Toronto, die multikulturellste Stadt der Welt

Bunt und vielfältig, lebhafte Innenstadtviertel mit Immigranten aus allen Teilen der Erde, das Eishockey-Mekka schlechthin, eine Stadt der Superlative mit dem höchsten Turm der westlichen Welt, den meisten Graffiti Nordamerikas, der weltweit längsten Straße und dem längstem unterirdischem Wegenetz.

Der Name Toronto, der aus der Sprache der Mohawk-Indianer stammt, bedeutet „Treff- und Sammelpunkt“. Das passt, denn die größte Stadt Kanadas ist kosmopolitisch und multikulturell. Über 40 Prozent der Einwohner wurden im Ausland geboren und neben Englisch werden 140 weitere Sprachen und Dialekte gesprochen. Jede Nationalität hat ihre eigene Identität bewahrt und die vielen ethnischen Viertel im Zentrum zeigen, woher ihre ersten Bewohner kamen. Ein Grund dafür, weshalb die Vereinten Nationen Toronto 1988 zur multikulturellsten Stadt der Welt kürten. 6 Kensington Market 2

Das Völkergemisch erlebt man nirgendwo so intensiv wie im kunterbunten Szeneviertel Kensington Market. Ein Muss für jeden, der das Besondere sucht. Was zuerst auffällt, sind die knallbunt gestrichenen Häuser, wie man sie sonst nur in der Karibik sieht. Hier sind Südamerikaner, Italiener, Griechen, Portugiesen, Koreaner und Vietnamesen zuhause. Im Viertel gibt es kleine Spezialitätenläden, Bäckereien mit leckeren Bagels, Health Food, Smoothie-Läden, Cafés, skurrile Galerien, schräge Vintage-Klamotten und ausgefallene Souvenirs. 7 Kensington Market

Internationale Ketten und Starbucks sucht man hier vergebens. Ein Hingucker sind Street Art und Graffiti – Toronto gilt als die Graffiti- und Street-Art-Hauptstadt Nordamerikas. Rund um Kensington Market findet sich kaum ein Haus, ein Garagentor oder Mauern, die nicht als Leinwand benutzt wurden. Diverse Agenturen bieten Graffiti-Touren mit Street-Art-Künstlern an, auf denen die gesprayten Werke interpretiert und erklärt werden. 8 Street Art

„Einen Einblick in die ethnische Vielfalt der Stadt erhalten Besucher auch im St. Lawrence Market im Zentrum der Altstadt, und zwar von den Verkäufern bis hin zu den angebotenen Waren. Hier kann man außerdem herrlich frühstücken“, erfahre ich von Kathy Buckworth, preisgekrönte Torontoer Autorin, Kolumnistin und TV-Persönlichkeit. In dem Gebäude in der Front Street, das von 1845 bis 1899 als Rathaus diente, befinden sich in der Halle im Erdgeschoss unzählige Lebensmittelstände mit Gemüse und Obst, Käse, Backwaren, Seafood und Delikatessen, in den oberen Etagen sind Restaurants und Kunsthandwerkboutiquen untergebracht. Samstags findet in der Halle ab fünf Uhr morgens der Farmer’s Market statt. 2 CN Tower

Wahrzeichen der Stadt ist der CN Tower, der von überall zu sehen ist. „Wer noch nie in Toronto war, sollte am ersten Morgen auf die Aussichtsplattform Sky Pod hinauffahren und sich die Stadt in der Vogelperspektive anschauen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen“, rät Kathy. Der Fernsehturm, dessen Spitze sich mitunter über den Wolken befindet, ist 553 Meter hoch und war bis zum Bau des Burj Khalifa in Dubai das höchste freistehende Bauwerk der Welt. Vom Sky Pod in 447 Metern Höhe hat man einen spektakulären Rundumblick über die Hochhausschluchten von Downtown Toronto, die Vororte, den Jachthafen, die vorgelagerten Inseln und den Lake Ontario.4 Toronto 2

Ist der Himmel klar, sieht man am anderen Ufer des Sees die gewaltige Gischtsäule der Niagarafälle. Das Sky Pod bietet zudem einen hervorragenden Überblick über das Zentrum und darüber, wie einfach es ist, sich darin zurechtzufinden. 3 Toronto

Die Straßen verlaufen fast alle rechtwinklig zueinander. Die Yonge Street, die Hauptschlagader Torontos, die nach 1896 Kilometern als Provinzstraße im Norden Ontarios endet, trennt das Zentrum in Ost und West. Wer Nervenkitzel nicht scheut, hat die Möglichkeit, in schwindelerregender Höhe auf dem Edge Walk auf einem eineinhalb Meter breiten Sims angeseilt einmal rund um den CN Tower zu wandern. Ich bin nicht schwindelfrei und verzichte.

