920er-Jahre nicht fehlen – diese bildet den Abschluss der Tour. Es handelt sich um eine der brutalsten Auseinandersetzungen zwischen Al Capone und der North Side Gang, die am 14. Februar 1929 in einer Garage in der North Clark Street stattfand.

Ein fünfköpfiges Killerteam des Chicago Outfit fuhr in zwei schwarzen Limousinen, die denen des Chicago Police Department ähnelten, an der Garage vor. Drei der Killer trugen Polizeiuniformen und inszenierten eine Razzia. In der Garage befanden sich sieben Mitglieder der North Side Gang. Da sie annahmen, dass es sich tatsächlich um eine Razzia handelte, ließen sie sich widerstandslos entwaffnen und an die Wand stellen. Dort wurden sie mit Maschinenpistolen hingerichtet. Bei ihrer Flucht täuschten die Killer eine Verhaftung vor, indem sie die beiden nicht uniformierten Killer mit erhobenen Händen abführten. Die Hinrichtung ging als Valentinstags-Massaker in die Geschichte ein. Das Massaker diente übrigens als Vorlage für die Garagenmordszene in Billy Wilders Komödie „Manche mögen’s heiß“.

Info

Die Tour kostet 30 Dollar und muss telefonisch gebucht werden (wer am Abfahrtort ohne Reservierung erscheint, wird nicht mitgenommen). E-Mail-Buchungen werden nicht akzeptiert. Bezahlt werden kann mit Visa- oder Master Card. Bargeld wird nicht bzw. nur als Trinkgeld akzeptiert. Telefonnummer und weitere Informationen: http://www.gangstertour.com

Chicago vom Hancock Tower aus fotografiert.
Chicago vom Hancock Tower aus fotografiert.

Die Insel des Kaugummikönigs

Santa Catalina Island, die felsige Pazifikinsel vor der Küste Kaliforniens, liegt nur 35 Kilometer von Los Angeles und scheint dennoch eine Welt entfernt. Hier bewegt man sich zu Fuß, per Fahrrad, Pferd oder Golfcart, denn Autos sind nur bedingt zugelassen. Die Insel war viele Jahre im Besitz des Kaugummikönigs William Wrigley.

Der Flug im Helikopter von Long Beach nach Avalon auf Catalina Island verläuft recht wackelig. Etwas flau im Magen schaue ich nach unten, wo sich die Wellen meterhoch auftürmen. Hätten wir den Flug nicht doch lieber verschieben sollen? Bereits zweimal war er aufgrund des Wetters abgesagt worden, aber heute hatte sich der Pilot bereit erklärt, zu fliegen. „Falls uns der Wind runterholt, haltet euch im Wasser einfach an den Kufen fest bis Hilfe kommt“ meint er lachend. In dem Moment sacken wir kräftig ab und ich sehe uns schon im Kampf mit den Wellen. Mein Magen fährt Achterbahn. Als wir landen, steige ich mit wackeligen Knien aus. Noch nie war mir ein 20-minütiger Flug so lange vorgekommen.

Die Bucht von Avalon mit Yachthafen und Kasino.
Die Bucht von Avalon mit Yachthafen und Kasino.

„Wo kein Regen und kein Hagel fällt, wo niemals Schnee den Boden berührt und niemals lauter Wind bläst“, schrieb der viktorianische Dichter Tennyson in einem mythischen Gedicht, dort soll Avalon liegen, das verwunschene Tal, das Paradies auf Erden. Ein heiliger Ort, in dem man alle Sorgen vergessen kann. Natürlich war in Tennysons Gedicht nicht die Rede von Avalon auf Catalina, aber die Beschreibung trifft zu.

Das Casino ist das Wahrzeichen von Avalon.
Das Casino ist das Wahrzeichen von Avalon.

Avalon, das nach dem gleichnamigen Ort in der Artussage benannt wurde, ist Hauptstadt und Zentrum der nur 35 Kilometer langen und 13 Kilometer breiten Insel. Was uns zuerst ins Auge fällt sind die weißen Häuser mit roten Ziegeldächern, wie man sie aus der Mittelmeerregion kennt. Im Yachthafen liegen unzählige Seegelboote, Katamarane und Jachten in der geschützten Bucht und spiegeln sich im blauen Wasser. Auf der Crescent Avenue entlang der Bucht mit ihren zahlreichen Straßencafés, Restaurants und kleinen Boutiquen unter Palmen und farbenprächtigen Blumen haben wir endgültig das Gefühl, uns irgendwo am Mittelmeer zu befinden. Stundenlang könnten wir im Straßencafé sitzen, den strahlenden Sonnenschein, den sanften Wind und die klare Luft genießen und dem Dolce Far’Niente frönen.

Strand in Avalon.
Strand in Avalon.

Die 3500 Bewohner der Insel, die von den indianischen Ureinwohnern „Berge im Meer“ genannt wurde, nehmen das Leben leicht. Kein Stress, keine Hektik und Autos – diese sind, bis auf Elektrovehikel verboten. Eine Ausnahme bilden lediglich Feuerwehr- und Polizeiautos sowie Krankenwagen. „Der bewohnte Teil der Insel ist jedoch so klein, dass man ihn ohnehin in kurzer Zeit zu Fuß schafft“, erklärt uns die Kellnerin im Café. Das passt, denken wir, denn wir sind nur ein paar Stunden auf der Insel.

