Molen ter Sleepe – Ferienhausurlaub einmal anders

Die Windmühle in den flämischen Ardennen hat zwar keine Flügel mehr, dafür ist sie im Inneren ein Kunstwerk. Die Stille, die sie umgibt, wird an einigen Tagen nur vom Pfeifen des Windes oder dem Muhen einer Kuh unterbrochen. Die Landschaft aus gelben Feldern und grünen Wiesen rund um die Mühle wirkt wie ein Gemälde aus einer längst vergangenen Zeit. Gent ist nur eine halbe Autostunde, Brüssel knapp eine Fahrtstunde entfernt. Gefühlt sind beide Großstädte jedoch viel weiter weg. Molen ter sleepe

In der Nacht zischt und heult der Wind um die alte Mühle in Markedaal. Die Schatten der sturmgepeitschten Bäume tanzen auf der Terrasse und liefern ein gespenstisches Schauspiel. Im Feuer knacken Holzscheite, die Kerzen auf dem Tisch und in den Fenstern flackern unruhig. Regentropfen schlagen hart gegen die Scheiben der kleinen Fenster. Vom oberen Stockwerk hört man das Knarren der alten Holzbalken. Die fünf Stockwerke der Mühle sind durch eine offene Treppe miteinander verbunden. Wir finden den Lichtschalter nicht und tasten uns vorsichtig an der Wand entlang die enge kurvige Treppe zum Schlafzimmer hinauf. Die dicken Fußbodenbalken aus Eichenholz knarzen gewaltig unter unseren Füßen. Der Lichtschein der Außenbeleuchtung fällt durch das Fenster auf einen Teil der Treppe. Über mir sehe ich plötzlich Arme, die sich uns entgegen strecken. So, als wollten sie uns hinauf ziehen.Molen ter sleepe

Es ist unsere erste Nacht in der Mühle. Am Nachmittag wären wir fast daran vorbeigefahren, denn der flügellose Turm, der versteckt in einer Kurve liegt, ist nicht gerade das, was man sich unter einer Windmühle vorstellt. Wer auch immer die steinerne Getreidemühle 1795 an diese Stelle baute, hat die Windverhältnisse außer Acht gelassen. Wegen der geringen Windstärke auf der kleinen Anhöhe stand sie die meiste Zeit über still. Die Flügel wurden mehr vom Wind mitgeschleift als gedreht. So kam die Mühle schließlich zu ihrem Namen Molen ter sleepe (sleepen bedeutet schleifen). Ein Blitz, der 1938 einschlug, legte die Flügel schließlich vollständig lahm und so klappert die Mühle schon seit weit über 70 Jahren nicht mehr.

Molen ter sleepeDer Genter Künstler Piet van Praet, der sich selbst „crazy artist“ nennt, kaufte die Mühle im Jahr 2000 und hauchte ihr neues Leben ein. Im Wohnzimmer erschuf er ein sechs Meter hohes Mosaikkunstwerk à la Gaudi aus tausenden Spiegelscherben sowie weißen und schwarzen Fliesen. Die Mosaike stellen Algen, Wale und Wellen, das Meer und den Wind dar. 7Van Praet erschuf sich damit seine eigene Unterwasserwelt und verwandelte diese Etage in einen Leuchtturm. Über dem Wal-Mosaik sind vier bunt bemalte beinlose Körper angebracht, deren Arme aus den Hüften ragen. Die Arme, über die ich mich in der ersten Nacht erschrak. Auf der Terrasse hat der Künstler seine Spuren in Form einer Reihe von Insekten aus alten Eisen und dem Esstisch aus Stein hinterlassen.Molen ter sleepe2006 verkaufte van Praet die halb renovierte Mühle. Das Geld vom Verkauf investierte er in eine Segelyacht, mit der er fortan um die Welt reisen wollte. So sein Plan. Irgendwie kam es jedoch nie zu der Reise. Die Yacht nutzt er nun als Hausboot in Gent.