In der lebhaften Yonge Street mit ihren tausenden kleinen Läden befindet sich die Hockey Hall of Fame. „Ein absolutes Muss für eingefleischte Hockey-Fans“, so Kathy. Eishockey ist Teil der Kultur der Kanadier und Toronto ist das Mekka des Hockeys. 381 Eishockeyspieler wurden bisher in die Hall of Fame aufgenommen. Die Ruhmeshalle fungiert gleichzeitig als Museum mit Ausstellungsstücken zu berühmten Teams und Spielern. 12 Hockey

Wer wie ich nichts mit Hockey am Hut hat und sich stattdessen ein Museum anschauen möchte, geht ins Royal Ontario Museum (ROM) im Queen’s Park, wo auch das prunkvolle Parlamentsgebäude von Ontario steht. Mit über sechs Millionen Exponaten, darunter eine bemerkenswerte Sammlung an Dinosauriern, ist das Museum eines der größten in Nordamerika. „Für mich ist das ROM das beste Museum der Stadt. Es gibt dort umfangreiche Dauerausstellungen, die bei Torontoer Familien sehr beliebt sind, wie die Fledermaushöhle oder die ägyptischen Mumien sowie eine hervorragende Auswahl an Wechselausstellungen. Zudem gibt es zahlreiche Events für Familien und Abendveranstaltungen“, erklärt Kathy. Das ROM besitzt eine große völkerkundliche Sammlung zu Kulturen aus allen Erdteilen sowie die größte Sammlung chinesischer Kunst außerhalb Chinas.

DSC_0693

Wem der Sinn weder nach Hockey noch nach Völkerkunde, sondern nach Kunst steht, macht einen Abstecher in die Art Gallery of Ontario, kurz AGO, in der Dundas Street. Auf 45.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche findet man neben kanadischer Malerei auch die europäische mit Werken von Gauguin, Monet, Van Gogh, Picasso, Renoir, Rubens, sowie mit 141 Skulpturen, 77 Zeichnungen und 711 Drucken die weltweit größte öffentliche Sammlung des britischen Bildhauers und Zeichners Henry Moore. Auch Fotografie ist mit über 11.000 Werken vertreten, die in Wechselausstellungen gezeigt werden. 11 Chinatown 2

Nicht weit von der Art Gallery, dort, wo sich die Dundas Street mit der Spadina Avenue kreuzt, beginnt Chinatown, neben dem benachbarten Kensington Market eines der buntesten Viertel der Stadt. Hier leben rund 350.000 Chinesen. Die Straßenschilder sind sowohl mit lateinischen als auch chinesischen Schriftzeichen beschriftet und an fast allen Geschäften ist chinesische Leuchtreklame in allen Farben des Regenbogens befestigt. In den Läden und bei den Händlern auf der Straße wird alles angeboten, was man sich denken kann: Seidenkleidung in allen Größen, exotische Gewürze, getrocknete Krabben, Reis, gebratene Enten, Porzellan, Badeschlappen, MP3-Player bis hin zu künstlichen Weihnachtsbäumen zu jeder Jahreszeit. An den Ständen wird lebhaft auf Chinesisch verhandelt, diskutiert und gestritten. Ich fühle mich fast wie in Shanghai. 10 Chinatown

Ist Shopping angesagt und das Wetter spielt nicht mit, begibt man sich ins PATH, Torontos Unterwelt, wo sich eine Einkaufszeile mit rund 1200 Geschäften, Cafés und Restaurants befindet, die einmal jährlich den größten unterirdischen Straßenbasar der Welt veranstalten. Das weltweit längste unterirdische Wegenetz verbindet über 50 Gebäudekomplexe im Zentrum, darunter der CN Tower und die Hockey Hall of Fame, über ein Tunnelsystem von insgesamt 30 Kilometern Länge. Sich in diesem Labyrinth nicht zu verlaufen, erfordert allerdings etwas Übung. Es gibt zwar zahlreiche Wegweiser, als Anfänger laufe ich jedoch mehrmals im Kreis und muss zur Orientierung immer wieder an die Oberfläche. DSC_0764

Die schönste Art, den Tag in Toronto zu beenden ist die, wie man ihn begonnen hat. Auf dem CN Tower. Dieses Mal aber nicht auf dem Sky Pod, sondern beim Dinner im „360 Restaurant“, das sich auf 351 Metern Höhe in knapp einer Stunde einmal um den Turm dreht und dabei einen grandiosen Blick über das Lichtermeer von Toronto bietet.

Tipp: Ausflug zu den Niagara-Fällen. Mit dem Bus oder Mietwagen ist man in knapp eineinhalb Stunden dort. Niagara Falls

INFO: Icelandair bietet ganzjährig günstige Flüge direkt ab Frankfurt/Main über Island nach Toronto an. Die Nordamerikastrecke punktet durch kurze Umsteigezeiten, 2 x 23 Kilogramm Freigepäck pro Person in der Economy Class sowie der Möglichkeit, einen Stopover bis zu sieben Nächten in Island einzulegen, ohne dass sich der Flugpreis erhöht.

Weitere Infos zu Toronto: Ontario Tourism www.ontariotravel.net/de

Die Autorin war auf Einladung von Ontario Tourism und Icelandair in Toronto.

Street Art und Graffiti in Toronto

Toronto ist die Graffiti- und Street-Art-Hauptstadt Nordamerikas. Die schönsten „Kunstwerke“ entdeckt man auf Streifzügen in den  Straßen und Gassen rund um den Kensington Market und Chinatown. In vielen Straßen gibt es kaum ein Haus, ein Garagentor oder eine Mauer, das oder die nicht als Leinwand benutzt wurde. Agenturen wie Tour Guys bieten spezielle Graffiti-Touren an, auf denen man alles Wissenswerte zu den gesprayten und gemalten Werken erfährt.

Dieses Kunstwerk war mal ein Baum.
2
Die Agentur „Tour Guys“ bietet geführte Street Art- und Graffiti-Touren an.