Das beliebteste Fortbewegungsmittel in Avalon ist das Rad.
Das beliebteste Fortbewegungsmittel in Avalon ist das Rad.

Der Portugiese Juan Rodriguez Cabrillo entdeckte die Insel 1542. Später diente sie Pelzhändlern aus Russland, Sklavenhändlern und Piraten als Stützpunkt. William Wrigley, der Kaugummi-König aus Chicago, kaufte die gesamte Insel 1919 und baute sich auf dem Mount Ada (benannt nach seiner Frau Ada), dem sonnigsten Platz der Insel, sein persönliches Schloss mit 22 Räumen und sieben Badezimmern. In der riesigen Villa befindet sich heute das Hotel „The Inn on Mount Ada“.

The Inn on Mount Ada hinter Bäumen versteckt.
The Inn on Mount Ada – das Anwesen mit den grünen Dächern umgeben von Palmen und Bäumen.

Da Wrigley seinerzeit Touristen auf die Insel locken wollte, beauftragte er diverse Baumeister damit, dem Ort einen mediterranen Touch zu geben. So entstanden Villen im spanischen Kolonialstil mit roten Ziegeln. Außerdem ließ er ein Casino bauen, dessen markanter Rundbau noch heute das Wahrzeichen von Avalon ist.

Ende der zwanziger Jahre entdeckten Filmproduzenten, Schauspieler, Schriftsteller und reiche Kalifornier die Insel und ließen sich Villen an den steilen Berghängen von Avalon bauen.

Den Erben Wrigleys ist es zu verdanken, dass die einmalige Flora und Fauna unter Naturschutz gestellt wurde und von der 1972 gegründeten Catalina Island Conservancy, einer gemeinnützigen Landschaftsschutzorganisation, gehegt und gepflegt wird.

Der Golf von Santa Catalina mit seinem klaren Wasser, dem Fischreichtum, der vielfältigen und farbenfrohen Unterwasserflora und der mannigfaltigen Vegetation vor der buchtenreichen Küste ist von Mai bis September ein wahres Paradies für Taucher.

Schnorchelparadies Catalina.
Schnorchelparadies Catalina.

„Im Winter kann man Wale beobachten, die auf dem Weg von Alaska nach Mexiko an der Insel vorbeiziehen und mit ihren Wasserfontänen für ein spektakuläres Schauspiel sorgen“ erzählt uns eine Inselbewohnerin.

Leider ist die Zeit ist knapp und wir sehen nicht sehr viel von der Insel. Wetterbedingt ist kein Rückflug mit dem Helikopter möglich. Auf der Insel ist zwar das schönste Wetter, vor der kalifornischen Küste wurde jedoch Nebel angesagt, weshalb wir die Fähre am späten Nachmittag nehmen müssen. Wetterbedingt fällt die letzte Fähre aus.

Fotos/Copyright: Catalina Island Chamber of Commerce & Visitor’s Bureau.

Anreise

Santa Catalina ist vom Festland (Long Beach, Newport Beach oder Marina del Rey) mit der Fähre (Catalina-Express) in nur einer Stunde zu erreichen. Schneller geht es mit dem Helikopter ab Long Beach.

Detroit – Die Hoffnung lebt

Nach jahrelangem Kampf gegen den Bankrott hat Detroit am 18. Juli 2013 Insolvenz beantragt. Die einstige Millionenmetropole und Geburtsstadt der amerikanischen Autoindustrie wirkt mit ihren verfallenen Häusern und leeren Straßenzügen wie eine Geisterstadt. Nichts erinnert mehr daran, dass hier einst der Siegeszug des American Way of Life begann. Trotzdem lassen sich die Detroiter sich nicht unterkriegen und glauben fest daran, dass sie in naher Zukunft wie Phoenix aus der Asche auferstehen werden.ca3qjuk7ztl1ihj-f7AlXhlUobH5ZqT-038QLATiv0s

Seit 1958 sitzt der „Jolly Green Man“, wie ihn die Detroiter liebevoll nennen, mit gekreuzten Beinen und ausgestreckten Armen, den Blick nach unten gerichtet, vor dem Rathaus in der Woodward Avenue. Einen Namen hatte die acht Meter hohe Bronzeskulptur damals allerdings noch nicht. Lediglich eine Inschrift in der Wand hinter ihr, die von ihrem Schöpfer, dem Künstler Marshall Fredericks, angebracht worden war. Diese stammt aus dem 2. Korinther, Kapitel 13: „Denn der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“. Abgeleitet von „Spirit of the Lord“ erhielt die Skulptur den Namen „Spirit of Detroit“.

Woodward Avenue, Detroit.
Woodward Avenue, Detroit.