„Bei mir war es Liebe auf den ersten Blick“, erzählt Jo Jo Vander Eecken, der die Mühle mit seiner Mutter Lucrèce kaufte und in ein gemütliches Heim umbaute. Molen ter sleepe„Dass ich eine Menge Arbeit reinstecken musste, hat mich nicht erschreckt. Im Gegenteil. Ich bin Software-Entwickler von Beruf, aber in meiner Freizeit betätige ich mich gerne handwerklich“. Zunächst nahm er das Äußere in Angriff. Das Dach bekam neue Schieferplatten und die Außenwände wurden weiß gestrichen. Molen ter sleepe„Eine titanische Arbeit“, erinnert sich Jo, „besonders im Inneren. Die Mühle war voller Leitern, weil es keine Treppen gab. Van Praet bewegte sich über die Leitern von einem Stockwerk zum anderen und ist dabei einmal so schlimm gestürzt, dass er sich beide Beine brach. Die besondere Form der Mühle – rund und nach oben immer enger werdend – schreckte Handwerker ab. So war ein Handwerker hier, der ein Angebot für eine Treppe machen sollte. Zwei Stunden lang hat er alles abgemessen, danach verschwand er und wir hörten nie wieder etwas von ihm“, lacht Jo. „Ich habe die Treppe schließlich selbst gebaut, aus den Eichenbrettern alter Eisenbahnwagons, die wahrscheinlich so alt sind wie die Mühle selbst“. Molen ter sleepeDie meisten Möbel hat er selbst entworfen und im entsprechenden Stockwerk zusammengebaut. Anders ging es nicht, denn für fertige Möbel ist die Treppe viel zu eng und kurvenreich. Ein spezielles Design sind die Sofas und Sessel im Wohnzimmer, die er wie ein Puzzle gestaltet hat – ein Element fügt sich ins andere. Molen ter sleepeGlücklich diejenigen, die Klaviersonaten beherrschen, denn in einer Ecke steht ein Klavier. Über der Stereoanlage daneben steht ein alter Plattenspieler mit der Plattensammlung von Jo.

An den Wänden im Schlafzimmer hat Jo eine Reihe gerahmter Glasfenster in allen Farben des Regenbogens angebracht, die abends eine magische Atmosphäre schaffen und zum Träumen statt zum Lesen einladen.Molen ter sleepeVom Schlafzimmer führt eine steile Leiter hinauf zum Bad unter dem Dach. Um hinaufzukommen, muss man sich an einem Strick festhalten, der rechts von der Leiter von einem Querbalken baumelt. So überlegen wir es uns nachts zweimal, ob wir wirklich raus müssen. Denn die Alternative wäre drei Stockwerke ins Untergeschoss hinabzusteigen, wo sich ein zweites Bad befindet. Molen ter sleepeDas Bad aus massiver Eiche unter dem Dach ist ein wahres Prunkstück. Die bunten Spiegelmosaike an der dem großen Fenster gegenüberliegenden Wand verteilen das einfallende Licht gleichmäßig im Raum. Von der Badewanne aus hat man durch die großen Fenster einen unendlich weiten Blick über Bauernhöfe, Wiesen, Felder und Kühe. Der Flickenteppich aus gelben Feldern, grünen Wiesen und Kühen, die um eine Trauerweide stehen, wirkt wie ein Gemälde. MarkedaalLiegt man einmal in der Wanne, möchte man bei dieser Aussicht am liebsten nicht mehr raus. Bis auf das Pfeifen des Windes, das man hier oben besonders laut wahrnimmt, herrscht absolute Stille.

Markedaal

Markedaal

INFO

Die Molen ter Sleepe in Markedaal-Nukerke (ca. ½ Autostunde von Gent entfernt) bietet Platz für sechs Personen (2 Schlafzimmer, 1 Schlafcouch im Wohnzimmer) und ist ganzjährig über den Ferienhausvermittler Belvilla (www.belvilla.de) buchbar.

Nächst größere Stadt (30.000 Einwohner) und Einkaufsmöglichkeiten: Oudenaarde (ca. 2 km).

Die Autorin verbrachte auf Einladung von Belvilla eine Woche in der Mühle.Molen ter sleepeIn veränderter Form unter dem Titel „Mühle im Tiefschlaf“ im Mannheimer Morgen vom 27.12.2014 erschienen.

Der Artikel war für den „HomeAway Medienpreis“ 2014 nominiert.

Die Fritten von Antoine

Fritten einigen die zerstrittenen Flamen und Wallonen, denn sie sind das Nationalheiligtum aller Belgier. Die besten Fritten gibt es bei Antoine in Brüssel, darin sind sich Belgier, Ausländer und New York Times einig. Seit drei Generationen pflegt der Fritten-Pavillon Maison Antoine im Europaviertel das Rezept für die schmackhaftesten Pommes frites.

