September 20

Urban Foraging, der neue Trend aus den USA

Obst und Gemüse aus dem Supermarkt oder Exotisches aus fremden Ländern? Die urbane Mittelschicht amerikanischer Großstädte zieht Kraut und Rüben lieber aus den Asphaltritzen am Gehsteig. Auch Chefköche gehen schon selber mal in den stadtnahen Wald, um Bärlauch, Löwenzahn und Pilze aus der Erde zu ziehen. 

Übersetzt heißt Urban Foraging städtische Nahrungssuche. Und genau darum geht es bei diesem neuen Trend aus den USA: Großstädter sammeln Essbares im Asphaltdschungel ihrer Städte, ziehen Weinberglauch und Wildpflanzen aus Betonritzen und graben in Parks nach wilden Pastinaken. In Los Angeles, New York und Chicago wandern ganze Foraging-Kollektive auf Nahrungssuche durch die Straßenschluchten. Auf Foraging-Blogs werden Tipps und Standorte mit anderen „Foragers“ ausgetauscht. Quer durch die Staaten finden Workshops und Kochkurse mit den Ausbeuten aus Parks, Bürgersteigen und Hinterhöfen statt. Waren es im 19. Jahrhundert arme Immigranten, die in Straßen auf Nahrungssuche gingen, ist es heute die urbane Mittelschicht.

Löwenzahn ist ein beliebtes "Sammelobjekt" der Urban Forager.

Löwenzahn ist ein beliebtes „Sammelobjekt“ der Urban Forager.

Copyright: Dave Odd

Copyright: Dave Odd

Früher Comedian, heute Urban Forager

In Chicago, der Stadt mit der innovativsten Küche der USA, genießen Foraging-Expeditionsleiter dank ihrer großen Gefolgschaft fast schon Prominentenstatus.

Ein bekannter Forager ist der Comedian Dave Odd. Seit mehreren Jahren durchstreift der 37-jährige fast täglich die Straßen Chicagos nach verwertbarem Grünzeugs, Kräutern und Beeren. Mit dem Foraging hat er schon als Teenager angefangen. „Die Mutter eines Freundes gab mir damals ein Buch über Urban Foraging und daraus ist ein lebenslanges Hobby geworden“, sagt er. In Chicago durchkämmt er die Straßen und Hinterhöfe seiner Nachbarschaft, verlassene Gelände in benachbarten Stadtvierteln und Parks nach essbaren Wildpflanzen, Beeren und Kräutern. „In den Straßen findet man jede Menge cooles Zeugs wie Minze, Kräuter, essbare Blumen, Zwiebeln, Knoblauch, Früchte, Minze usw. Vieles davon sind verwilderte Garten-Ausreißer. Natürlich darf man den gesunden Menschenverstand während des Foraging in den Straßen nicht außer Acht lassen. Ich selbst durchstreife nur die sauberen Vorstadtgegenden und pflücke nur Sachen an Orten, an denen niemand auch nur einen Grund dazu hätte, Chemikalien gegen Unkraut zu sprühen. Ich sehe es so: wenn man Gemüse aus dem eigenen Garten isst, warum sollte man dann nicht essen, was einen halben Meter davon entfernt wächst? Parks, Flussufer und leere Grundstücke haben eine Menge zu bieten, ganz besonders Obstbäume und Sträucher wie z.B. Maulbeeren, Kupfer-Felsenbirnen, Holunderbeeren, Himbeeren, Brombeeren, wilde Trauben, Äpfel, Birnen, wilde Pflaumen, Schwarzkirschen, Walnüsse, Haselnüsse, um nur einige zu nennen.“

Brombeeren

Neben Obst und Beeren sammelt Dave Odd von März bis November in „Chicagoland“, dem Großraum Chicagos Pilze, pflückt essbare Blumen, wilden Lauch und Knoblauch, wilde Zwiebeln, Knoblauchsenf, verschiedenes Grünzeug und wilden Szechuanpfeffer und was sonst noch an Essbarem in Straßen und Hinterhöfen wächst.