„Damals gab es diesen Geist noch, aber das war lange vor meiner Geburt“, sagt Alyssa, die ich kurz zuvor in einem Café kennengelernt habe. Spontan bot sie sich als Tourguide an. „Damit du die Stadt durch die Augen einer waschechten Detroiterin siehst!“ meinte sie lachend. Der Geist Detroits. „Das war, als die ‚Big Three’ – Ford, General Motors und Chrysler von hier aus den weltweiten Automarkt beherrschten. Als Barry Gordy 1959 mit Motown Records erstmals eine Plattenfirma gründete, die mit ihrem unverkennbaren Sound reihenweise schwarze Künstler in die damals überwiegend weißen Popcharts brachte – und ihn zeitweise zum reichsten schwarzen Amerikaner machten. Diesen Geist Detroits sucht man schon lange vergebens“ klagt Alyssa und fügt hinzu: „Was hier heute boomt sind Schulden, Zwangsvollstreckungen und Suppenküchen für die Armen!“

General Motors Headquarters.
General Motors Headquarters.

Das einstige Zugpferd der US-amerikanischen Wirtschaft liegt seit vierzig Jahren im Sterben. Nach der Ölkrise 1973 waren die Benzin fressenden Straßenkreuzer nicht mehr so gefragt, was die erste große Absatzkrise bei den „Big Three“ auslöste, die zweite folgte wenige Jahre später als die Konkurrenz aus Japan der US-amerikanischen Autoindustrie einen kräftigen Schlag versetzte, von dem sie sich nie mehr ganz erholte. Die Finanz- und Hypothekenkrise 2008 tat ihr übriges. „Wie ein Mensch, der von einer unheilbaren Krankheit befallen ist, stirbt Detroit seitdem jeden Tag ein Stückchen mehr“, sagt Alyssa.

Ruine in Detroit. Nachdem das Haus zwangsgeräumt wurde, steckten es die Bewohner in Brandt.
Ruine in Detroit. Nachdem das Haus zwangsgeräumt wurde, steckten es die Bewohner das Dachgeschoss in Brandt.

Hauptstadt des Verfalls. Schon seit Jahren wird Detroit in den Medien „Capital of Decay“ genannt. Die Einwohnerzahl ist von fast zwei Millionen im Jahr 1950 ist auf 700.000 zusammengeschrumpft. 85 Prozent der Bevölkerung sind Afro-Amerikaner, die meisten Weißen haben Detroit nach den Rassenunruhen 1967 verlassen. Fast die Hälfte der Innenstadt ist unbewohnt. Als ich am frühen Freitagnachmittag durch das menschenleere Stadtzentrum fahre sehe ich neben Bürohochhäusern vor allem eines: zugenagelte oder verfallene Häuser.

Bankrotter Pfandleiher in Detroit.
Bankrotter Pfandleiher in Detroit.

Ich habe das Gefühl, in einer Geisterstadt unterwegs zu sein. Stadtteile sind zu Slums verkommen, in denen Armut und Kriminalität herrschen. Schon seit Jahren steht Detroit auf der Liste der gefährlichsten und ärmsten Städte Amerikas an vorderster Stelle. Im Februar 2013 wählte das Wirtschaftsmagazin Forbes Detroit zur „elendsten und ärmlichsten“ Stadt der USA.

Campus Martius Market.
Campus Martius Market.

Keine Angst vor Detroit! Es ist Samstag. Auf dem Campus Martius Market in Downtown Detroit herrscht buntes Treiben. Radfahrer sammeln sich zu einer Tour, Künstler bieten ihre Werke an, Straßenmusiker spielen alte Songs von CCR, ein Schülerorchester probt und rings herum sitzen Detroiter aller Altersklassen auf Bänken und Stühlen, essen und trinken oder frönen dem Nichtstun. Wo ist die Geisterstadt von gestern?

Salvatore Aiello - Don't be afraid of Detroit.
Salvatore Aiello – Don’t be afraid of Detroit.

„Don’t be afraid of Detroit“ ruft mir ein Typ singend entgegen, als ich mich seinem T-Shirt-Stand nähere. „Wer sagt, dass ich Angst vor Detroit habe?“ antworte ich. Er lacht. „Nein, ich singe nur mein Lied“, sagt er. Es ist Salvatore Aiello, der Sänger von I Live Once, der 2013 mit dem Song Don’t be Afraid of Detroit die Hymne der Stadt geschaffen hat. Die Idee dazu kam ihm, nachdem Detroit wieder einmal zur gefährlichsten Stadt der USA erklärt wurde. „Wie in jeder Großstadt gibt es auch in Detroit gefährliche Ecken, die man meiden sollte. Aber es gibt auch zig Gutes, das hier jeden Tag geschieht – nur wird das nicht in den Medien erwähnt“, sagt er. „Sieh dir doch nur den Markt hier an! Man hört und liest nur negatives über Detroit, aber viele Menschen hier glauben, dass sich die Stadt im Aufschwung befindet. Tatsache ist, dass es mehr Gutes als Schlechtes in Detroit gibt und meine Website „dontbeafraidofdetroit.com“ konzentriert sich ausschließlich auf die positiven Aspekte“.

Schülerorchester auf dem Campus Martius.
Schülerorchester auf dem Campus Martius.