Die Belgier schwören, dass die Pommes frites in ihrem Land erfunden wurden und liegen damit mit den Franzosen im Streit. Streit hin oder her, der älteste Hinweis auf die Zubereitung der Fritten stammt von dem Historiker Joseph Gérard aus dem Jahr 1781. In seinem Buch Curiosité de la table dans les Pays Bas Belges schrieb er: „Die Einwohner von Namur, Huy und Dinant haben die Gewohnheit, in der Maas zu fischen, diesen Fang dann zu frittieren, um ihren Speisezettel zu erweitern. Wenn die Gewässer zugefroren sind und das Angeln nur schwer möglich ist, schneiden die Einwohner Kartoffeln in Fischform und frittieren diese dann. Diese Vorgehensweise ist 100 Jahre alt“. (Zitat aus „Vom Arme-Leute-Essen zum belgischen Nationalgericht“, Sendung im Belgischen Rundfunk Juni 2010). Die Franzosen, räumen die Belgier ein, waren lediglich die ersten, die die Fritten kommerzialisiert haben. Wann die Fritten die Form annahmen, die sie heute haben, ist allerdings unklar. In Belgien gehören sie seit Jahrzehnten in verschiedenen Variationen zu fast jedem Gericht. Und zwar sowohl im flämischen als auch im wallonischen Teil des Landes. Die Vorliebe für die Fritten eint alle Belgier – so politisch zerstritten sie auch sind. Selbst bei Königs kommen sie regelmäßig auf den Tisch, sagt man. 

Die besten Fritten der Welt, so sagen die Brüsseler, gibt es bei Antoine. Antoine Desmet und seine Frau eröffneten ihr „Maison Antoine“ am Place Jourdan im Jahr 1948. Heute führen seine Enkel, Pascal und Thierry, den Fritten-Pavillon bereits in der dritten Generation, an sieben Tagen der Woche (von 11.30 bis 1.00 Uhr nachts, freitags und samstags sogar bis 2 Uhr). Als der im vorigen Jahr abgedankte König Albert II seinen 70. Geburtstag feierte, ließ er seinen Gästen Fritten servieren, die in der königlichen Küche von einem mobilen Team des „Maison Antoine“ zubereitet wurden. Noblesse oblige!

Was Antoines Fritten so besonders macht, will ich nun selbst erfahren und mache mich auf den Weg zum Europaviertel.

Maison Antoine
Maison Antoine

Es regnet in Strömen, als ich am Place Jourdan ankomme. Trotz des Regens hat sich eine lange Schlange vor dem Maison Antoine gebildet. Es ist um die Mittagszeit. „Warten bis zum Umfallen! Jeden Tag dasselbe!“ höre ich eine Stimme neben mir. Sie gehört einer Frau im dunklen Kostüm, die mit ihren hochhackigen Schuhen in einer Pfütze steht. Wahrscheinlich arbeitet sie in einem der nahen EU-Gebäude. „Stehen Sie hier jeden Mittag Schlange?“ frage ich sie. „Na ja, fast jeden Tag – hier gibt es nun mal die besten Fritten der Stadt und dafür nimmt man halt das Schlangestehen in Kauf, auch bei Regen!“ antwortet sie.

Die Fritten von Antoine.
Die Fritten von Antoine.

„Was macht Antoines Fritten so besonders?“ will ich von ihr wissen und erfahre, dass das Geheimnis des einzigartigen Geschmacks darin liegt, dass die Pommes nicht nur einmal, sondern nach einer Ruhepause von zehn Minuten ein zweites Mal frittiert werden. Nicht in Öl, sondern in Rindertalg. „Rindertalg?“ frage ich ungläubig. „Ja, belgische Fritten werden traditionell in Rinderfett frittiert – nicht nur bei Antoine“. Als Vegetarierin, die sich zu 90% vegan ernährt, hat sich das Warten für mich nun erledigt. „Versuchen Sie es mit Brussels Sprouts (Rosenkohl), der Veganer-Fritte“, lacht sie. „Rosenkohl, das Nationalgemüse der Belgier. Aber darauf habe ich im Moment überhaupt keinen Appetit.

INFO

Anreise: Flug nach Brüssel mit Lufthansa z.B. ab Frankfurt 180 Euro. Aktuelle Sparangebote hier.

Unterkunft: Radisson Blu Royal (z.B. über Expedia DZ 2 Tage für insgesamt 223 Euro).

Maison Antoine: http://www.maisonantoine.be

Ausflugstipp: In Brügge wurde 2008, im Jahr der Kartoffel, das weltweit erste Frittenmuseum (Frietmuseum) eröffnet.