3

4

5

6
Der Graffiti-Tour Guide erklärt die Buchstaben des Graffiti.

6a

7
Diese Wandmalerei zeigt die multikulturelle Vielfalt Torontos.

8

9

10

11

12

12a

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

2730

Die Niagara-Fälle aus allen Perspektiven

In der Sprache der indianischen Ureinwohner bedeutet Niagara „donnerndes Wasser“. Pro Minute stürzen 160 Millionen Liter Wasser in 52 Meter Tiefe hinab. Die Niagara-Fälle befinden sich an der Grenze zwischen dem Staat New York und der kanadischen Provinz Ontario, eine Autostunde von Toronto entfernt. Auf der amerikanischen Seite befinden sich die 363 Meter breiten American Falls, auf der kanadischen Seite die 792 Meter breiten, weitaus spektakuläreren Horsehoe Falls.

Heli Niagara

Die beste Sicht auf das hufeisenförmige donnernde Naturwunder erhält man bei einem zehnminütigen Rundflug mit dem Helikopter. Aus der Luft wirken die Wasserfälle viel gewaltiger, als wenn man sie vom Boden oder vom Boot aus betrachtet.

Niagara Falls

Niagara Falls 2

Niagara Falls 3

Niagara Falls 4

Niagara Falls 5

Durch den Thriller „Niagara“ mit Marilyn Monroe und Joseph Cotton wurde die Stadt Niagara Falls 1953 plötzlich zum Flitterwochenziel vieler Amerikaner. Das Filmehepaar Monroe und Cotton trifft auf ein anderes Ehepaar, das gerade seine Flitterwochen in Niagara verbringt und Zeuge wird, wie Monroe ihren Filmehemann umbringen will und schließlich von diesem im Rainbowtower nahe den Fällen selbst ermordet wird. Unzählige Flitterwöchner pilgerten danach nach Niagara Falls und machten die Kleinstadt in den fünfziger und sechziger Jahren zur unbestrittenen Flitterwochen-Hauptstadt Nordamerikas.

Niagara on the Falls
Die Stadt Niagara Falls.

Hornblower

Alle 15 Minuten fährt ein Boot der Hornblower Cruises auf der kanadischen Seite so weit wie möglich an die Horseshoe Falls heran. Wer auf dem Außendeck steht, wird vom starken Sprühnebel eingehüllt und klatschnass.

Hornblower 2

Hornblower 1

Niagarafalls

Niagara Falls

Maid of the Mist
Die „Maid of the Mist“ fährt von der amerikanischen Seite in den Sprühnebel der Horseshoe Falls hinein.
Regenbogen über der Niagarafällen.
Regenbogen über der Niagara-Fällen.

Niagara Regenbogen

Niagara Regenbogen 1

Anreise: Flug mit Icelandair nach Toronto, von dort mit dem Mietwagen oder dem Bus nach Niagara Falls. Iceland Air bietet täglich Flüge ab Frankfurt und München mit Stopover in Reykjavik an. Nur bei Icelandair: In der Economy Class darf jeder Fluggast ohne Aufpreis 2 x 23 kg Gepäck einchecken.

Weitere Infos zu Ontario gibt auf ontariotravel.net.

Die Autorin war auf Einladung von Ontario Tourism und Icelandair in Ontario.

Der Mikrokosmos Montreals

Montreal ist ein Fein­schmecker-Paradies. In der kanadischen Millionenstadt gibt es rund 5.000 Restaurants mit der Küche aus über 80 Ländern. Und den Marché Jean-Talon, den Mikrokosmos Montreals, der die ethnische Vielfalt der Stadt mit Einflüssen aus Kulturen der ganzen Welt reflektiert. der Markt ist ein Fest für Gaumen und Sinne!

Meinen  Artikel findet ihr auf: http://www.neckermann-reisen.de/urlaub/kanada/

Der Blog Post ist über das Fenster “Geheimtipps unserer Reiseblogger” am linken Rand unterhalb der Wetterbox aufrufbar.

Stratford: Wo Shakespeare und Bieber zuhause sind

Das kleine idyllische Städtchen am Fluss Avon in Ontario verwandelt sich seit 60 Jahren von April bis Oktober in einen Festspielort mit einer halben Million Besucher. Und seit ein junger Stratforder über Nacht zum Teenie-Idol einer ganzen Generation erkoren wurde zum Pilgerort zahlreicher nordamerikanischer Teenager.

„Justin wohnt seit 2008 nicht mehr“, sagt die Angestellte im Tourist Office zu einer Gruppe Teenager, die in Begleitung ihrer Mütter aus den benachbarten USA angereist sind, um sich auf die Spuren ihres Idols zu begeben. Sie erhalten den „Justin’s Stratford“ Plan wo alle wichtigen Stationen des Teenie-Stars eingezeichnet sind und machen sich damit auf den Weg. „Seit der Junge ein Weltstar ist, kommen sie das ganze Jahr über in Scharen“, erklärt die Frau dem nächsten Touristen, der aus Schweden kommt und keine Ahnung hat, wer dieser Justin eigentlich ist. Er ist wegen Shakespeare hier.

Wie dieser Sänger fing auch Justin Bieber einst als Straßenmusiker in Stratford an.
Wie dieser Sänger fing auch Justin Bieber einst als Straßenmusiker in Stratford an.

Von April bis Oktober pilgern Kanadier, US-Amerikaner und eine kleine Anzahl Europäer in das beschauliche kleine Städtchen Stratford am Fluss Avon. Sie kommen, um ein Stück von Shakespeare zu sehen. Auf der besten und größten Shakespeare-Bühne Nordamerikas.

