Provenzalisches Lebensgefühl

Wäre er 1951 nicht saarländischer Landesmeister im Seifenkistenrennen geworden, hätte ihn seine Liebe zu Frankreich wohl nicht so geprägt. Der Preis war nämlich ein 5-wöchiger Aufenthalt in der Provence. Obwohl erst sieben Jahre alt, beschloss Wolfgang Roeder damals, eines Tages hier zu leben. Es sollten allerdings noch einige Jahre ins Land gehen, bis es endlich soweit war. Zunächst betrieb er mit einer Partnerin ein renommiertes Hotel in Saarlouis, wohnte aber mit seiner ersten Frau, einer Französin, auf einem alten Bauernhof und später in einer alten Mühle in Lothringen.

1988 zogen die beiden mit ihren Töchtern in die Provence und übernahmen die Leitung eines Hotels. „Dass wir 1994 schließlich die Domaine de Paraillon fanden, war eher ein Zufall“, erzählt Wolfgang Roeder. „Das sechs Hektar große Anwesen war die Wochenendresidenz eines Bauunternehmers. Ich habe an- und ausgebaut, und die Domaine Ostern 1995 als provenzialisches Gästehaus eröffnet“. Die ersten Gäste kamen aus Köln. Noch heute sind es überwiegend Deutsche, darunter sehr viele Saarländer und Stammgäste, auch aus Luxemburg und der Schweiz, die ihren Urlaub auf dem Anwesen verbringen. „Es ist die entspannte, zwanglose Atmosphäre, die uns so gut gefällt. Wir haben hier ein kleines Paradies gefunden, das den typischen Stil und das Lebensgefühl der Provence verkörpert“, sagen Petra und Ralf aus Saarbrücken, die seit fünf Jahren immer wieder anreisen. Wolfgang Roeder, seine Frau Latifa und der 12-jährige Sohn Sami wohnen in dem hübschen zweigeschossigen Landhaus nahe am hellblauen Eingangstor.

Die geschmackvoll in den Farben der Provence eingerichteten Zimmer mit hübsch gekachelten Bädern befinden sich in kleinen Häuschen auf dem Anwesen. Jedes mit eigener Naturterrasse und je nach Lage mit Blick auf den Pool oder auf die herrliche Natur aus Weinreben, Olivenbäumen, Oleander, Zypressen, Zedern und Eichen ringsum. Die Oliven werden im Nachbarort zu Olivenöl für den Eigenbedarf verarbeitet. Die Olivenernte übernehmen Freunde aus dem Saarland.

 

Paraillon

Meine Unterkunft heißt Clairette und steht etwas abseits, umgeben von Weinstöcken und Olivenhainen. Als ich die Tür öffne, hole ich die Natur quasi ins Zimmer. Ich mache es mir auf einem Liegestuhl auf der Terrasse bequem, die ich bei dieser einzigartigen Kulisse am liebsten gar nicht mehr verlassen möchte. Das einzige Geräusch das ich höre, ist das Zirpen von Zikaden. Roséfarbene Trauben hängen üppig an den Reben. Sie sind viel zu verführerisch, um sie nicht zu probieren. Da sie nicht für die Weinproduktion verwendet werden, dürfen sich Gäste an den süß schmeckenden Trauben bedienen.

Trauben

Privatsphäre ist garantiert, denn das Anwesen ist komplett umzäunt. Als ich zu einer Erkundungstour auf dem Gelände aufbreche, begegnet mir unterwegs keine Menschenseele, Kunstwerken dafür umso mehr. Viele Künstler, die hier zu Gast waren, haben ihre Werke hinterlassen.

Paraillon 4

Auch sonst sind Kunstwerke allgegenwärtig – im Kamin- und Speisezimmer hängen Gemälde der saarländischen Künstler Otto Lackenmacher, August Clüsserath, Leo Grewening und Axel C. Gross.

Speisesaal

Abends wird es gesellig, denn Höhepunkt ist das Abendessen, das alle Gäste gemeinsam an einem langen Tisch einnehmen. Je nach Windlage drinnen oder draußen. Es beginnt um 19.45 Uhr mit einem Aperitif. Die Gäste stammen heute Abend alle aus dem Saarland. Ich bin der Neuankömmling, und als Baden-Württembergerin fühle ich mich zunächst etwas als Outsider, was aber unbegründet ist, denn ich werde sofort in die fröhlich lachende Runde aufgenommen.

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„Die Saarländer sind ein Völkchen mit einem ausgesprochenen Sinn für Geselligkeit und Humor“, habe ich irgendwo mal gelesen und kann es beim Abendessen nur bestätigen. Das fünfgängige Menü wird begleitet von leckerem Wein – schließlich befindet sich die Domaine an der provenzialischen Weinstraße, mitten im Côte de Provence Anbaugebiet. Küchenchefin ist Wolfgang Roeders zweite Ehefrau, die sehr sympathische Latifa, die schon ab 17 Uhr in der Küche steht und köstliche Kreationen aus der mediterranen Küche zubereitet. Wir sitzen bis fast um Mitternacht beim Wein. Es gibt viel zu erzählen und zu lachen. Wolfgang Roeder ist zufrieden, dass sich seine Gäste so gut unterhalten. „Hier ist alles sehr familiär“, sagt er. „In einem Hotel ist das anders, viel anonymer. Dort checken die Gäste ein und aus, essen im Restaurant und brauchen nicht die Bekanntschaft mit dem Patron zu machen. Hier bin ich die Identifikationsfigur. Wenn ich abends mal sage, ich esse oder trinke nicht mit, werde ich gleich gefragt, ob ich krank bin. Da es so intim ist, sind die Gäste auch neugierig und fragen, was wir denn im Winter so machen“. Von November bis Ende März ist die Domaine de Paraillon geschlossen. „In den Herbstferien verreisen wir mit unserem Sohn, denn im Sommer hat er nur wenig von uns. Ende der Saison wird alles winterfest gemacht. Es gibt Reparaturen, tausende Millionen Blätter müssen jede Woche weggeräumt werden, und ab März beginnen wir wieder mir den Vorbereitungen. Da wird repariert, an- und umgebaut“, erzählt Wolfgang Roeder, der vor allem wegen des milden Klimas hier lebt. „Und natürlich spielen die Landschaft, das Licht und die Ruhe, die wir hier haben, eine große Rolle. Im Sommer merkt man den Tourismus nicht. In Carcès trifft man zwar auf ein paar Touristen in den Straßen und im Supermarkt, aber Massentourismus gibt es nicht.“

Roeders

Wolfgang, Latifa und Sami Roeder (Copyright: das Foto wurde mir von Wolfgang Roeder zur Verfügung gestellt)

Manchmal mieten deutsche und französische Politiker die gesamte Domaine, denn das Hideaway bietet ihnen Schutz vor Paparazzi. Die harrten jahrelang im 10 Kilometer Luftlinie entfernten Weingut Chateau Miraval aus, dem Domizil von Angelina Jolie und Brad Pitt, die sich seit ihrer Trennung im letzten Jahr aber nicht mehr in dem Traumschloss blicken lassen. Dafür steht bei uns eine Flasche leckerer Rosé aus dem Chateau Miraval auf dem Tisch.