Gent in 48 Stunden

„Gent – zuviel für nur eine Nacht“ steht auf der Infobroschüre des Tourist Office. Mit Recht. Man braucht mehr als nur einen Tag, um die quirlige Stadt zu erkunden. Doch wo anfangen?

„Mit dem Genter Altar“, rät die Taxifahrerin und tritt aufs Gas. „Ihr habt noch eine knappe Stunde, bevor die St. Bavo-Kathedrale geschlossen wird“. Der monumentale Flügelaltar der Brüder Jan und Hubert van Eyck aus dem Jahr 1432 gilt als das bedeutendste und gleichzeitig rätselhafteste Kunstwerk seiner Zeit. Seit Jahrhunderten interpretieren Kunsthistoriker die nach der Apokalypse des Johannes gemalte Anbetung des Gotteslammes immer wieder neu. „Ich hoffe, ihr schafft es noch“, sagt die Taxifahrerin und deutet auf die lange Schlange als sie vor der Kathedrale hält. Knapp eine Million Touristen aus aller Welt bestaunen jährlich den Genter Altar in der nördlichen Turmseitenkapelle. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr, als wir endlich an der Reihe sind und Audioguides erhalten. Deshalb hören wir uns nur sechs der zwölf Beschreibungen an, wobei jeder von uns einen anderen Bildausschnitt wählt.

Von der Kathedrale laufen wir zur Graslei, „dem schönsten Fleckchen der Stadt“, so ein Reiseführer.Graslei

Es ist Freitagabend. Im mittelalterlichen Hafen mit der historischen Häuserzeile und den vielen Kneipen, Restaurants und Straßencafés herrscht buntes Treiben. Wer sich keinen freien Platz an einem Tisch ergattern kann, setzt sich mit seinem Glas Bier ans Ufer.Gent

Musik dröhnt aus den Kneipen. Ein Straßenkünstler führt Akrobatik vor, ein Gitarrist sitzt in einem Boot und spielt Yesterday von den Beatles. Ein paar Jugendliche tanzen am Ufer zu der Musik, die aus einem mitgebrachten CD-Player tönt. Als es anfängt zu regnen quetschen wir uns zu einem Glas Genever an einen der mit Schirmen überdachten Tische und beobachten das Treiben ringsum. „Willkommen im Herzen der Stadt“, prostet uns ein Einheimsicher zu.Graslei Gent

Am nächsten Morgen beginnen wir unsere Tour auf Burg Gravensteen (Grafenstein). Nicht, weil sie mitten in der Stadt liegt, sondern weil sich unser gleichnamiges Hotel direkt gegenüber befindet. Die imposante Burg der Grafen von Flandern ist das älteste Gebäude Gents (Entstehungszeit um 807) und eine der größten Wasserburgen Europas.Gravensteen In 15 Stationen, von denen wir aber immer wieder abweichen, werden wir durch die Burg geführt. Am längsten verweilen wir auf dem Wehrgang im Burghof, da man von dort aus einen herrlichen Blick über Gent hat. Das Innere der Burg versetzt uns zurück ins Mittelalter: Ritterrüstungen, eine umfangreiche Waffensammlung, Folterwerkzeuge und Kerkerloch.

Folterkammer auf Burg Gravensteen.
Folterkammer auf Burg Gravensteen.

Da es uns bald fröstelt – nicht nur von den Folterwerkzeugen, sondern von der Kälte in den Räumen – verlassen wir das mächtige Bollwerk und gehen Richtung Kraanlei zum Haus von Alijn (Huis van Alijn). Dort machen wir eine Zeitreise in die frühen bis 70er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Innenhof im Haus von Alijn.
Innenhof im Haus von Alijn.

Das kleine Volkskundemuseum besteht aus mehreren weißen Häusern, die sich um einen Hof reihen. Eine reiche Genter Familie stiftete das Anwesen im 14. Jahrhundert als Waisen- und Armenhaus aus Sühne für einen begangenen Mord. In jedem Zimmer tauchen wir in ein anderes Jahrzehnt ein: Tauf- und Babykleider aus dem frühen 20. Jahrhundert, Mode aus der Zeit des 1. und 2. Weltkrieges, Hunderte von Privataufnahmen von Genter Familien, Alltagsgegenstände, Spielzeug, die Nachbildung eines Tante-Emma-Ladens und vieles mehr. Im Innenhof steht eine typische Arbeiterkneipe, in der sich eine asiatische Touristengruppe tummelt.