Während der kalten Wintermonate, wenn in Chicago Minusgrade herrschen, durchstreift er ethnische Märkte und Online-Läden nach seltenen und ungewöhnlichen Produkten, Gewürzen und Nicht-Lebensmittel. „Ich betreibe auch ein beheiztes Gewächshaus wo ich alles Mögliche anbaue. Ein paar Dinge kann man übrigens auch im Winter sammeln, wie zum Beispiel Wacholder, Eberesche, Hagebutten und sogar diverses Grünzeugs und Pilze, die während des Tauwetters wachsen“, erklärt er.

Flussufer sind beliebte Ziele der Forager.

Flussufer sind beliebte Ziele der Forager.

Die Produktliste von Dave Odd umfasst heute mehr als 100 Foraging-Delikatessen, die er an über 30 Restaurants im Großraum Chicago liefert. Bleibt ihm bei all der Sammelleidenschaft überhaupt noch Zeit als Comedian auf der Bühne zu stehen? „Ich habe die Comedy vor etwa eineinhalb Jahren erst mal auf Eis gelegt“, erklärt der Forager. Ich konzentriere mich derzeit voll auf meine Obst- und Gemüsefirma. Ich ‚forage’ wann immer ich kann und gehe oft auf Tages- und Wochenend-Foraging-Touren. Wöchentlich verbringe ich 15 bis 20 Stunden mit Foraging“.

Copyright: Iliana Regan

Copyright: Iliana Regan

Gehsteiggemüse ist die neue Delikatesse

Iliana Regan ist Urban Forager aus Leidenschaft. Die 34-Jährige machte vor drei Jahren mit ihrem Underground Dinner Club „One Sister“ Lokalschlagzeilen. Der Dinner Club befand sich in ihrer Wohnung in Andersonville, einem Vorort Chicagos. Dort veranstaltete sie vier bis sechs Abendessen mit jeweils acht bis zwölf Personen im Monat. Seit September 2012 ist sie Inhaberin des Elizabeth Restaurants am Lincoln Square in Chicago. Das kleine Restaurant ist seit seiner Eröffnung Mittelpunkt der Chicagoer Foraging Szene. Billig ist das Essen im Elizabeth nicht gerade. Das billigste Menü kostet 65 Dollar. Es besteht allerdings aus 13 Gängen. Das teuerste, das aus 20 Gängen besteht, kostet 175 Dollar und dauert bis zu fünf Stunden. Die Portionen, die nicht ausschließlich aus Foraging-Produkten bestehen, sind pro Gang übrigens sehr klein. Nicht nur wegen der außergewöhnlich vielen Gänge ist das Elizabeth ein ungewöhnliches Restaurant. Die Tür ist verschlossen, man kann nicht einfach so hineinmarschieren. Wer dort essen will, muss sich auf der Website des Restaurants ein Ticket kaufen. Das Ticketsystem dient zur besseren Planung, denn im Elizabeth gibt es nur neun Tische für insgesamt 24 Personen und pro Abend nur einem Menü zur Auswahl.

Urban-Foraging-Touren

Die ökologische Systemdesignerin, Landschaftsgärtnerin, Gartenbauberaterin und Umweltkünstlerin Nance Klehm gilt als DIE „Foraging-Päpstin“ Chicagos. Als sie vor 15 Jahren mit der Suche nach essbaren Wildpflanzen und Kräutern im Wolkenkratzer- und Asphaltdschungel der Midwest-Metropole begann, war sie eine von wenigen. Heute leitet sie Foraging-Touren durch Chicago, Los Angeles, New York, Montreal, Mexiko City, Warschau und sogar Berlin. Für eine Gruppe bis zu zehn Personen kostet die zweistündige Tour 250 Dollar, für jede weitere Person 20 Dollar. Während der Tour lernen die Teilnehmer alles über verwertbare Pflanzen, denen Sie am Straßenrand und Parks begegnen und wie sie für Mensch oder Tier eingesetzt werden können. Die Tour startet mit einem selbstgemixten Kräutergetränk von Nance und endet mit einer einfachen Kräutermahlzeit.

Vom Gehsteig direkt auf den Tisch.

Vom Gehsteig direkt auf den Tisch.

INFOS:

Anfragen zu Urban-Foraging Touren: Website von Nance Khelm: http://spontaneousvegetation.net/urbanforage/

Elizabeth Restaurant, 4835 N. Western Ave. (Lincoln Square), Chicago

Erschienen in FORUM – Das Wochenmagazin, 20.9.2013