Je einmal im Herbst und im Frühjahr fahren die Roeders nach Deutschland. „Die Domaine de Paraillon ist mein Zuhause, das Saarland ist meine Heimat“, betont Wolfgang Roeder. Es gibt allerdings auch Dinge, die er aus seiner Heimat vermisst, wie saarländisches Bier und eine gute Lyoner. „Früher habe ich im Saarland gar nicht so viele Sachen gegessen, aber hier fehlen mir manchmal die saarländischen Spezialitäten. Was ich noch vermisse ist, abends mal in eine Kneipe zu gehen, wie das im Saarland so üblich ist. Mal einen Salat essen und Bekannte treffen. Das gibt es hier nicht. Die Franzosen gehen abends nicht mehr aus. Wenn sie von der Arbeit kommen, trinken sie ihren Aperitif, dann gehen sie nach Hause. Alle Kneipen sind um 20 Uhr zu, im Sommer haben einige bis um 22 Uhr geöffnet, aber das sind die Ausnahmen. Anders ist es natürlich in Großstädten wie Marseille, Nizza und Cannes“.

Gegen Mitternacht ziehe ich mich in meine „Clairette“ zurück. Die Gutenachtruhe ist gewährleistet dank bequemem Bett, einem dunklen Umfeld und der absoluten Stille, die mich innerhalb von wenigen Minuten in einen paradiesischen Schlaf wiegt.

INFO

Preis: Übernachtung mit Halbpension 175 Euro für zwei Personen, Wohneinheiten mit einem oder zwei Zimmern, Allround-Service.

Allgemeine Informationen: http://www.paraillon.net

Anreise: Mit dem Auto Saarbrücken-Carcès knapp 900 km.

Flug ab Frankfurt bis Nizza oder Marseille, dann Mietwagen. Carcès liegt 91 km von Nizza und 68 km von Marseille entfernt.

Paraillon 2

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Carces

Markttag im nahen Carcès.

Dieser Beitrag ist am 13.10.2017 im Forum-Magazin erschienen.

Vintage Road Trip an der Côte d’Azur

Ein Raunen geht durch die Menge und Kameras japanischer Touristen klicken, als vor dem legendären Hotel Carlton ein Oldtimer-Cabrio vorfährt. Am Steuer sitzt Anton, Chauffeur bei „Rent A Classic Car“. Die Kameras bleiben in Stellung. Wer weiß, welcher berühmte Filmstar gleich aus der Tür des Hotels schreitet und einsteigt.

To catch a thief

Seit Alfred Hitchcock das Luxushotel an der Croisette 1954 in seinem Film „To Catch A Thief“ mit Grace Kelly und Cary Grant verewigte, ist es vom Treffpunkt des Adels und der High Society zum Hotspot von Filmstars aus der ganzen Welt geworden.

Carlton

Pech für die Japaner. Kein Hollywood-Star steigt in den Mercedes SEL 250, Baujahr 1967, sondern nur meine Wenigkeit. Fotografiert wird trotzdem. Das Auto vor der Kulisse des prachtvollen Hotels ist allemal ein Foto wert.

SEL 250

Ich steige ein, mache es mir auf der Rückbank bequem und lächele den Japanern zu. Entlang der Croisette rollt der Wagen gemächlich über Antibes nach Nizza. Warum der Film „To Catch A Thief“ den deutschen Titel „Über den Dächern von Nizza“ erhielt, wo Cary Grant alias Juwelendieb John Robie doch auf dem Dach des Carlton in Cannes sein vermeintliches Unwesen treibt, mag daran liegen, dass Nizza damals als mondäner Badeort weitaus bekannter war als das benachbarte kleine Cannes. Von Nizza sieht man im Film zwar nicht die Dächer, dafür aber das üppige Blütenmeer auf dem Blumenmarkt in der Altstadt, wo John Robie auf der Flucht vor der Polizei zahlreiche Blumenstände über den Haufen rennt.

Mercedes SEL 250

Als wir über den Boulevard des Anglais in Nizza rollen, erntet das weiße Cabrio immer wieder bewundernde Blicke. „What a car“, rufen uns zwei amerikanische Touristen zu und schicken Handküsse hinterher. Durchs Hafenviertel fahren wir hinauf zum Parc Forestier du Mont Boron.

Nizza

Die Aussichtsterrasse des 57 Hektar großen Parks bietet einen atemberaubenden Panoramablick auf die Mittelmeermetropole, die Engelsbucht und zahlreiche Yachten, wovon die größte dem russischen Milliardär Abramowitsch gehört. So die Info von Anton, der den Wagen auf die Grande Corniche steuert, dank zahlreicher Kinofilme die berühmteste Panoramastrecke der Welt.

Nizza Bucht

Die Küstenstraße zwischen Nizza und Menton schlängelt sich in rasanten Haarnadelkurven 500 Meter über dem azurblauen Meer, vorbei an steil abfallenden Klippen auf der einen, und prachtvollen Villen auf der anderen Seite. In „Golden Eye“ rast Pierce Brosnan als James Bond in einer spektakulären Verfolgungsjagd über die Corniche, Emma Stone und Colin Firth haben in Woody Allen’s „Magic in the Moonlight“ eine Autopanne auf der serpentinenreichen Straße, und im Hollywood-Klassiker „Über den Dächern von Nizza“ steuert Grace Kelly einen Sportwagen mit quietschenden Reifen in die engen Kurven, in denen sie 27 Jahre später kurz vor Cap D’Ail tödlich verunglückt. „Da unten liegt die Villa des Bijoux“, sagt Anton und hält kurz am Straßenrand über Saint-Jeannet an. Zwischen Felsen und Bäumen lugt das rustikale Steinhaus hervor, das Cary Grant im Film bewohnt. Es ist in Privatbesitz.