Tante Emma Laden im Haus von Alijn.
Tante Emma Laden im Haus von Alijn.

Auf dem Weg zurück ins Zentrum gehen wir über den Sint-Veerleplein, dem ältesten Versammlungsplatz der Stadt. In früheren Jahrhunderten diente er als Markt, während der Zeit der Inquisition als Hinrichtungsstätte. Heute ist er Treffpunkt für Einheimische und Touristen aus aller Welt – wahrscheinlich ein Grund dafür, warum sich das Fremdenverkehrsamt Visit Gent hier niedergelassen hat. Blickpunkt dort ist der hochtechnologische Designtisch von Arne Quinze. Visit Gent befindet sich auf dem Komplex des Alten Fischmarktes, von dem heute nur noch die monumentale Eingangspforte aus dem Jahr 1689 übrig ist.

Neptun thront über dem Eingang zum Alten Fischmarkt.
Neptun thront über dem Eingang zum Alten Fischmarkt.

Nach einem ausgiebigen Mittagessen im nahen veganen Restaurant Avalon (Gent gilt als Veggie-Hauptstadt Europas) setzen wir unsere Tour am Wasser entlang Richtung St.-Michael-Brücke fort. Von der Brücke haben wir einen einmaligen Blick auf die Skyline der Stadt.Skyline Gent

Eigentlich wollten wir eine Tour mit dem Boot machen, aber es fängt plötzlich derart zu regnen an, dass wir ins nächste Taxi springen und uns in den Citadelpark zum Museum für schöne Künste fahren lassen.

Hartgesottenen macht eine Bootsfahrt bei Regen nichts aus.
Hartgesottenen macht eine Bootsfahrt bei Regen nichts aus.

Highlights hier sind Werke von Hieronymus Busch sowie Zeichnungen und Gemälde der Romantiker, Impressionisten, Expressionisten und Surrealisten des 19. und 20. Jahrhunderts. Als wir das Museum verlassen scheint die Sonne und wir machen uns zu Fuß ins Zentrum zurück. Gegenüber des Citadelparks, auf der Charles de Kerchovelaan, steht ein monumentales Gebäude, das an ein Schloss erinnert. Es ist das HISK (Hoger Institut für schöne Künste), wie wir auf Nachfrage am Eingang erfahren.

HISK.
HISK.

„Kommt doch herein und schaut euch um. Wir haben Tag der offenen Tür“, lädt uns ein Mitarbeiter ein und drückt uns einen Lageplan der Künstlerstudios in die Hand. Junge Künstler aus allen Teilen der Welt haben in dem Gebäude ihre Studios, arbeiten dort und stellen aus. Eine mit roter Farbe gepinselte Linie führt über den Hof zu den Studios auf mehreren Stockwerken. Wir kommen mit dem Italiener Andrea Galiazzo ins Gespräch, der hier seine Gemälde „Chickens and Ducks“ ausstellt. Alle anderen Künstler sind uns ehrlich gesagt zu abstrakt und wir können nicht erkennen, was sie eigentlich darstellen wollen.

Der italienische Künstler Andrea Galiazzo vor seinen Werken.
Der italienische Künstler Andrea Galiazzo.

Unseren letzten Vormittag haben wir mit einem Flohmarktbesuch auf dem Beverhoutplein verplant. Die Sonne scheint und trotz der frühen Morgenstunde (okay, es ist schon 9, aber es ist Sonntag), sind die Tische der Straßencafés rund um den Flohmarkt alle besetzt. An den Ständen herrscht geschäftiges Treiben. Schon von weitem sehe ich eine afrikanische Holzskulptur, die ich unbedingt haben möchte. Sie um die 1,20 Meter hoch und würde gut in eine Ecke meines Flurs passen. Aber wie soll ich sie transportieren? „Unter dem Arm“, sagt der Verkäufer. Ich bitte ihn, die Skulptur erst einmal beiseite zu stellen, da wir erst noch ausgiebig über den Markt bummeln möchten.Flohmarkt in Gent

Wer sucht findet hier garantiert alles, was sein Herz begehrt: Antiquitäten, feines Porzellan, antike Vogelkäfige, Schallplatten, Gemälde, Musikinstrumente, Kleider, Jugendstilpuppen, Lampen und och mehr afrikanische Skulpturen und Masken. Mein Sammlerherz schreit „haben!!“ Die Händler sind freundlich und nicht so aufdringlich, wie auf vielen anderen Märkten. Als wir zu dem Stand mit der afrikanischen Holzskulptur zurückkehren, liegt sie schon in ein kariertes Tischtuch verpackt auf dem Boden. „So kannst du sie bequem unter dem Arm transportieren“, sagt der Verkäufer. Koffer, Taschen, Skulptur unter dem Arm und mehrmals umsteigen. „Das wird eine schöne Schlepperei“, denke ich.Bahnhof Gent