City Hall Stratford

Alles wirkt sehr britisch in Stratford. Die viktorianischen Häuser, die Parks, die Geschäfte mit Waren aus Schottland, die Pubs und Restaurants. Auf dem Avon schwimmen Schwäne und Ruderboote gleiten langsam unter hölzernen Bogenbrücken hindurch. Auf der Wiese am Ufer spielen Musiker, College-Studenten sitzen auf Decken im Gras und diskutieren, Familien und Touristen picknicken im Schatten großer Bäume.

Stratford, Ontario

In dieser Umgebung wuchs der 1920 geborene Tom Patterson auf, der als Teenager von seinem eigenen Theater träumte. Eines wie zu Zeiten Shakespeares, wo die Bühne bis in den Zuschauerraum hinein reicht und von drei Seiten mit Sitzen umgeben ist. Wo sonst sollte Shakespeare in Kanada gespielt werden, wenn nicht in Stratford, das nach dem Geburtsort des großen Dichters, Stratford-upon-Avon, benannt wurde?

Stratford, Ontario

Ein anderer Teenager hatte über 70 Jahre später auch einen Traum. Ein Weltstar wollte er werden. Als Kind brachte er sich Schlagzeug, Trompete, Gitarre und das Klavierspiel selbst bei. Mit sechs Jahren verdiente er sein erstes Geld als Straßenmusikant vor dem Avon-Theater, mit 12 war er ein You-Tube-Star, mit 16 ein Weltstar. Justin Bieber.

Festival Theatre Stratford
Festival-Theater Stratford

Tom Patterson musste länger auf die Verwirklichung seines Traumes warten. Erst 1952 konnte er Stadträte und Investoren von seiner Idee überzeugen. Das Startkapital von 150.000 Dollar reichte zwar für den Bau einer Shakespeare-Bühne und die Bezahlung der Schauspieler, war aber zu wenig für den Bau eines Theatergebäudes. Provisorisch wurde deshalb über Bühne und Zuschauerreihen ein gigantisches Zelt errichtet. Star der Premiere im Juli 1953 war der englische Schauspieler Alec Guinness, der Richard III. spielte. In Erinnerung an das erste Festival hat das vier Jahre später erbaute Gebäude des Festival Theaters die Form eines Zeltes. Unübersehbar thront es auf einem Hügel gegenüber der Flusswiese.

Bühne im Festival-Theater (Copyright Stratford Festival).
Bühne im Festival-Theater (Copyright Stratford Festival).

Heute ist das „Stratford Festival Theatre“ das größte Theater seiner Art in Nordamerika. „Was die Größe anbelangt können wir uns durchaus mit dem Royal Shakespeare Theater in Stratford-upon-Avon messen“, sagt Festival-Direktorin Anita Gaffney.

Anita Gaffney
Anita Gaffney (Copyright Stratford Festival).

Jährlich besuchen 500.000 Theaterbegeisterte das Festival. Viele sind Stammbesucher. Während des Festivals sind über 100 Schauspieler am Theater engagiert. „Wer nicht mindestens einmal in Stratford aufgetreten ist, ist kein echter nordamerikanischer Schauspieler“ erklärt Kent von der Gruppe „Friends of the Festival“, die Besucher über die Geschichte des Festivals informiert. Die Liste der berühmten Filmstars, die in Stratford aufgetreten sind, ist lang. Dazu zählen Peter Ustinov, James Mason, Jessica Tandy, Maggie Smith, Christopher Walken, William Shatner, Julie Harris und der kanadische Schauspieler und Oscar-Preisträger Christopher Plummer, der seit 1956 immer wieder in Shakespeare-Stücken brilliert.

Das Festival-Budget 2013 betrug 75 Millionen kanadische Dollar. Davon hätte Tom Patterson 1952 nur träumen können. Die teuerste Produktion in der Geschichte des Festivals war die Rockoper Tommy, die 2013 auf dem Spielplan stand. „Das lag an den vielen Spezialeffekten, die dafür benötigten Techniker, die aufwendigen Kostüme und wechselnde Bühnenausstattung“, sagt Anita Gaffney. „Was war das bisher erfolgreichste Stück?“ will ich von ihr wissen.

„In unserer 60-jährigen Geschichte hatten wir viele Highlights, angefangen mit unserer ersten Produktion, „Richard III.“ mit Alec Guinness. Ebenso „König Lear“ mit Christopher Plummer und „Wie es euch gefällt“ mit Maggie Smith. Erfolgreiche Produktionen der letzten Zeit waren „Der Sturm“ mit Christopher Plummer, „Cymbeline“ und „Maria Stuart“, beide unter der Regie von Antoni Cimolino“, antwortet sie.

Backstage Tour: Schneiderei (Copyright Stratford Festival).
Backstage Tour: Schneiderei (Copyright Stratford Festival).

Kent führt uns hinter die Kulissen. Dorthin, wo Kostüme, Masken und Bühnenbilder entworfen werden. Die Kostüm-Werkstatt mit Blick auf den Fluss ist ein chaotisches Labyrinth aus Nähmaschinen, Büsten, bunten Stoffen und einer Unmenge von Knöpfen in allen Größen und Farben.

Backstage Tour (Copyright Stratford Festival).
Backstage Tour (Copyright Stratford Festival).

An die Werkstatt schließt sich der riesige Proberaum „Rehearsal Hall 3“ an. Der Boden ist in vier Farben markiert, die für die vier Theater (Festival Theatre, Avon Theatre, Tom Patterson Theatre, Studio Theatre) stehen. „Das ist was für dich“, sagt eine Teilnehmerin der Backstage-Tour zu mir, als wir vor dem Reich der Hutmacher stehen und deutet auf meinen Hut. Die schönsten Hüte aus allen Epochen liegen in Regalen. Wie gerne würde ich sie aufprobieren. Anfassen ist jedoch strikt verboten.