Eze

Spektakulärster Blick ist der auf den Ort Èze, der an einem steilen Küstenabschnitt 430 Meter über dem Meer liegt. Nietzsche soll hier einen Teil seines Werkes „Also sprach Zarathustra“ geschrieben haben. Ein Stück weit verläuft die Corniche oberhalb des Fürstentums Monaco, das mit seinen Hochhäusern nicht so richtig in die Idylle passen will.

Monaco

Anton wendet das Auto und fährt über die Moyenne Corniche nach Villefranche-sur-Mer. Am Ortseingang liegt die extravagante Villa Léopolda. Der 2.700 Quadratmeter große Jugendstilbau, den König Leopold II. von Belgien 1902 errichten ließ, gilt als teuerste Villa Europas. In den 1950er Jahren war sie im Besitz von Fiat-Erbe Giovanni Agnelli, der sie später an den libanesisch-brasilianischen Milliardär Edmond Safra verkaufte. „2008 bot der russische Milliardär Mikhail Prochorow der Witwe Safras 500 Millionen Euro für das Domizil, zahlte 39 Millionen an, trat dann jedoch vom Kaufvertrag zurück, weil ihm 500 Millionen plötzlich zu hoch schienen. Die verärgerte Witwe nahm sich einen Anwalt, verklagte den Russen und durfte die Anzahlung von 39 Millionen behalten“, erzählt Anton.

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Ein gutes Geschäft – Villa behalten und noch ein paar Millionen oben drauf! Drei Jahre später bekundete Roman Abramowitsch Interesse, aber auch er kaufte die Villa letztendlich nicht, besitzt er doch auf Cap d’Antibes schon seit 2001 das Château de la Croë, das bis in die 1950er Jahre als Wohnsitz für den abgedankten englischen König Edward VII., den Duke of Windsor diente, der es später an Aristoteles Onassis verkaufte. Abramowitsch ließ das Schloss für 30 Millionen renovieren und nutzt es heute als Zweitwohnsitz.

Villfranche sur mer

In Villefranche-sur-Mer, der Stadt mit dem größten Kreuzfahrthafen Frankreichs, wurden seit 1938 Szenen von mehr als 150 Kinofilmen und Fernsehserien gedreht, darunter der James Bond Film „Sag niemals nie“, „Kiss and Kill“ mit Ashton Kutcher und der Actionfilm „Transporter 4“. In „Act of Love“ trottet Kirk Douglas 1953 durch die engen Gassen der Altstadt, Cary Grant und Deborah Kerr fahren in dem Melodram „An Affair to Remember“ (Die große Liebe meines Lebens) 1957 vom Hafen mit einer Kutsche zu einem Anwesen über dem Ort.

Villfranche

Catherine Deneuve lehnt 2006 in „Le Héros de la Famille“ an einer Wand in der Rue du Poilu, im amerikanischen Action Thriller „Maximum Risk“ findet 1996 in der engen Straße eine Verfolgungsjagd statt, und die dunkle Rue Obscure aus dem 14. Jahrhundert wird immer wieder für Krimidrehs verwendet. Hier spielen auch Szenen aus Jean Cocteaus letztem Film „Das Testament der Orpheus“ (1960). Der französische Schriftsteller, Maler und Regisseur kam ab 1922 immer wieder in das stufenförmig an einen Hang gebaute Fischerdorf, das ihm zur zweiten Heimat wurde.

Villefranche-sur-Mer

Er logierte stets im selben Zimmer im Hotel Welcome, einem umgebauten Konvent aus dem 17. Jahrhundert. Im heutigen Zimmer 22, dessen Dekor zu seinen Ehren gestaltet wurde, hängen Szenen seiner Filme an den Wänden und über dem Bett prangt sein Zitat „Von Zeit zu Zeit muss man sich mal vom Nichtstun erholen.“

Tipp: Das Tourismusbüro in Villefranche-sur-Mer (www.villefranche-sur-mer.com) bietet Filmtouren zu Drehorten an, während denen auf dem iPad Filmszenen eingespielt werden.

INFO:

Anreise: Flug Frankfurt-Nizza-Frankfurt ab 118 Euro.

Unterkunft: Hotel Carlton, Cannes. In der Nebensaison DZ ab 238 Euro. Hotel Suisse, Nizza, DZ ab 143 Euro, Welcome Hotel in Villefranche-sur-Mer DZ ab 149 Euro.

Essen: Le Relais des Semailles, 9-11 Rue Saint-Antoine, Cannes. Mediterrane Küche bei Kerzenlicht in urigem Altstadt-Restaurant.

Le Mayssa Beach

Le Mayssa Beach, Place Wilson, Villefranche-sur-Mer. Dachterrassen-Restaurant mit Blick auf das Meer, auf der Karte stehen Fisch, Meeresfrüchte und Fleischgerichte.

Rent A Classic Car (www.rentaclassiccar.com) verfügt über mehr als 20 Oldtimer. Günstigster ist der Austin Mini Moke, der 199 Euro am Tag kostet, teuerster der Aston Martin DBS Volante mit 649 Euro am Tag. Die Wagen können mit und ohne Chauffeur gemietet werden.

Mercedes Cabrio

Die Autorin war auf Einladung von Côte d’Azur Tourisme an der Côte d’Azur.

Happy Birthday: 70 Jahre Filmfestival von Cannes

Hätten die faschistischen Regierungen Deutschlands und Italiens 1937 darauf verzichtet, auf die Wahl der Filme beim Filmfestival in Venedig Einfluss zu nehmen, gäbe es die Filmfestspiele in Cannes wahrscheinlich gar nicht. Schockiert über die Einflussnahme beschlossen Filmschaffende aus den USA, England und Frankreich, ein unabhängiges Festival in Frankreich zu gründen. Aufgrund des herrlichen Klimas und der günstigen Lage entschied man sich für die Stadt an der Côte d’Azur. Das Festival sollte am 1. September 1939 beginnen. Nur wenige Stunden vor der Eröffnung überfiel die deutsche Wehrmacht Polen, der Zweite Weltkrieg begann, und die Veranstaltung wurde abgebrochen, bevor sie richtig begonnen hatte. Das erste Filmfestival von Cannes fand sieben Jahre später, vom 20. September bis 5. Oktober 1946 statt.