Wir gehen ins Hotel zurück, holen unser Gepäck und fahren mit dem Taxi zum Lekker in der Maria Hendrikaplein, dem besten veganen Restaurant der Stadt, zum Mittagessen. Günstigerweise liegt es genau gegenüber vom Bahnhof, so dass wir bis zur Abfahrt unseres Zuges in aller Ruhe essen können. Wir lassen die beiden letzten Tage noch einmal Revue passieren und finden, dass Gent nicht nur zuviel für eine Nacht, sondern auch zuviel für nur zwei Tage ist. Es gibt noch so viel mehr zu entdecken als das, was wir gesehen haben.

INFO

Allgemeine Informationen: visitgent.be

Fremdenverkehrsamt: Sint-Veerleplein 5

Trödelmarkt: Jeden Freitag, Samstag und Sonntag von 8-13 Uhr auf der Beverhoutplein.

TIPPS

City Card Gent: 48 Stunden für 30 Euro. Die Karte garantiert freien Eintritt in alle wichtigen Museen, Denkmäler und Hauptattraktionen Gents, freie Fahrt mit Bussen und Straßenbahnen sowie eine Bootsfahrt gratis.

Film-Tipp: Monuments Men. Großartige Aufnahmen von Gent und dem Center Altar. George Clooney’s Film „Monuments Men“ (Außergewöhnliche Helden) spielt zu großen Teilen in Gent.

Die Reise wurde vom Fremdenverkehrsamt Visit Gent unterstützt.

In der offenen Stadthalle von Gent aus Glas, Holz und Beton finden Konzerte, Tanzvorführungen und Märkte statt.
In der offenen Stadthalle von Gent aus Glas, Holz und Beton finden Konzerte, Tanzvorführungen und Märkte statt.

 SCHNAPPSCHÜSSE AUS GENTGent 1

Gent 2

Gent 3

Gent 4

 

 

 

 

 

Gent – Vegetarierhauptstadt Europas

In Gent gibt es im Verhältnis zur Einwohnerzahl so viele vegetarische Restaurants wie sonst nirgendwo in Europa. Und donnerstags zudem einen Veggie-Tag, an dem sich rund 100 Restaurants beteiligen. 

„Wir räumen gerade das Buffet ab – warmes Essen gibt es nur bis 14.30 Uhr und dann wieder ab 18 Uhr“, sagt die Bedienung. Als sie unsere enttäuschten Gesichter sieht meint sie: „Okay, nehmt euch, was übrig ist“. Die Auswahl dessen, was übrig ist, ist überwältigend. Exotische Reis-, Couscous- und Pastagerichte, Teigtaschen, bunte Salate und eine köstlich riechende grüne Suppe. Wir haben seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und sind so hungrig, dass jeder von uns mit zwei Tellern auf dem Tablett zur Waage schreitet. Das Gewicht auf dem Teller entscheidet den Preis.Lekker Gent

Das Lekker ist eines der wenigen rein veganen Restaurants in Gent und macht seinem Namen alle Ehre – alles, was wir auf dem Tablett haben, schmeckt einfach lecker. Einschließlich des veganen Weins. Ich habe das Restaurant auf dem Veggie-Stadtplan des Genter Fremdenverkehrsamts gefunden, auf dem alle vegetarischen, veganen und vegetarierfreundlichen Restaurants verzeichnet sind. Momentan sind es 90, es sollen jedoch weitere hinzukommen. Die vegetarische Welle begann mit dem Experiment „Donderdag Veggiedag“ (Donnerstag Veggie-Tag) vor fünf Jahren.

Nachdem Ernährungs- und Klimastudien ergeben hatten, dass 18 Prozent der belgischen Treibhausgasemissionen durch Fleischkonsum und –produktion entstehen, ergriff die Stadtregierung Gents 2009 mit dem Veggie-Tag Gegenmaßnahmen. In städtischen Kantinen, Krankenhäusern, Kindergärten und Schulen sowie in zahlreichen Restaurants wird seither donnerstags auf Fleisch und Fisch verzichtet.