Copyright Stratford Festival.
Copyright Stratford Festival.

Im Raum nebenan befindet sich die Schuhwerkstatt. Für jedes Stück werden neue Schuhe entworfen und den Schauspielern individuell angepasst. „Wow, sieh dir diese Haare an!“ sagt die Frau vor mir zu ihrem Mann, als wir in die Perückenabteilung kommen. „Unsere Perückenmacher verwenden nur Echthaar aus Europa und Afrika. Alle Perücken sind handgemacht und bestehen aus 11.000 bis 65.000 Haaren“, erklärt Kent. Hinter den Pappköpfen mit Perücken liegt der Waffenraum. Der ist jedoch verschlossen, denn darin befinden sich echte Waffen. Zu sehen sind hinter einer dicken Glasscheibe lediglich ein paar antike Pistolen, Degen und Messer. Am Ende der Tour stehen wir vor der Shakespeare-Bühne, wo wir am Abend zuvor eine wunderbare und sehr moderne Inszenierung des „Kaufmann von Venedig“ gesehen haben.

Der Kaufmann von Venedig (Copyright Stratford Festival).
Der Kaufmann von Venedig (Copyright Stratford Festival).

Zeit für die anschließende Tour zum Kostümhaus bleibt nicht, denn wir haben Karten für die Nachmittagsvorstellung von „Warten auf Godot“ im Tom Patterson Theater. Die Bühne ist an drei Seiten von Zuschauerreihen umgeben. Treten die Schauspieler ab, müssen sie an den Zuschauern vorbei. So haben wir fast das Gefühl, selbst am Geschehen teilzunehmen.

Copyright Stratford Festival.
Copyright Stratford Festival.

Der amerikanische Film- und Bühnenschauspieler Brian Dennehy, der im ersten Rambo-Film mitgespielt hat, spielt die Rolle von Pozzo. Am selben Abend sehen wir ihn als Earl of Shrewsbury in Maria Stuart. Am Tag zuvor sind wir ihm auf der Straße begegnet. Stratford ist klein. Jeder kennt jeden und jeder kommt mit jedem ins Gespräch – mit Einheimischen, den Schauspielern, den stolzen Müttern von Jungschauspielern in ihrer ersten Hauptrolle und mit Theaterbegeisterten aus aller Welt. Nur die „Bieberaner“ aus den benachbarten USA bleiben lieber unter sich.

Festival-Theater (Copyright Stratford Festival).
Festival-Theater (Copyright Stratford Festival).

INFO

Stratford liegt 150 Kilometer südwestlich von Toronto.

Allgemeine Informationen zu Stratford: http://www.visitstratford.ca

Festival-Spielplan 2014: http://www.stratfordfestival.ca

Stratford Theater Festival

Avon-Theater Stratford.
Avon-Theater Stratford.

Auf dem Sankt-Lorenz-Strom von Montréal nach Québec

Emile, réveille-toi!“ (wach auf!) ruft die ältere Dame neben mir und stößt ihren Mann mit dem Ellbogen unsanft in die Rippen, als ein Anflug von Schlingern ankündigt, dass sich das Schiff in Bewegung setzt. Es ist sieben Uhr morgens und der Himmel ist strahlend blau, als wir Montréal an Bord der „Cavalier Maxim“ Richtung Quebéc City verlassen. Im großen Speisesaal auf dem Unterdeck wird gerade das Frühstück serviert. Verschlafen blickt Émile auf seine Kaffeetasse und wirft seiner Frau einen vorwurfsvollen Blick zu, weil sie ihn aus seinen Träumen gerissen hat.. „Wir haben gestern Abend unseren 40. Hochzeitstag mit Freunden gefeiert, da ist es spät geworden, und heute mussten wir schon um halb fünf aufstehen. Das ist zu früh für ihn“, erklärt Émiles Frau, zeigt auf ihren Mann und nickt mir, mit einem Seitenblick auf meinen Lebensgefährten, der ebenfalls noch sehr verschlafen aussieht, zu. Ich erfahre, dass sie sich die Flusskreuzfahrt nach Quebéc zum Hochzeitstag gegönnt haben. Fast zehn Stunden Fahrt auf dem Sankt-Lorenz-Strom liegen nun vor uns. Montreal

Nach drei Tagen vollem Sightseeing-Programm in Montréal freue ich mich geradezu auf ein paar Stunden Nichtstun. Ich studiere die Karte mit den Aktivitäten, die an Bord angeboten werden. Während der gesamten Reise gibt es auf einem der Außendecks „animation historique“, in der die Passagiere etwas über die Geschichte und Sehenswürdigkeiten der Orte erfahren, an denen die Cavalier Maxim vorbeifährt. Am Vormittag stehen diverse Workshops und Vorträge zu Navigation und dem Lesen von Seekarten auf dem Programm. Auf Deck A gibt es am Nachmittag Bingo und auf Deck C diverse Tisch- und Brettspiele. Am Vor- und Nachmittag findet außerdem eine Apfeleisweinprobe statt. Während des Frühstücks mit mehreren hundert Passagieren geht es lebhaft zu. Teller und Tassen klirren, Kinder quengeln, Kellner bewegen sich flink zwischen den Tischen umher, Passagiere stellen sich einander vor, aus den Lautsprechern erklingt die obligatorische Willkommen-an-Bord-Ansage. Frachtschiff