TraversoGilles Traverso

Wenn das Festival am 17. Mai beginnt, ist auch Gilles Traverso wieder dabei. Wie schon sein Vater und Großvater zuvor ist er einer der acht Fotografen, die direkt auf dem roten Teppich fotografieren dürfen. Sein erstes Star-Foto hat er 1977 mit 18 Jahren geschossen. „Mein Vater schickte mich damals ins Carlton, wo Jane Fonda logierte und sagte: komm bloß nicht ohne ein Foto von ihr zurück! Ich hatte eine Rolleiflex und eine Rolle mit 12 Fotos dabei, war schrecklich nervös und hatte Angst, dass mir nicht ein einziges Fotos gelingen würde. Als die Fotos entwickelt waren, war mein Vater zufrieden und sagte, dass ich eines der wichtigsten Fotos des Festivals geschossen hätte. Tatsächlich ist es bis heute eines meiner Lieblingsfotos, denn es war nicht nur mein erstes Festivalfoto, sondern es war auch das erste Mal, dass ich allein zum Fotografieren losziehen durfte.“ In dem 2011 erschienenen Fotoband „Cannes Cinema“ wird die Geschichte des Festivals mit ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotos der Traversos erzählt.

Filmfestival Cannes

Großvater Auguste und Gründer von „Maison Traverso“, schoss das allererste Bild des 1939 abgebrochenen Filmfestivals – er fotografierte Louis Lumière, einen der Begründer des Kinos, als dieser am 1. September 1939 in Cannes aus dem Zug stieg, um als Ehrenpräsident des Festivals zu fungieren. „Als mein Vater in den 1940er und 1950er Jahren fotografierte, herrschte während des Festivals so gut wie keine Hektik. Die Stars blieben zwei Wochen lang in Cannes und ließen sich höchstens von 10 Fotografen ablichten und von 10 Journalisten interviewen. Heute bleiben sie ein bis zwei Tage und müssen in dieser Zeit vor 100 Fotografen posieren und genau so vielen Journalisten Fragen beantworten.“

festival-cannes-2015©palais-herve-fabre-72Copyright: Palais des Festival et des Congrès de Cannes: Fotograf: Hervé Fabre

Die Traversos hatten alle berühmten Filmstars und Regisseure vor dem Objektiv: Hitchcock, Fellini, Antonioni, Truffaut, Cary Grant, Clint Eastwood, Sophia Loren bis hin zu Brad Pitt und Angelina Jolie. Die Fotos haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Ihnen fehlt das Spontane, die Lebendigkeit.

Traverso 2Ausstellung im Palais des Festivals – Brigitte Bardot, fotografiert von Henri Traverso

„Früher fotografierten wir die Stars am Strand, auf der Croisette oder im Hotel. Das ist mit dem Medienaufkommen, den vielen Schaulustigen und Selfie-Jägern heute nicht mehr möglich“, sagt Gilles Traverso. Es ist kaum vorstellbar, dass George Clooney heute unbehelligt von seinem Hotel zum Festivalpalast spazieren könnte, wie es Paul Newman damals tat.

Einer, der während des Festival alle Hände voll zu tun hat ist Maxime, seit 2002 Concierge im legendären Carlton, das 1954 Schauplatz des Hitchcock-Krimis „To Catch A Thief“ war. Auf Deutsch bekam der Film den Titel „Über den Dächern von Nizza“, obwohl „Le Chat“ ihr Unwesen über den Dächern von Cannes trieb. Während der zwei Wochen im Mai herrscht am Concierge-Tisch allerhand Trubel. Täglich kommen 1000 Briefe und Pakete an, die auf die jeweiligen Zimmer verteilt werden müssen, und die Stars und Filmschaffenden haben rund um die Uhr jede Menge Extrawünsche. „Allerdings keine ausgefallene Wünsche“, sagt Maxime lachend.

MaximeMaxime bei der Arbeit

Eine Begegnung, die er nie vergessen wird, ist die mit Pierce Brosnan, der ihn vom Flughafen aus anrief und ihn um irgendeine Kleinigkeit bat. „Ich erinnere mich nicht mehr, was es war. Als er im Hotel ankam fragte er mich: Sind Sie Louis?“ Ich antwortete, dass er hier keinen Louis gibt, dass mein Name Maxime sei und ich mit ihm am Telefon gesprochen habe. Daraufhin erwiderte er: Ich bin James Bond, und Sie sind während des Filmfestivals Louis. Er blieb zwei Wochen, und zwei Wochen lang war ich Louis. Und für mich war er James. Einmal wohnte er im Martinez, da bei uns alles ausgebucht war. Er kam im Carlton vorbei und sagte: Hallo Maxime, wie geht es Ihnen? Er war nur vorbeigekommen, um mir Hallo zu sagen. Das war schon etwas Besonderes“, erzählt Maxime, der neben Brosnan Sean Penn und Antonio Banderas zu den nettesten Stars zählt. Der aus Aus Aix-en-Provence stammende Concierge liebt Cannes, „weil es wie ein Dorf ist, in dem jeder jeden kennt. Wir haben das Meer und herrliche Strände, in einer Stunde ist man in den Bergen zum Skilaufen, es gibt gute Laufstrecken für Jogger, und wir haben erstklassige Restaurants. Was will man mehr?“

BriardLaurent Briard in seinem Barber Shop

Einen gut gestutzten Bart zum Beispiel, in Barb’Hair Shop. In seinem Laden am Boulevard Carnot hält Laurent Briard seit 2007 das alte Barbierhandwerk am Leben. „In Cannes gibt es unzählige Salons, die auf Frauen ausgerichtet sind, deshalb wollte ich einen reinen Barbershop eröffnen, in dem Männer unter sich sein können“, so der Barbier. Darüber freuen sich während der Filmfestspiele zahlreiche Schauspieler, so im letzten Jahr auch La La Land Star Ryan Gosling, der sich von Laurent den Bart stutzen ließ. Die Ausbildung zum Barbier ist in Frankreich seit den frühen 90er Jahren nicht mehr möglich. Laurent Briard war einer der letzten Auszubildenden in einem Beruf, der zumindest in seinem Land zur aussterbenden Spezies gehört. Sein Laden boomt, seit wieder mehr Bärte getragen werden. Flink schneidet er mit der Schere den Bart von Hand, trimmt die Kanten mit einem Rasierer, schäumt den Hals ein, bearbeitet ihn mit dem Rasiermesser und plaudert dabei über sein Metier. Ob dabei ein Hollywood-Star in dem 50er Jahre Stuhl vor ihm sitzt, beeindruckt ihn wenig.