Hinter uns im Seva, meinem Lieblingsrestaurant in Detroit, sitzt Jo Ann Watson, die Mitglied im Stadtrat ist. Sie erinnert mich an eine südafrikanische Bürgerrechtlerin. Ein Detroiter Freund an unserem Tisch kennt sie. „Soll ich Sie fragen, ob du sie interviewen darfst?“ fragt er. Das möchte ich nicht, denn sie ist ins Gespräch mit ihrer erwachsenen Tochter vertieft. Als sie geht, erkennt sie unseren Freund, der mich nun als deutsche Journalistin vorstellt. „Willkommen in Amerika“ begrüßt sie mich lächelnd und fügt hinzu: „Glaub bloß nicht, was du in den Medien über Detroit hörst, nicht einmal die Hälfte davon ist wahr. Hier ist es nicht gefährlicher als in anderen Großstädten auch! Falls du Fragen hast, schreib mir eine E-Mail“ sagt sie, erwähnt, dass sie in Eile ist und verschwindet.

Ganze Straßenzüge sind voller Häuser wie dieses.
Ganze Straßenzüge sind voller Häuser wie dieses.

„So many losing their homes, more homeless each day“, heißt es in dem Lied „Don’t be Afraid of Detroit“. Die einunddreißigjährige Afro-Amerikanerin Alyssa ist eine davon. „Bis vor drei Jahren hatte ich einen gut bezahlten Job als Marketing-Assistentin in der Autoindustrie. Als es zum Stellenabbau kam, wurden zuerst die entlassen, die keine Familie zu ernähren hatten. Ich gehörte dazu. Ein Jahr später hat mein Mann seine Stelle als Lehrer verloren. Zum Ende des Schuljahres kam es aufgrund von Sparmaßnahmen im öffentlichen Dienst zu Kündigungen. Mit dem knappen Arbeitslosengeld war es uns nicht mehr möglich, die Hypothek für unser Haus abzuzahlen, das wir wenige Monate später räumen mussten.

Eines der vielen leer stehenden Häuser in Detroit.
Eines der vielen leer stehenden Häuser in Detroit.

Jetzt steht es leer, denn die Bank hat bisher noch keinen Käufer gefunden“. Die Ehe zerbrach, Alyssa zog bei ihrer verwitweten Mutter ein, die als Krankenschwester arbeitet. Das Geld ist knapp. Einen Job hat Alyssa, die einen Bachelor-Abschluss in Business Administration hat, derzeit nicht. Mit kellnern und Gelegenheitsjobs hält sie sich über Wasser. „Wenn ich Geld hätte, würde ich wieder zur Uni gehen und meinen Master-Abschluss machen, aber daraus wird wohl nichts. Vielleicht hätte ich anderswo mehr Chancen, einen Job zu finden, aber ich habe noch nicht einmal das Geld, um von hier wegzugehen! Trotzdem bin ich fest überzeugt davon ich, dass alles bald besser wird“ sagt sie zuversichtlich.

Packard Fabrikgelände.
Packard Fabrikgelände.

„Wow, das ist ja schaurig schön!“ sagt eine junge Berlinerin zu ihrem Freund, als sie neben uns vor der gigantisch großen Ruine der Firma Packard stehen. Die riesigen Fabrikgebäude auf dem 330.000 Quadratmeter großen Gelände des ehemaligen Luxusautoherstellers wirken mit ihren ausgeschlagenen Fensterscheiben und der absoluten Stille ringsum fast unheimlich. Die Gebäude hätten längst abgerissen werden müssen, aber dazu fehlt das Geld. Ich hatte so viel über dieses Gelände gehört, dass ich es unbedingt sehen wollte.06CBE0OaFxt03pjDBouuyKFBFHPp_tG0oWkm32paiZc,M37ZGBX6brSikpR35HbiWaHy2mp967fo_v6u8cXiLgc,eytIFi0Tk6CF9W0swXQnR3O_kCr-4s3DKBvlTsO9Vkk

Alyssa bot mir an, mich zu begleiten. „Touristen kommen seit ein paar Jahren nur deshalb nach Detroit, um sich die Ruinen anzuschauen, die sie auf Fotos im Internet gesehen haben. Jetzt ist meine Stadt nicht nur eine Ruine, mit 18 Milliarden Dollar Verschuldung und dem Bankrott ist sie dazu auch noch ruiniert. Eine ruinierte Ruine!“, sagt sie sarkastisch. Diese Ruinenkultur, die es in keiner amerikanischen Großstadt in diesem Ausmaß gibt, ist zu einem beliebten Motiv professioneller Fotografen geworden. Es sind nicht nur verlassene Fabrikgebäude, die Touristen und Fotografen gleichermaßen anziehen. In einstmals guten Wohngegenden rotten verlassene Einfamilienhäuser vor sich hin. In keiner anderen Stadt der USA hat es seit der Finanz- und Hypothekenkrise so viele Zwangsvollstreckungen gegeben: 250.000 an der Zahl. Käufer für die leer stehenden Häuser finden sich nicht. „Wie denn auch? Unsere Stadt hat eine offizielle Arbeitslosenquote von fast 30 Prozent, inoffiziell sollen es sogar 50 Prozent sein. Da hat keiner das Geld, ein Haus zu kaufen“, sagt Alyssa.HxMP2C4oHBaRfRdilLY3ZKE2dtfkJjRhiu8_TrMem9Y,3Jgt5UHIaKMEJMgj59_ugu7R_tUQhXfdOBwRKWeRnxI