Irgendwo auf dem Schiff muss es doch eine gemütliche und vor allem ruhige Ecke geben, in die wir uns zurückziehen können? Wir machen uns auf, um die Cavalier Maxim zu erkunden. Auf dem Außendeck vor dem Speisesaal ist außer uns noch niemand unterwegs. Es ist zwar schon sehr warm, aber so windig, dass wir uns entschließen, lieber drinnen nach einem ruhigen Plätzchen zu suchen. Wir gehen aufs Oberdeck und finden eine Lounge mit bequemen Sofas und Sesseln, die außer uns anscheinend noch keiner der anderen Passagiere entdeckt hat. Der ideale Ort, um die Reise zu genießen, denke ich und mache es mir in einem breiten Sessel vor dem riesigen Panoramafenster bequem. Pat, mein Lebensgefährte, zieht sich einen Tisch in die Ecke, packt Papiere und MacBook aus und fängt an zu arbeiten. Kreuzfahrt Quebec Ich genieße die Stille, den strahlend blauen Himmel, das blaue Wasser des Sankt-Lorenz- Stroms vor mir und das herrliche Panorama zu beiden Seiten des Flusses. Gewaltige Fracht- und Containerschiffe ziehen an uns vorbei. Bis zu 50 000 Millionen Tonnen Fracht an Handelsgütern werden jährlich von Ende März bis Ende Dezember, wenn die Wasserstraße eisfrei ist, auf dem größten Binnenschifffahrtsweg der Welt transportiert. Containerschiff Nach und nach füllt sich die Lounge. Auch der schläfrige Émile und seine Frau sind nun da und machen es sich neben meinem Sessel auf dem Sofa bequem. „Hier kann er schlafen. Ich bin übrigens Claire und komme aus Montréal“, stellt sie sich vor und winkt einem Segelschiff zu, das wir gerade über- holen. „Sobald im Mai die ersten warmen Sonnenstrahlen Montréal erreichen, zieht es die Segler bis weit in den Oktober hinein raus aufs Wasser. Wir sind früher auch viel gesegelt“, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Heute lassen wir uns segeln!“ Segelboot

Städte und Dörfer an den Ufern des Sankt-Lorenz-Stroms
Die Tür zur Lounge geht auf und ich höre, dass auf Außendeck B gerade die „animation historique“ beginnt. Die will ich mir keinesfalls entgehen lassen. „Bis später“, rufe ich Claire zu und mache mich auf den Weg zum Außendeck. Ein Crew-Mitglied steht mit einem Mikrofon in der Mitte des Decks und gibt „Geschichtsunterricht“ auf Französisch und Englisch. Mittlerweile ist jeder Stuhl von Sonnenanbetern besetzt, so dass ich mich an die Treppe, die zum Oberdeck führt stelle und zuhöre. Animation historique Kanadas erste Heilige
Das erste Städtchen, an dessen Ufern wir vorbeifahren, ist das rund 21 000 Einwohner zählende Varennes. Hier wurde 1701 Marie-Marguerite d’Youville, die Gründerin der „Sœurs Grises (Grauen Nonnen)“ geboren, deren Orden sich um Waisen, Gefangene, Kriegsopfer und Flüchtlinge kümmerte. Sie wurde 1990 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen und ist die erste in Kanada geborene Heilige. Ihre sterblichen Überreste befinden sich in der 1887 errichteten Basilika Sainte-Anne. Sankt-Lorenz-Strom

Außenpier Montréals
Nicht weit von Varennes liegt das kleine 1681 gegründete Städtchen Contrecœur, das nur knapp über 6250 Einwoh- ner zählt. Es ist die Stahlregion Quebécs. Unter anderem befindet sich hier eine Niederlassung von „ArcelorMittal“, einem der größten Stahlkonzerne der Welt – und aus diesem Grund auch ein Pier, der zum Hafen in Montréal gehört. Da es auf dem Außendeck sehr windig ist, sehne ich mich schon nach wenigen Minuten nach meinem bequemen Sessel in der Lounge. Als Fernand, der „Animateur historique“, eine kurze Pause macht, frage ich ihn, ob er eine Liste mit den Orten hat, die wir passieren. Orte und Landschaft sehe ich schließlich auch durch die Panoramafenster in der Lounge und kann mir gleichzeitig alles Wissenswerte zu den jewei- ligen Städten und Dörfern von meinem Sessel aus im Internet googeln, denke ich. Fernand schlägt mir jedoch vor, dass er nach dem Mittagessen mit einer Landkarte in der Lounge vorbeikommt und mir etwas zu den Orten erzählt. „What a treat!“, sagt Pat, als Fernand sich später mit einer großen Landkarte zu uns setzt und mit seinem „Geschichtsunterricht“ dort weitermacht, wo ich das Deck verlassen habe. Frachtschiff auf dem Sankt-Lorenz-Strom