Die Autorin war auf Einladung von Côte d’Azur Tourisme in Cannes.

Unterwegs in Cannes

Hotellegende Cesar Ritz sagte einmal, es gäbe nur drei Erfolgsfaktoren für ein Hotel: Location, Location und nochmals Location. In dieser Beziehung ist das Carlton schwer zu schlagen. Das große Belle-Epoque-Hotel mit der wunderschönen Zuckerbäckerfassade liegt direkt am Boulevard de la Croisette mit Blick auf die Promenade, den Strand, prachtvolle Yachten und den Mont Chevalier mit der Altstadt Le Suquet.

CannesBlick von meinem Hotelzimmer im Carlton auf die Bucht von Cannes

Fünf Stockwerke unter mir erwacht langsam das Leben auf der palmengesäumten Croisette. Die ersten Jogger sind unterwegs, Hunde werden Gassi geführt, und an dem noch gähnend leeren Strand öffnen Hotelangestellte die Sonnenschirme.

 

Carlton Strand

Als ich das Hotel verlasse ist es noch nicht einmal 9 Uhr, aber die Sonne brennt schon heiß vom strahlend blauen Himmel, als ich die Promenade entlang schlendere. In der Bucht schaukeln eindrucksvolle Yachten, eine prachtvoller als die andere. Ich verlasse die Flaniermeile und überquere den Boulevard dort, wo die Statue von Lord Brougham über einem Brunnen thront.

Lord Brougham

„Hätte man 1834 den ehemaligen Schatzkanzler Lord Henry Brougham und seine Frau Mary wegen einer Quarantäneverordnung gegen die aus Südfrankreich drohende Cholera von der Weiterreise nach Italien nicht abgehalten, wären sie nicht in Cannes hängengeblieben und hätten den Ort zu dem gemacht, was er heute ist“, sagt ein Tourguide zu einer Gruppe britischer Touristen, die sich um das Denkmal scharen. Der Lord und seine Frau verliebten sich in den kleinen Fischerort und ließen sich im Jahr darauf eine Villa im italienischen Stil errichten, und es dauerte nicht lange, bis der englische Adel und Geldadel dem Trendsetter folgte. Noch bevor das Jahrhundert zu Ende war, wimmelte es in Cannes von Grand Hotels und prachtvollen Villen, und die Einwohnerzahl des ehemals unbedeutenden kleinen Städtchens war von 4000 auf 20.000 geschnellt. Henry Brougham gilt als der Gründer von Cannes. Heute hat die Stadt knapp 74.000 Einwohner.

Le Suquet

Über die Rue du Mont Chevalier marschiere ich in das Altstadviertel Le Suquet hinauf. Das kleine Sträßchen ist ganz schön steil, und ich bin außer Atem, als ich auf dem Hügel ankomme. Von der Aussichtsterrasse hinter der Kirche Notre-Dame de l’Espérance habe ich einen herrlichen Blick über die Bucht und die gegenüberliegenden Iles de Lérins. Übertroffen wird die Aussicht allerdings von der Plattform des 22 m hohen mittelalterlichen Wachturms Tour du Suquet, der mir eine traumhafte Sicht über die Dächer von Cannes, den Hafen und das Mittelmeer beschert. Direkt am Hafen liegt das Palais des Festivals et des Congrès, wo im Mai die Filmfestspiele stattfinden.

Blick über CannesDer Hafen mit dem Festivalgebäude

Mein nächstes Ziel ist der Marché Forville in der gleichnamigen Straße. In der Markthalle aus dem Jahr 1870 am Rande der Altstadt bieten rund 80 Händler Obst, Gemüse, Fisch und Meeresfrüchte, Bioprodukte und allerlei Leckereien an. Mich zieht es zum Socca-Bäcker und seinen leckeren Fladen hin.

Socca Cannes

Das einstige Arme-Leute-Essen, das ursprünglich aus Genua stammt und nur aus den drei Zutaten Kichererbsenmehl, Wasser und Olivenöl besteht, wird heiß vom Blech gegessen und schmeckt super lecker. Der Weg zum Markt lohnt sich allein wegen der Socca-Fladen!

Socca

In der parallel verlaufenden schmalen Fußgängerzone Rue Meynardier reiht sich ein Laden an den anderen, in der Rue St. Antoine, der „Fressgass“ von Cannes, ein Restaurant ans andere.

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Es geht langsam auf Mittag zu, die Außentische sind bereits gedeckt. Ein Kellner steht gelangweilt in der Tür eines kleinen Bistrots und wedelt mir mit der Speisekarte zu. „Je regrette“, aber nach dem großen Socca-Fladen steht mir der Sinn nicht nach Mittagessen. Jetzt ist erst einmal ein kleiner Ausflug angesagt.

DSC_5784Unterwegs zur Ile St. Marguerite

Ich laufe zum Hafen hinunter und nehme ich die Fähre zu der kleinen Insel St. Marguerite, die in Sichtweite von Cannes liegt. Die Fahrt dauert nur 15 Minuten. Ob ich es schaffe, die nur 3 km lange und 900 m breite Insel in zwei bis drei Stunden zu umrunden? Mit mir sind ein paar Amerikaner auf dem Boot, die nur ein Ziel haben: das Fort Royal aus dem 16. Jh., einst Staatsgefängnis, dessen berühmtester Insasse elf Jahre lang der Mann mit der eisernen Maske war. Seit Leonardo di Caprio 1998 den legendären Gefangenen im gleichnamigen Film spielte, strömen seine Landsmänner zum Fort hinauf. Mehr als die berühmte Zelle schauen sie sich allerdings nicht an – weit würden sie mit Flip-Flops an den Füßen sowieso nicht kommen.

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Von der Terrasse des Forts bietet sich mir ein grandioser Blick auf Cannes – überfüllte Strände an der Croisette, Ruhe und Idylle pur auf der Insel.

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Vom Fort aus folge ich einem ausgeschilderten Pfad durch Pinien- und Eukalyptuswälder. Unter dem Schatten der Bäume ist es angenehm kühl. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen und außer Vogelgezwitscher kein Laut zu vernehmen. Nur ein Steinwurf von Cannes entfernt, und doch habe ich auf den einsamen Waldwegen das Gefühl, auf der einsamsten Insel der Welt zu sein.