Die prachtvollen Villen der schon vor Jahren abgewanderten Oberschicht sind heute heruntergekommene Bruchbuden, die als Altenpflegeheime für mittelose Afroamerikaner genutzt werden. In zerlumpten Kleidern sitzen sie zusammengekauert auf den Veranden und erinnern an Kriegsflüchtlinge aus einem afrikanischen Land. Es fällt schwer zu glauben, dass ich mich in einem der reichsten Länder der Welt befinde.

Nie beendeter Abriss in der Woodward Avenue.
Nie beendeter Abriss in der Woodward Avenue.

Abschnitte der einstigen Prachtmeile Detroits, der 27 Meilen langen Woodward Avenue, erinnern an Fotos des zerbombten Nachkriegsberlin. Oder, wie der in Michigan lebende Filmemacher Michael Moore sagt, „Teile Detroits sehen aus wie die Landschaft eines anderen Planeten!“ Der Schutt bereits vor Jahren abgerissener Häuser türmt sich am Straßenrand. Leer stehende Wolkenkratzer mit eingeschlagenen Fensterscheiben beherrschen das Straßenbild. Opfer des Vandalismus.x-UOfWLvYr25Eri8oVRvHA8aaZUapGhfIxkHUg5L1fo,aowipjDNuMAZwMbqAoWIruNmO7WcIoqtEvS1j309ItU

Michigan Central Station. „Hast du den Bahnhof schon gesehen?“ fragt Alyssa. „Für mich ist er Symbol der Glanzzeit und des Niedergangs meiner Stadt zugleich. Ich war etwa fünf Jahre alt, als ich das letzte Mal mit dem Zug von der Michigan Central Station abgefahren bin“.

Michigan Central Station
Michigan Central Station

Als der Bahnhof 1913 in Betrieb genommen wurde, war er mit achtzehn Stockwerken das höchste Bahnhofsgebäude der Welt. Hier kamen Menschen aus allen Teilen des Landes an, die sich als Arbeiter in der Automobilindustrie ein Stück vom Kuchen der boomenden Metropole erhofften. Von hier aus wurden im zweiten Weltkrieg unzählige Soldaten aus Michigan an die Front geschickt. Der letzte Zug hat den Bahnhof am 5. Januar 1988 um 11.30 Uhr verlassen. Seitdem steht das Gebäude leer. Die typischen Geräusche eines betriebsamen Bahnhofs, an dem einst täglich rund 40.000 Menschen ankamen und abfuhren, sind längst erloschen. Lediglich das Pfeifen des Windes durch eingeschlagene Scheiben und das Klicken von Kameras ist zu hören als wir davor stehen. „Für viele hier symbolisiert der Bahnhof den unaufhaltsamen Niedergang der amerikanischen Infrastruktur“, sagt Alyssa und fügt hinzu: „Schade, dass du den Bahnhof nicht von innen sehen kannst, denn die Hallen erinnern an alte römische Tempel – so, wie man sie aus Büchern kennt“.

Nachdem das neoklassizistische Gebäude jahrelang Treffpunkt für Obdachlose, Junkies und Graffiti-Künstlern war, ist es seit einiger Zeit durch einen Zaun abgesperrt und steht heute unter Denkmalschutz. Mehr kann die Stadt nicht tun, denn sie hat kein Geld für den Erhalt historischer Bauwerke.

The Heidelberg Project.
The Heidelberg Project.

Aus Ruinen wird Kunst. Als mir Alyssa vom Heidelberg-Projekt erzählt denke ich, was hat meine Stadt, das beschauliche Heidelberg, mit Detroit zu tun. Nichts, wie sich herausstellt.The Heidelberg Project ist ein begehbares Kunstwerk in der Heidelberg Street im Osten der Stadt.oRwrSLANLFo7UZuuWVwD3ojXdGlh0EC37P-x4VUhfG0,moHMyxzJA3CJc8mfiktoxR502WpDdcvkMb390C8mtlw

Dort sind die Häuser bunt angemalt und mit Schallplatten, Stofftieren und Spielzeug dekoriert. An Baumstämmen hängen Uhren, von Ästen baumeln Schuhe, auf den Gehsteigen türmt sich meterhoch Trödel, auf der Wiese stehen zu Kunstwerken verarbeitete Autos und Fahrräder.je2ga9aLu4OSmR1D9yx_0O0eD-SQtKDHeWLbd7XiJoU,xNnZTGP8jZKqC1Vn5APaBg2NicNazXOiB5jptE5mVnc