Der erste Weihnachtsbaum Nordamerikas
In Sorel, der viertältesten Stadt der Provinz Québec, wurde 1781 der erste Weihnachtsbaum in Nordamerika auf- gestellt – „nicht in den USA, wie viele unserer amerikanischen Nachbarn irrtümlich glauben“, erklärt Fernand und zwinkert Pat, der US-Amerikaner ist, zu. Die Stadt ist außerdem berühmt für das „Fort Richelieu“, das 1642 zur Verteidigung der Siedler gegen die Irokesen errichtet wurde. Seit Sorel 2001 mit dem Ort Tracy zusammenge- legt wurde, heißt es Sorel-Tracy. Die beiden Orte sind durch den Richelieu River getrennt. Archipel Lac Saint-Pierre Kurz nach Sorel weitet sich der Sankt- Lorenz-Strom auf einer Länge von 35 Kilometern zum zehn Kilometer breiten Lac Saint-Pierre auf, ein Archipel und Biosphären-Gebiet mit 103 Inseln, das zum UNESCO-Welterbe gehört. Mit über 1300 Vogelnestern zählt der Archipel zu einem der größten Vogelnestgebiete Nordamerikas. Sankt-Lorenz-Strom Römisch-katholische Diözese
An der östlichen Ecke des Lac Saint- Pierre liegt Nicolet, seit 1885 Sitz der römisch-katholischen Diözese von Nicolet. Der kleine Ort wurde nach dem französischen Entdecker Jean Nicolet benannt, der die Gegend um die Großen Seen erforschte und als erster Europäer den Lake Michigan entdeckte. Sankt Lorenz Strom

Zweitälteste Stadt Neufrankreichs, Pilgerort und Hauptstadt der Poesie
Auf der anderen Uferseite des Flusses liegt Trois Rivières. Der Name der fast 132 000 Einwohner zählenden Stadt bezieht sich auf den Fluss Saint-Maurice, der sich vor seiner Mündung in den Sankt-Lorenz-Strom in drei Flussarme teilt. Die Stadt wurde 1634 als zweite Stadt (nach Quebéc) Neufrankreichs gegründet. 1776 war sie Schauplatz der Schlacht von Trois- Rivières während der Invasion von Kanada durch die Amerikaner im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Sie ist eine der weltweit wichtigsten Städte der Papierindustrie. Vom Flussufer gut sichtbar ist die „Notre-Dame-du-Cap Basilica“, eine Wallfahrtsstätte und der Jungfrau Maria gewidmeter Pilgerort – 1879 und 1888 fanden dort zwei Wunder statt, die der Jungfrau Maria zugeschrieben wurden.

Notre-Dame-du-Cap Basilica

Nicht nur Gläubige, auch über 35 000 Poesie-Fans pilgern jährlich Ende September zum „Festival International de la Poésie“, zum Poesie-Festival, nach Trois Rivières. Der Québecer Lieder- macher Félix Leclerc, der hier regelmäßig bis zu seinem Tod 1988 auftrat, ernannte Trois-Rivières zur Hauptstadt der Poesie. „Wenn ihr auf die Île d’Orléans geht, besucht unbedingt das Grab Leclercs – es ist etwas ganz Besonderes“, rät uns Fernand. Wenige Tage später stehen wir vor seinem Grab und wissen, warum. Auf dem Grabstein und rings um das Grab liegen Schuhe – zur Erinnerung an seinen größten Hit „Moi, mes souliers“ (Ich, meine Schuhe). Grab Félix Leclerc

Navigationszentrum Cap- Charles
„Kommt bitte in zehn Minuten aufs Außendeck B – wir haben eine Überraschung!“ sagt Fernand, will uns aber nicht sagen, worum es sich handelt. Als es soweit ist, befinden wir uns auf Höhe des Navigationszentrums „Cap- Charles“. Seit 40 Jahren grüßen die „Botschafter des Sankt- Lorenz-Stroms“, wie sich die Besatzung des Navigationszentrums auf dem Cap nennt, vorbeifahrende Schiffe. Sie informieren sich vorab bei dem jeweiligen Kapitän über die Nationalität der Passagiere und hissen daraufhin die entsprechenden Flaggen. Heute haben sie erfahren, dass sich eine Deutsche an Bord der AML befindet. „Sie haben eine ganz besondere Überraschung für unseren deutschen Gast“, verkündet Fernand durch sein Mikrofon. Cap Charles Als wir auf Höhe des Caps sind, wird gerade die deutsche Flagge gehisst und wenige Sekunden später erklingt die Melodie der deutschen Nationalhymne. Alle Blicke sind nun auf mich gerichtet. Verlegen schaue ich zum Cap hinauf, stehe genauso steif da, wie ein Sportler, der mit einer Goldmedaille um den Hals mit der Nationalhymne geehrt wird. „Das hättest du nicht erwartet, oder?“ lacht mir Fernand zu, als er meine Verlegenheit bemerkt. Wahrscheinlich bin ich im Gesicht rot wie eine Tomate!

Apfeleiswein – eine Spezialität Quebécs
Zeit für ein Schlückchen Apfeleiswein, sage ich zu Pat und ziehe ihn Richtung Lounge, wo ein Stand der „Cidrerie Du Minot“ zur Apfeleisweinprobe einlädt. In Kanada wird Apfeleiswein erst seit den 1990er-Jahren und ausschließlich in der Provinz Quebéc hergestellt. Er wird aus am Baum gefrorenen Äpfeln produziert. Da ich „Ice Cider“ noch nie getrunken habe, bin ich natürlich gespannt, wie er schmeckt. Ice Cidre Während ich diverse Cidres aus kleinen Gläschen probiere, erfahre ich von den Mitarbeitern der Kelterei, Marie-Eve und Alan, nicht nur Wissenswertes über die Ice Cider-Produktion, sondern auch etwas über die Geschichte der Cidrerie. Sie wurde vom Önologen Robert Demoy und seiner Frau Joelle gegründet, die in den 1970er Jahren aus der Bretagne kamen, um in Quebéc einen Neuanfang zu wagen. Nach ein paar Jahren als Angestellte in einem Weinbaubetrieb, machten sie sich 1988 in Hemmingford, im Südwesten der Provinz Quebéc, mit einer Kelterei selbstständig und produzierten ihren ersten Apfelschaumwein, den „Crémant de pomme du Monot“, der bis heute ihr meistverkauftes Produkt ist. Er schmeckt zwar ganz hervorragend, aber meine Favoriten sind der „Crémant de glace“ und der „Du Minot des Glaces“. Chateau Frontenac