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Am Etang du Batéguier, dem idyllischsten Ort der Insel, befindet sich eine Vogelwarte. Auf dem Inselchen in dem kleinen Teich nisten zahlreiche Zugvögel.

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Ich verweile eine zeitlang auf einer Bank und gehe dann an der Küste entlang zum Bootsanleger zurück, wo sich vor der Fähre bereits eine Menschenschlange angesammelt hat.

Ile St. Marguerite

Vom Hafen aus laufe ich hinüber zum Palais des Festivals et des Congrès. Der Filmfestival-Palast, ist ein klotziger Bau, der irgendwie nicht ins Bild der Umgebung passt und so gar nicht von Glanz und Glamour zeugt. In Cannes wird das Gebäude auch „der Bunker“ (le bunker) genannt.

FestivalpalastCopyright: Cannes Tourisme

Vor dem Gebäude liegt die „Allée des Etoiles“ (das Pendant zum Hollywood Walk of Fame), auf der über 150 Filmstars ihre Handabdrücke in Betonplatten hinterlassen haben.

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Der ursprüngliche Festivalpalast „Palais Croisette“ stand dort, wo heute das Hotel Palais Stéphanie der Marriott-Gruppe steht. Von der Inselumrundung müde, lasse ich mich in einem der zahlreichen Strandrestaurants zu einem doppelten Espresso nieder, der die Lebensgeister weckt, die durch die Nachmittagshitze ermattet sind. Im Gegensatz zum Morgen ist nun fast jeder freie Meter Strand belegt.

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Die Autorin war auf Einladung von Côte d’Azur Tourisme in Cannes.

 

Place Stanislas in Nancy

Den schönsten Platz der Welt, nennen die Einheimischen die monumentale Place Stanislas im Zentrum Nancys. Seinen Namen verdankt der Platz dem entthronten polnischen König Stanislaw Leszczynski, der nach einem verlorenen Krieg ins Exil nach Frankreich floh. Von Ludwig XV., dem Schwiegervater seiner Tochter Marie, erhielt er die Provinz Lothringen. Der Platz ist Dank eines Traumes entstanden, den Stanislaw, so die Legende, im März 1750 hatte. Er träumte, dass er einen Platz von nie da gewesener Pracht erbauen ließe. Groß und erhaben, prunkvoll, majestätisch und zugleich zweckmäßig – ein Platz, der seine Stadt schmücken und seinen Untertanen einen Freiluftsalon geben würde. Putten

Weil Stanislaw ein Mann war, der auf seine Träume hörte, beauftragte er den Architekten Emmanuel Héré mit dem Bau des Platzes und den Gebäuden ringsum. Ergebnis war eines der schönsten Beispiele des französischen Klassizismus. An den Seiten des Platzes befinden sich ein Neptun- und ein Amphitrite-Brunnen unter kunstvoll geschmiedeten und vergoldeten Toren. Während der Einweihung 1755 sprudelte Wein statt Wasser aus den Brunnen.

Amphitrite-Brunnen
Amphitrite-Brunnen

Rings um den Platz stehen prächtige Gebäude, wobei das Rathaus, das mit dem Wappen von Stanislaw geschmückt ist, die gesamte Südseite des Platzes einnimmt.

Das Rathaus an der Südseite des Platzes.
Das Rathaus an der Südseite des Platzes.

Den nördlichen Abschluss der Place Stanislas zur Place de la Carrière bildet der monumentale, nach seinem Erbauer benannte Arc Héré, der an den Septimius-Severus-Bogen im Forum Romanum in Rom erinnert. Triuumphbogen NancyAn der Ostseite liegen das Grand Hôtel de la Reine, frühere Residenz des herzöglichen Gutsverwalters Alliot und die Oper, die im 18. Jahrhundert Sitz des Steuereinnehmers war.

Grand Hotel de la Reine.
Grand Hotel de la Reine.

Die Gebäude an der Westseite des Platzes sind der Pavillon Jacquet, in dem sich das Grand Café Foy befindet und das Museum der Schönen Künste, wo zu Lebzeiten des Herzogs das Collège de Médicine untergebracht war.

Grand Café Foy.
Grand Café Foy.

Mitten auf dem Platz steht Stanislaw in Bronze gegossen und blickt von seinem Sockel herunter auf Touristenscharen, Flaneure, Cafés und die ganze Pracht rings um den Platz. Sein rechter Arm ist ausgestreckt. So, als wolle er sagen: „Schaut nur, was ich geschaffen habe!“Stanislas

Die Autorin nahm an einer Pressereise von Atout France teil.

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Pl Stanislas

 

Kochen mit einem Michelin-Sternekoch in Burgund

Aufgrund der Geografie Burgunds weist die Küche eine so große Vielfalt auf wie sonst nirgendwo in Frankreich. Und in keiner anderen Region Frankreichs gibt es so viele Spitzenköche wie in Burgund. Im Kochstudio Passion Cuisine in Rully weihen Sterneköche Kochbegeisterte in die Geheimnisse der burgundischen Küche ein.

Die Liste der kulinarischen Spezialitäten ist lang: Coq au Vin aus dem berühmten Bresse-Geflügel, Weinbergschnecken (Escargots à la bourguignonne), Jambon persillé, die mit viel Petersilie gewürzte Schinkensülze, Quiche au Fromage (fast 30 Käsesorten gibt es in Burgund), die nach der Regionalhauptstadt benannte Allround-Zutat Dijon-Senf, Fleischgerichte aus dem Burgunder Charolais-Rind, 300 Sorten Pilze aus den Morvan-Wäldern, Fische und Krebse aus den über 70 Flüssen Burgunds, das Dijoner Honig-Gewürzbrot Pain d’Épices. Nicht zu vergessen die berühmten Rotweine Pinot Noir (Spätburgunder), die zu den teuersten der Welt gehören, die Weißweine Chablis und Chardonnay, der Johannisbeerlikör Crème de Cassis, der Cocktail Kir Royal, der mit Crémant, einem nach Champagner-Methode hergestellten Schaumwein und Crème de Cassis gemischt wird.