„Wenn jeder Einwohner Flanderns an einem Tag in der Woche auf Fleisch verzichtet, ersparen wir dem Klima jährlich den CO2-Ausstoß einer halben Million Autos“, so  Tobias Leenart, Direktor der belgischen Vergetarierorganisation (EVA).

AvalonIm Avalon, einem weiteren rein veganen Restaurant auf meiner Liste, wird à la carte serviert. Die Auswahl ist so groß, dass ich mich nicht entscheiden kann und die Bedienung bitte, mir einfach irgendetwas zu bringen. „Whatever you recommend“, antworte ich, als sie mich fragend anschaut. Die Portionen sind riesig. Ich schaffe nur die Hälfte, denn der Gemüse-Smoothie vor dem Essen war schon sehr sättigend. Am nächsten Tag gehen wir wieder ins Lekker, denn am Buffet kann ich selbst entscheiden, wie groß meine Portion sein soll. Dieses Mal stehen wir Punkt 12 vor der Tür. Das Buffet wird gerade angerichtet und wir sind die ersten Gäste. Nur zehn Minuten später ist das Restaurant samt den Straßentischen bis auf den letzten Platz besetzt. Es ist Sonntag. Das Publikum ist kunterbunt: Studenten, Familien mit kleinen Kindern, Rentner und junge Paare. „Wir kommen jeden Sonntag hierher, denn als Veganer bekommst du hier das beste Essen der Stadt“, sagt eine Frau, die mit ihrer 10-jährigen Tochter neben mir am Buffet steht, als ich mir zum Nachtisch ein Stück Mango-Kokos-Kuchen hole.

Lekker - veganes Restaurant und Teesalon.
Lekker – veganes Restaurant und Teesalon.

INFO

Lekker, Adresse: Maria-Hendrikaplein 5-6 (gegenüber vom Hauptbahnhof). Öffnungszeiten: Mo-Sa 12-21.00 Uhr, So 12-15 Uhr. Warme Küche bis 14.30 Uhr und ab 18 Uhr, dazwischen nur Snacks, Tee, Kaffee und Kuchen.

Avalon, Adresse: Geldmunt 32 (nahe Burg Gravensteen). Öffnungszeiten: Die-Sa 11.30-14.30 Uhr.

Bittersüß mit viel Liebe

Vor über 100 Jahren füllte Jean Neuhaus in Brüssel eine cremige Masse aus Butter und Sahne in eine Hülle aus Schokolade und nannte das Ergebnis Praline. Heute gibt es in Belgien über 400 Chocolatiers und Pralinen wie Sand am Meer. Laurent Gerbaud, Meisterchocolatier und junger Wilder einer neuen Schokoladengeneration, hält nichts von süßen Füllungen. Er verfeinert seine Pralinen mit schwarzem Pfeffer, chinesischem Ingwer und anderen exotischen Gewürzen.

Laurent Gerbaud
Laurent Gerbaud: Schokolade macht glücklich!

„Promis juré! Ich schwöre: Die Schokolade von Gerbaud enthält keinen zusätzlichen Zucker, keine Butter, keinen Alkohol, keine Konservierungsstoffe, kein Sojalecithin, keine künstlichen Geschmackstoffe und keine Zusatzstoffe, dafür aber viel Liebe“. Der Schwur des Laurent Gerbaud prangt in großen pinkfarbenen Buchstaben von einem Schild in der Chocolaterie im Herzen der Brüssler Altstadt.

Promis

„Ich komme gerade vom Markt, wo ich frisches Gemüse gekauft habe – ich koche heute nämlich hier“, begrüßt mich der Chocolatier mit den wilden Locken. „Etwa Gemüse mit Schokolade?“, frage ich. Er lacht. „Wir feiern heute den dritten Jahrestag von Chocolats Gerbaud in der Rue Ravenstein. Zur Feier des Tages bereite ich für heute Nachmittag Tapas aus Gemüse und Schokolade zu. Komm doch einfach später vorbei und probier selbst!“