Die Straße ist eine einzige Villa Kunterbunt. Tyree Guyton hat das Freiluft-Kunstprojekt 1986 mit seinem Großvater geschaffen. Der heute 58-jährige Künstler ist in der Heidelberg Street aufgewachsen. In den Jahren nach den Detroiter Rassenunruhen 1967 verkam das Viertel rund um die Heidelberg Street immer mehr. „Es sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, sagt Guyton. Immer mehr Menschen zogen weg, viele Häuser waren abgebrannt oder standen leer. Wer noch hier wohnte war arm und schwarz. Guyton startete sein Projekt damit, dass er bunte Punkte auf Häuser malte und sie mit alten Stofftieren dekorierte. Die Kinder des Viertels wurden täglich in die Arbeit mit einbezogen.y_MKST5taD7mcagvk2LKAhCtApW1tBmNF2ovMQ6ZDos,HKEvA9vV4pXZ12O-ioJSwRhkjhHA7S2WCTeyTqf3Qsc,8hLVI8USG4R51AI9BklCTEmo8rKzTY76Vq6Re6JPFjo

Ziel des afroamerikanischen Künstlers war es, mit dem Heidelberg Projekt das erste Freiluftmuseum der Stadt zu schaffen einschließlich Künstlerkolonie, kreativem Kunstzentrum, Garten und Amphitheater. Das Projekt entwickelte sich im Laufe der Jahre ständig weiter und verwandelte das Viertel um die Heidelberg Street langsam in einen Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt.VH4Lm6eaHIHAJVooZz3fo8hOTGRpya4BTtc81X4J7Wg,IdIq6klNPqFNEKbl2XudLKztKK9cYyPx6S2g_y5QjMs,p8CBm8uTUfmLUAGNy_4_kJpH0e5E1k0A9f2Kx4ihIQI

Ausverkauf der Kunst? Ich kann es nicht glauben als ich höre, dass die Kunstsammlung des Detroit Institute of Arts (DIA) verkauft werden soll, um die Gläubiger der insolventen Stadt zufriedenzustellen. Das 1883 gegründete Museum in der Woodward Avenue ist eines der schönsten Gebäude Detroits und eines der bedeutendsten Kunstmuseen der USA. Die mehr als 65.000 Exponate umfassen die amerikanische Kunst- und Kulturgeschichte seit dem 18. Jahrhundert sowie europäische Kunst wie Gauguin, Matisse, van Gogh, Modersohn-Becker, Kandinsky und Munch, um nur einige wenige zu nennen.

Orchester vor dem Diego Rivera Wandgemälde.
Orchester vor dem Diego Rivera Wandgemälde.

Was ich mir immer wieder anschaue, wenn ich im DIA bin, ist das monumentale Wandgemälde Detroit Industry  von Diego Rivera, das er zwischen 1932 bis 1933 auf 27 Bildfenstern um den zentralen Innenhof gemalt hat. Es gilt als eines der wichtigsten Werke des mexikanischen Malers. „Wie wollen sie es denn verkaufen? Werden Sie die Mauern abtragen?“ frage ich Alyssa. Sie zuckt die Schultern und meint „vielleicht ist ja einer verrückt genug, das zu tun!“

Rivera 3„Die Fresken sind unsere Mona Lisa und das Herz von Detroit“, sagt Annmarie Erickson, Vizedirektorin des Museums in einem Interview. Als bekannt wird, dass der Krisenmanager der Stadt, Kevyn Orr, das Auktionshaus Christie’s mit der Schätzung von mehreren tausend Kunstwerken beauftragt hat, versammeln sich Hunderte Detroiter vor dem DIA um zu demonstrieren. „Jetzt wollen sie uns das Schönste wegnehmen, das die Stadt zu bieten hat“, schimpft eine alte Frau und weint. „Wo sollen sich unsere Kinder denn Kunstwerke ansehen, wenn nicht hier?“

Eastern Market
Eastern Market

Eastern Market. Samstag ist Markttag in Detroit. Schon um fünf Uhr in der Früh strömen die ersten Besucher über den Markt. Mit einer Größe von 17 Hektar ist der Markt im Nordosten der Stadt der größte historische Marktdistrikt der USA. Er ist die amerikanische Version des Wiener Naschmarktes, jedoch weitaus größer. Auf dem 1891 als Farmer’s Market gegründeten Wochenmarkt verkaufen Farmer aus der Umgebung Gemüse, Obst, Fisch, Fleisch, Milchprodukte, Gewürze, Backwaren, Wein und vieles mehr. Die Produkte stammen nicht nur aus Michigan und dem benachbarten Ohio, sondern auch aus benachbarten Ontario auf der gegenüberliegenden Seite des Detroit Rivers. Rings um den Markt liegen viele kleine, sehr gemütliche Kneipen und Restaurants. Hier geht es so lebhaft und geschäftig zu wie auf Märkten in Europa. Von der Pleite der Stadt ist hier nichts zu spüren.

Hutdesignerin auf dem Eastern Market.
Hutdesignerin auf dem Eastern Market.