Julien Burdin
Julien Burdin

Mit verschränkten Armen steht Julien Burdin im Kochstudio Passion Cuisine und nickt uns lächelnd zu. Heute ist er für Chefkoch Yohan Chapuis vom 1-Sterne-Restaurant Greuze in Tournus eingesprungen. Julien ist zweiter Koch im Greuze. Sandrine Biniek, Teilhaberin des Studios, verteilt Plastikschürzen und Rezepte für ein Drei-Gänge-Menü, das in den nächsten 60 Minuten unter Anleitung von Julien zubereitet werden soll. Aufmerksam studieren wir die drei Blätter mit den Rezepten. Zur Vorspeise gibt es Jakobsmuscheln im Speckmantel. Die Vegetarier unter den Teilnehmern dürfen eine geschäumte Kürbis-Velouté zubereiten. Als Hauptspeise ist Kabeljau-Rücken in Chorizo-Kruste und Haricot-Coco-Creme vorgesehen (wir Vegetarier begnügen uns mit der reichhaltigen Bohnen-Creme und Gemüse) und zum Nachtisch gibt es Pistazien-Financiers und Himbeer-Sorbet.

Pistazienkuchen

Zutaten und Arbeitsmaterial stehen bereits auf der Arbeitsfläche. Julien erklärt uns, wie wir vorgehen müssen und gibt immer wieder Tipps, wie etwas besonders schaumig, locker oder fest wird. Sandrine übersetzt auf Deutsch, denn nicht alle Anwesenden sprechen Französisch. Auf die Frage, woher sie so gut Deutsch könne, antwortet sie: „Ich war von 1993 bis 1994 als Au-pair in Bochum, in einer sehr netten Familie, mit der ich fast 20 Jahre später immer noch Kontakt habe. Sie sind Teil meiner Familie“.

Sandrine Biniek
Sandrine Biniek

Das Kochstudio befindet sich im Weinbaugebiet Rully, im Herzen von Burgund und wurde 2005 von Kochenthusiast Guy Capron gegründet. Sandrine Biniek, Philippe Masson und Jean Pierre Despres übernahmen das Studio von Guy Capron vier Jahre später, als dieser sich in den Ruhestand verabschiedete. Die drei Freunde waren zuvor im 3-Sterne-Restaurant Maison Lameloise in Chagny angestellt. Philippe, der Küchenchef, als Konditor, Jean Pierre als Chef-Sommelier und Sandrine als Empfangsdame. Weil alle drei etwas völlig anderes machen wollten, das aber trotzdem mit Speis und Trank zu tun haben sollte, kam das Verkaufsangebot von Capron zur rechten Zeit.

Passion Cuisine

Wöchentlich finden vier bis fünf Kochkurse unter Anleitung eines Sternekochs statt. Drei Chefköche teilen sich die Arbeit: Yohan Chapuis vom Restaurant Greuze in Tournus, Bruno Monnoir von Le Benaton in Beaune und Cédric Gaudin vom Restaurant le Parcours à Chalon sur Saône.

Die Kochkurse, die hauptsächlich abends oder am Wochenende stattfinden, sind nicht nur für Erwachsene gedacht, auch Kinder dürfen mitkochen. „Ob Anfänger oder Fortgeschrittene, bei Passion Cuisine ist jeder Teilnehmer auf dem gleichen Niveau“, erklärt Sandrine. Gekocht wird im Kurs jeweils ein Menü mit Vorspeise, Hauptgericht und Dessert, das anschließend zu einem köstlichen Burgunder Wein gegessen wird. Vegetarier und Allergiker werden berücksichtigt und bekommen Rezepte ohne Fleisch, Milch, Ei oder Gluten.

Weitere Informationen und Preise der Kochkurse: http://passion-cuisine.com

Zwei Rezepte aus der Cuisine Passion:

Kürbissuppe

Geschäumte Kürbis-Velouté

Zutaten für 6 Personen:

600 g Kürbis (in große Würfel geschnitten)

1 EL Butter

500 ml Milch

2×300 ml Sahne

1 Schalotte

Salz

Pfeffer

Zubereitung:

Schalotte kleinschneiden und in einem Topf mit Butter glasig dünsten. Kürbiswürfel zugeben und etwa drei Minuten unter Rühren bei mittlerer Hitze andünsten. Milch und 300 ml Sahne hinzufügen und 30 Minuten bei schwacher Hitze köcheln lassen. Dann die restlichen 300 ml Sahne zugeben, mit Salz und Pfeffer abschmecken und alles durch ein feines Sieb pressen. Mit Schneebesen (oder Stabmixer) aufschäumen. Lauwarm servieren.

Himbeer-Sorbet

Himbeer-Sorbet

Zutaten für 6 Personen:

700 g Himbeeren (frisch oder tiefgekühlt)

150 g Puderzucker

Saft einer halben Zitrone

Zubereitung:

Himbeeren mixen und zur Saftgewinnung durch ein Sieb streichen. Zitronensaft zugeben und Puderzucker untermischen. Mischung in Eismaschine geben und sobald das Sorbet gefroren ist mit einem Löffel kleine Knödel formen.

Hinter diesem eher unscheinbaren Eingang verbirgt sich Passion Cuisine.
Hinter diesem eher unscheinbaren Eingang verbirgt sich Passion Cuisine.

Die Autorin war auf Einladung von Atout France in Burgund.

Erschienen in FORUM – Das Wochenmagazin unter dem Titel  „Kochen wie die großen Meister“, 10. Januar 2014.

Morgenspaziergang durch Dijon

„Ne me quitte pas – verlass mich nicht“, trällert ein traurig aussehender junger Mann und spielt dazu Gitarre. Er sitzt auf einer Bank an der Place Darcy. Für wen spielt er, so früh am Morgen? Für die Berufstätigen, die an der Straßenbahnhaltestelle stehen? Oder für seine Freundin, die ihn verlassen hat? Vielleicht ist sie unter den Wartenden und der Jaques Brel-Klassiker ist allein für sie bestimmt.

Dijon

„Ein menschenleeres Altstadtzentrum ist Luxus für den Reisenden“ denke ich, als ich die Place Darcy hinter mir lasse. Nur wenige Menschen sind morgens um halb acht in der Rue de la Liberté, der Haupteinkaufsstraße Dijons, unterwegs. Markiert wird der Beginn der Straße vom Triumphbogen Porte Guillaume, dem Tor zu der vom Mittelalter geprägten Altstadt mit Fachwerkhäusern und kopfsteingepflasterten Straßen.