Während eines zweijährigen China-Aufenthaltes entdeckte Laurent Gerbaud, der eigentlich Jura und mittelalterliche Geschichte studiert hat, die Vielfalt asiatischer Gewürze. Da in der chinesischen Küche kaum Zucker verwendet wird hatte der Schokoladenfreak, wie er sich selbst nennt, nach seiner Rückkehr Probleme, sich wieder an die süßen belgischen Pralinen zu gewöhnen. So fing er an, zu experimentieren. Für seine handgeschöpften Kreationen verwendet er Schokolade der Nobelmarke Domori. Der italienische Schokoladenhersteller hat speziell für Gerbaud eine Kuvertüre aus edlen Kakaobohnen aus Ecuador und Madagaskar zusammengestellt. „Jede Sorte für sich allein wäre zu intensiv im Geschmack. In der richtigen Mischung sind sie zusammen jedoch wunderbar“, erklärt mir der Chocolatier und fügt hinzu „ich liebe diese Schokolade!“ Zum Süßen der Schokoladenmischung verwendet er Lavendel-Honig. Wichtige Zutaten für seine Kreationen sind chinesischer Ingwer, Trockenfrüchte wie Orangen aus Shanghai, Feigen aus Izmir und Aprikosen aus Barrydale in Südafrika, schwarzer Pfeffer aus Madagaskar, Chilli, Bergamotte aus Kalabrien, Pistazien, leicht salzige Macademia- oder Pecannüsse und Cashew-Kerne, sowie Kumquats (Zwergpomeranzen) und Yuzu, eine seltene japanische Zitrusfrucht. Allerdings verwendet Gerbaud die Zutaten nicht als Pralinenfüllung, sondern schmilzt sie in der Schokolade ein.

Chocolats Gerbaud

Gerbauds Chocolaterie ist Produktionsstätte, Verkaufsraum und Tee-Lounge in einem. Nur durch eine Glasscheibe vom Laden getrennt arbeiten der Meister und seine Mitarbeiter an ihren Kreationen. Vor der Glasscheibe stehen Neugierige und schauen zu, wie flüssige Schokolade in Förmchen gegossen wird. Die fertigen Produkte werden in grüne, gelbe, pink- und lavendelfarbene Tütchen und Schächtelchen verpackt, die mit einem roten Siegel, dem Logo von Chocolats Gerbaud, versehen sind. Die Inschrift des Siegels besteht aus dem chinesischen Wort für Schokolade. Schön angeordnet stehen die bittersüßen Köstlichkeiten auf hellen Regalen im Verkaufsraum. Hinter einer Glastheke sind frisch zubereitete Pralinen auf Tabletts aufgereiht. Ich habe die Qual der Wahl und entscheide mich schließlich für ein paar Pralinen mit kandierten Früchten, Yuzu, Salz und Pfeffer.

Chocolats Gerbaud

Mit einer heißen Tasse Schokolade aus der leckeren Domori-Kuvertüre, die so dickflüssig ist, dass sie garantiert einer Tafel Schokolade entspricht, und den Pralinen setze ich mich an einen Tisch am Fenster und befolge den Rat des Chocolatiers: Ich konzentriere mich auf den Geschmack und lasse die Schokolade nicht auf der Zunge zergehen, sondern lutsche sie wie ein Bonbon. Ich bin über die Geschmacksintensivität erstaunt. Auch ohne Zusatz von Zucker sind die Pralinen einfach köstlich, sogar die ungewöhnlichen süß-salzigen Kombinationen.

Verkaufsraum

Um mich herum geht es hektisch zu. Eine kleine Gruppe amerikanischer Touristen erhält gerade eine Führung durch den Laden und erfährt von ihrem Tourguide alles Wissenswerte zu den verschiedenen Schokoladenkreationen. An der Theke steht mittlerweile eine lange Schlange aus Brüsselern und Japanern. Erstere decken sich für Wochenendbesuche bei Freunden und Verwandten ein, denn statt Blumen bringt man in Belgien den Gastgebern Pralinen mit. Laurent Gerbaud steht entspannt und gutgelaunt in der Tee-Lounge und probiert Eiscremesorten, die gerade geliefert wurden. „Die Eiscreme aus grünem Tee ist wirklich köstlich, probier mal“, sagt er und hält mir einen Löffel entgegen. Tatsächlich, sie schmeckt paradiesisch gut. Ob sie am Nachmittag, wenn die Tapas serviert werden, wohl mit Schokolade kombiniert wird? Leider schaffe ich es nicht, später noch mal vorbeizukommen und erfahre so nicht, wie Gemüse in Kombination mit Gerbauds Schokoladenkreationen schmeckt.

Chocolats Gerbaud

INFORMATIONEN

Adresse und Öffnungszeiten Chocolats Gerbaud: Rue Ravenstein 2D (nicht weit vom Gare de Bruxelles Central). Montag bis Sonntag von 10.30-19.30 Uhr. Weitere Informationen: http://www.chocolatsgerbaud.be.

Allgemeine Informationen: www.visitbrussels.be