„Money – that’s what I want“ singt ein Straßenmusiker vor einem der Marktcafés. „Kennst du dieses Lied?“ fragt Alyssa. „Es stammt im Original von Barrett Strong und war 1959 der erste große Motown Hit. Dieses Lied könnte genauso gut die Hymne von Detroit sein“, spöttelt Alyssa, „denn Geld ist genau das, was die Stadt jetzt am meisten braucht“. Dann wird sie plötzlich ernst und sagt: „Trotzdem lassen wir uns nicht unterkriegen! Detroit wird aus den Ruinen neu auferstehen, wie Phoenix aus der Asche. Daran glaube ich ganz fest!“

Eine Million Bücher bei King's Books.
Eine Million Bücher bei Kings Books.

DETROIT-TIPPS

Übernachten: Inn on Ferry Street à http://www.innonferrystreet.com. Das viktorianische Gebäude liegt im historischen Distrikt von Midtown-Detroit, nicht weit vom Detroit Institute of Arts.

Radfahren: Wheelhouse Detroit à http://www.wheelhousedetroit.com vermietet Fahrräder und bietet geführte Radtouren an.

Verkehrsmittel: Am besten erkundet man die Innenstadt mit der Hochbahn People Mover à http://www.thepeoplemover.com. Eine Fahrkarte kostet 75 Cents. Detroit hat auch ein sehr gutes Bussystem. Auf der Website von http://www.detroitmi.gov findet man unter dem Punkt Bus Service alle Routen. Eine Fahrkarte kostet 1,50 Dollar.

Stadttouren: Kostenlose geführte Stadtspaziergänge à D:hive, 1253 Woodward Avenueà http://dhivedetroit.org

Museen: Detroit Institute of Arts (DIA) à http://www.dia.org.

Motown Historical Museum. Hier befindet sich das berühmte Studio A, wo Welthits entstanden sowie die Wohnung, in der Berry Gordy in den Anfangsjahren lebte à http://www.motownmuseum.org.

Henry Ford Museum in Dearborn. Das Greenfield Village entführt Besucher ins frühe 20. Jahrhundert. à http://www.thehenryford.org.

Musik: Don’t be Afraid of Detroit by I Live Once à Official Video auf YouTube.

Bücher: King Books, 901 W. Lafayett Blvd. 1 Million gebrauchte Bücher auf fünf Stockwerken im Gebäude einer ehemaligen Handschuhfabrik à http://www.rarebooklink.com

Essen: Seva in 66 E. Forest Avenue, nahe dem DIA. Vegetarisches und veganes Restaurant mit großer Auswahl an Gerichten (u.a. mexikanisch, asiatisch) kunterbuntes Publikum vom Kommunalpolitiker bis zum Studenten, preiswerte Menüs à http://www.sevarestaurant.com.

Infowebsites à http://www.visitdetroit.com à http://www.detroitmi.gov

Tipp: Downtown Detroit ist ziemlich sicher, trotzdem sollte man nachts nicht unbedingt allein durch die Innenstadt ziehen. Die Stadtbezirke, in denen die Kriminalitätsrate am höchsten ist, liegen außerhalb von Downtown, wie z.B. Cass Street oder die 8 Mile Road.

Michigan war fünf Jahre lang die zeitweilige Wahlheimat der Autorin.

Die Reportage ist im Schweizer Globetrotter Magazin (Ausgabe Sommer 2014) erschienen sowie im Magazin für Sanierungsmanagement „Return“ (Ausgabe 3/14, November 2014).

Die Autorin vor dem DIA.
Die Autorin vor dem DIA.

 

Detroit: Ausverkauf der Kunst

Das 1883 gegründete Detroit Institute of Arts (DIA) in der Woodward Avenue ist eines der bedeutendsten Kunstmuseen der USA. Die mehr als 65.000 Exponate umfassen die amerikanische Kunst- und Kulturgeschichte seit dem 18. Jahrhundert sowie Exponate europäischer Kunst wie Gauguin, Matisse, van Gogh, Modersohn-Becker, Kandinsky und Munch. Jetzt wird darüber diskutiert einen Teil der Sammlung zu verkaufen, um die Kassen der insolventen Stadt zu füllen.

Detroit Industry
Detroit Industry von Diego Rivera.

Wenn ich in Detroit bin, ist das DIA meine erste Anlaufstelle. Schon seit Jahren. Was ich mir dort immer wieder anschaue, sind die monumentalen Wandgemälde „Detroit Industry“, „Dynamic Detroit“ und „Man and Machine“ von Diego Rivera, die sich auf über 400 Quadratmetern auf 27 Bildfenstern um den zentralen Innenhof gruppieren. Der mexikanische Maler nannte das Werk, das in den Jahren 1933/34 entstand, seine bedeutendste Arbeit.

DIA

Soll Riveras Meisterwerk etwa auch verkauft werden? Werden sie dazu die Mauern abtragen? frage ich mich. „Die Fresken sind unsere Mona Lisa und das Herz von Detroit“, sagt Annmarie Erickson, Vizedirektorin des Museums in einem Interview.