Porte Guillaume

Die Frage, in welche Richtung man gehen soll, lässt sich nur schwer entscheiden. Geradeaus, oder rechts oder links in eine der kleinen Gassen? Ich entschließe mich dazu, erst einmal die Rue de la Liberté entlangzulaufen und stoße auf die Place François Rude mit dem alten Brunnen, der einen Winzer beim Keltern darstellt und an die Zeit erinnert, als die Trauben noch mit den Füßen gepresst wurden.

Place Francois Rude

Die Straßencafés rings um den Brunnen sind noch geschlossen. So leer werde ich den Platz am Nachmittag nicht mehr vorfinden. Neben dem Brunnen steht ein Karussell aus der Belle-Époque-Zeit. Es ist Gustave Eiffel gewidmet, dem berühmtesten Sohn der Stadt.

Karussell Dijon

Auf beiden Seiten der Rue de la Liberté sind bunte Flaggen an den Häusern angebracht. Es sind die Flaggen der Gemeinden  des Départements Côte-d’Or, dessen Hauptstadt Dijon ist.

Rue de la Liberte

Zwei junge Amerikaner versuchen, die Pharmacie du Miroir, ein gewaltiges altes Fachwerkhaus mit ihrer Kamera einzufangen. Es gelingt nicht auf Anhieb, das Gebäude ist zu groß. Zwei asiatische Touristinnen drücken sich an den Schaufenstern der Galeries Lafayette die Nasen platt und verewigen die Auslagen auf ihren Kameras.

Pharmacie du Miroir

Ich biege immer wieder in die kleinen Seitengassen rechts und links der Rue de la Liberté ein. Meistens mit dem Blick nach oben zu den Dächern mit den prächtigen farbigen Mustern.

Farbige Dächer DijonIch stelle mir vor, wie hier das Leben in den vergangenen Jahrhunderten gewesen sein muss. Manche Gebäude haben kleine Holztüren, die damals in die großen Doppeltore eingefügt waren, sodass Pferdekutschen in den Hof einfahren konnten. Eine der Türen steht offen und ich wage einen Blick hinein. Wilder Wein und Efeu ranken sich an einem Fachwerkhaus empor. In der Mitte des Hofes steht ein alter Brunnen auf dessen Rand eine grau getigerte Katze sitzt und sich putzt. Als ich näherkomme springt sie herunter und verschwindet durch ein geöffnetes Fenster im Erdgeschoss. Eine alte Frau tritt aus der Tür und schaut mich fragend an. In holprigem Französisch erkläre ich ihr, dass ich mir nur mal kurz den Innenhof anschauen wollte. „Diese Touristen“, scheint sie zu denken. Ich fühle mich plötzlich wie ein Eindringling und ziehe mich auf die Straße zurück.

Hausfassaden Dijon

Die Rue de la Liberté führt zum halbkreisförmigen, von Kolonnaden gesäumten Place de la Libération, wo der Palais des Ducs steht. Bis heute bildet der Palast den Mittelpunkt der Stadt.

Palais des Ducs

Dort, wo die Herzöge von Burgund seit dem 14. Jahrhundert Hof hielten, ist heute das Musée des Beaux-Arts untergebracht, das zu den ältesten Kunstmuseen Frankreichs zählt. Im Westflügel des Palasts befindet sich das Rathaus. Hier residierte von 1945 bis zu seinem Tod 1968 der Namensgeber des Kirs, Bürgermeister Félix Kir, dessen bevorzugter Apéritif  Weißwein mit einem Schuss Crème de Cassis war. Bei Empfängen im Rathaus servierte er seinen Gästen ausschließlich diesen Blanc Cassis, der ihm zu Ehren bald Kir genannt wurde.

Place de la Liberation

Hypermoderne Bodenwasserspiele ziehen sich auf zwei Seiten quer über einen kleinen Teil des Platzes. Im Sommer ganz sicher eine willkommene Abwechslung, an diesem kühlen Herbstmorgen lässt mich das Wasser frösteln. Zwei Japanerinnen bitten mich, sie vor den kleinen Wasserfontänen zu fotografieren. Sie drücken mir ihr iPhone in die Hand, gehen in die Hocke und lächeln in die Kamera. „For our friends on Facebook“, sagen sie, als ich ihnen das Gerät zurückgebe.

Place de la liberationRund um den Herzogspalast stehen prächtige Patrizierhäuser aus dem Mittelalter und der Renaissance. In einem der Prachtbauten befindet sich das Café Les Grands Ducs, das bereits um 7 Uhr morgens öffnet. Trotz der kühlen Temperatur sitzen ein paar Frühaufsteher an den Tischen vor dem Café, lesen Zeitung und nippen ab und zu an ihrem Café au lait. Drinnen sitzen zwei ältere Frauen und sind in ein Gespräch vertieft. Aus einem Lautsprecher tönt leise Klaviermusik. Ich setze mich an einen Tisch ans Fenster und beobachte bei einer Tasse Tee das morgendliche Geschehen auf der Place de la Libération, die sich langsam mit Touristen füllt. Ein Skateboarder dreht seine Runden, ein Junge jagt seinem Hund hinterher, der sich von der Leine losgerissen hat, junge Mütter schieben Kinderwagen über den Platz. Ein junges Paar sitzt auf einer Bank, beide in das Display ihres Smartphones vertieft. Als ich das Café verlasse, sehe ich den jungen Mann mit der Gitarre von der Place Darcy wieder. Er lehnt gegen eine Hauswand und singt „L’amour est mort“ – die Liebe ist tot.

INFO

Allgemeine Informationen: Burgund-Tourismus und Atout France.

Übernachten: Grand Hotel la Cloche an der Place Darcy.

Einkaufstipps Burgunder Spezialitäten

Dijon Senf: Maille, 32, Rue de la Liberté (einstiger Hofliferant Napoleons).

Pain d’épices: Mulot et Petitjean, 13, Place Bossuet

Moutarde Maille

Essen: Le Grand Café, 5, Rue du Château (gegenüber der Galeries Lafayette)

Anreise: Mit dem Flugzeug bis Paris. Ab Flughafen Charles de Gaulle TGV-Direktverbindung nach Dijon (Dauer 1 Stunde 40 Minuten). Mit dem Zug ab Frankfurt 5 Stunden, ab Basel mit dem TGV Rhein-Rhone 1 Stunde 30 Minuten.

Die Autorin war auf Einladung von Atout France in Burgund.

Les Grand Ducs