DIA Detroit Industry

Als im letzten Herbst bekannt wird, dass der Krisenmanager der Stadt, Kevyn Orr, das Auktionshaus Christie’s mit der Schätzung von mehreren tausend Kunstwerken beauftragt hat, versammeln sich Hunderte Detroiter vor dem DIA um zu demonstrieren. „Jetzt wollen sie uns das Schönste wegnehmen, das die Stadt zu bieten hat“, schimpft eine alte Frau und weint. „Wo sollen unsere denn Kinder etwas über Kunst lernen, wenn nicht hier?“

Die Schätzungen von Christie’s belaufen sich auf 452 bis 866 Millionen Dollar. Bei 20 Milliarden Dollar Schulden wäre der Verkauf der Kunstwerke nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

DIA
Sonntagsmatinee im DIA.

Adresse: 5200 Woodward Avenue. Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch und Donnerstag 9-16 Uhr, Freitag 10-22 Uhr, Samstag und Sonntag 10-17 Uhr. Montags geschlossen.

DIA

Angriff der Schneepflüge

Winter in Michigan. Seit Tagen schneit es ununterbrochen und wir versinken im Schnee. Daran, diesen wegzuschaufeln, denkt allerdings keiner. Lediglich die Einfahrten werden geräumt … und das mitten in der Nacht!

Lautes Grollen reißt mich aus dem Schlaf, blinkende Lichter huschen wie Schatten über die Wände. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei mit Panzerwagen direkt vor unserem Haus? Ich springe aus dem Bett und schaue aus dem Fenster. Unten stehen zwei riesige Schneepflüge, die festzustecken scheinen. Einer muss  von links gekommen sein, der andere von rechts und nun kommen sie nicht aneinander vorbei. Mussten sie gerade vor unserem Haus mitten in der Nacht aufeinanderprallen?

Die Schneepflüge schieben den Schnee an den Straßenrand und versperren so die Gehwege.
Die Schneepflüge schieben den Schnee an den Straßenrand und versperren so die Gehwege.

„Warum sind um diese Zeit überhaupt Schneepflüge unterwegs?“ frage ich meinen Lebensgefährten Pat, einen gebürtigen Michigander. „Damit die Straßen am Morgen frei sind!“ antwortet er schlaftrunken. „Aber es ist 2:30 Uhr! Bis um 7 ist sowieso wieder alles zugeschneit!“ schimpfe ich und lege mich wieder hin. Kurz vor 5 reißt mich erneuter Lärm aus dem Schlaf. Dieses Mal sind es nicht die städtischen Schneepflüge, sondern die privaten kleinen der Nachbarn links und rechts von uns, die ihre Einfahrt frei räumen. Es sieht fast so aus, als würden sie ein Wettrennen veranstalten. Die kleinen Schneepflüge ähneln Aufsitzrasenmähern mit Schaufel und machen einen Höllenlärm. Es gibt sie auch als praktische Kombigeräte: im Sommer Rasenmäher, im Winter Schneepflug.

Schneeberge türmen sich vor den Häusern.
Schneeberge türmen sich vor den Häusern.

„Do you have a love-hate relationship with your snow plow driver?“ fragt der Cleveland-Blog in unserem Nachbarstaat Ohio. Ja, das haben wir! Im Cleveland-Blog geht es allerdings nicht um die nächtliche Ruhestörung sondern darum, dass die Schneepflüge zwar die Straßen räumen, gleichzeitig am Straßenrand und vor den Einfahrten aber riesige Schneehügel hinterlassen (siehe Foto). Diese wegzuschippen ist dann Sache der Anwohner. Ansonsten bleiben sie eben liegen, bis der Schnee im März schmilzt.

Bank im Schnee

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt es keine Schneeräumpflicht auf Gehwegen in Wohngegenden, im Staat des unbegrenzten Schneefalls jedoch sehr viel Schnee, den auf dem Gehweg vor seinem Haus keiner wegschippen will. Hauptsache die Einfahrt ist frei und man kommt mit dem Auto raus. Zu Fuß ist bei diesem Wetter sowieso keiner unterwegs. Außer zum Power Walking und Joggen– und diese beiden Aktivitäten finden im tiefsten Winter eben auf den schneematschigen, aber immerhin vom ärgsten Schnee frei geräumten Straßen statt. Die Autofahrer nehmen Rücksicht, denn schließlich sind sie nach Feierabend selbst eifrige Power Walker und Jogger. Ist man aber nicht als Power Walker, sondern als ganz normaler Fußgänger unterwegs, gibt es ein böses Hupkonzert und ein Fingerzeig in Richtung des zugeschneiten Gehwegs.

„Oh my God, what are you doing?“ rufen mir zwei Power Walkerinnen zu, als sie mich auf dem Gehweg durch den knietiefen Schnee stapfen sehen. „I am taking a walk!“ rufe ich zurück, woraufhin ich ein ungläubiges Kopfschütteln ernte.

„She’s from Germany, doing her Spaziergang“, sagt die eine, die meine Nachbarin ist und ein paar Wörter Deutsch kennt, zu ihrer Freundin. „What’s a Spaziergang?“ fragt diese. „Some kind of German power walking, I guess.“ „In the snow? Germans must be crazy!“

Winter in Michigan
Der Winter in Michigan ist nicht nur schneereich, sondern auch eisig!