„Le Château Frontenac!“ höre ich Claire hinter mir rufen. Wir nähern uns dem Hafen von Quebéc City. Majestätisch thront das Hotel „Fairmont Le Châ- teau Frontenac“ auf dem Cap-aux-Diamants, dem Diamantfelsen. Mit seinen vielen Ecktürmen, Rundtürmen, Schrägdächern und dem grünen Kupferdach erinnert es an ein französisches Loire-Schloss. Wenn Quebéc ein Geschenk der Natur ist, wie der Montréaler Historiker Yves Tessier einmal sagte, dann ist das Château Frontenac ein Geschenk für das Auge, denke ich, als ich das am meisten fotografierte Hotel der Welt mit meiner Kamera heranzoome. Wir werden unsere erste Nacht in Quebéc im Frontenac verbringen – dies ist Bestandteil der Flusskreuzfahrt, die für uns hier endet, für die anderen aber am nächsten Tag weitergeht. Wir haben beschlossen, ein paar Tage in Quebéc zu bleiben und dann mit dem Zug nach Montréal zurückzufahren. River Cruise Québec INFO

Allgemeine Informationen zu Quebéc: www.bonjourquebec.com
Croisières AML: bietet zwischen Juli und Oktober diverse ein- und zweitägige Flusskreuzfahrten, auch mit Whale-Watching in Baie-Ste-Catherine, an. Bei der Reise von Montréal nach Quebéc ist eine Übernachtung im Château Frontenac inbegriffen. Ohne Übernachtung: Rückfahrt nach Montréal mit dem Bus am Abend, im Preis inbegriffen. Mit Übernachtung: Rückfahrt mit dem Zug am nächsten Tag 20 CAD pro Person.
Fairmont Le Château Frontenac: 1, rue des Carrières, Québec.
Erschienen in 360° Kanada, Ausgabe  4/2013
Die Autorin war auf Einladung von Bonjour Québec/Tourisme Québec in Québec.

Fairmont The Queen Elizabeth: Hotel, das auf Nachhaltigkeit setzt

Das Montrealer Luxushotel, in dem John Lennon und Yoko Ono 1969 ihr Bed-in veranstalteten, züchtet auf dem Dach Biogemüse und Honigbienen und besitzt eine Ziege, die Milch für die hauseigene Käseproduktion liefert.

Fairmont Montreal

Das Fairmont The Queen Elizabeth Hotel war schon immer etwas mehr als nur ein Luxushotel. Bei seiner Eröffnung am 15. April 1958 wurde es als Meisterstück der Innovation gefeiert – es war weltweit das erste Hotel mit Air Condition und elektronisch kontrollierbarer Heizung. Hinzu kam, dass es direkt über dem Gare Centrale, dem Hauptbahnhof Montreals, errichtet wurde. Gäste können direkt vom Bahnhof aus mit der Rolltreppe hinauf in die Hotel-Lobby fahren und durch eine unterirdische Galerie gelangt man zu den Einkaufszentren und in die nahe gelegene Altstadt.

Bed-In – Give Peace A Chance

Weltweit Aufsehen erregte das Hotel als am 26. Mai 1969 John Lennon und Yoko Ono in der Suite 1742 im 17. Stock ihr legendäres achttägiges „Bed-in“ begannen. Täglich empfingen die beiden rund 150 Journalisten aus aller Welt, die ihre Friedensbotschaft verkünden sollten.

Bed-In Suite

Das Lied „Give Peace a Chance“ wurde hier geschrieben und aufgenommen. Die Suite war eigens dazu in ein Tonstudio umfunktioniert worden. Bestückt mit Fotos von John und Yoko, goldenen Schallplatten und Zeitungsartikeln aus der Zeit des Bed-ins avancierte die Suite 1742 zur Pilgerstätte und steht auf der Sightseeing-Liste von Beatles-Fans ganz oben – auch wenn sie im Hotel letztendlich vor verschlossener Tür stehen, denn besichtigt werden können die legendären Räume nur, wenn man sie bucht. Gebucht werden kann die Suite allerdings ausschließlich telefonisch. Der Preis liegt bei 1969 kanadischen Dollar für ein Wochenende – die Zahl symbolisiert das Jahr der berühmten Protestaktion. Im Paket enthalten sind der Transport von und zum Flughafen in einer Stretchlimousine, Schlafanzug bzw. Kimono, wie sie John und Yoko während ihres Aufenthalts trugen, eine CD mit der Originalversion von Give Peace a Chance samt Text sowie Frühstück im Bett und zwar mit genau den Speisen, die sich seinerzeit John und Yoko vom Room-Service bringen ließen.

Die vier „Königinnen“ des Fairmont

Das Hotel, in dem sich Hollywoodstars, Hochadel, Staatsmänner und Politiker die Klinke in die Hand geben, hat im letzten Jahr Dauergäste bekommen: Am 1. Juni 2012 bezogen vier Bienenköniginnen samt ihren Untertanen ihre „Honeymoonsuite“ auf dem Dach des Hotels. Von dort aus schwärmen sie zur Bestäubung in die Gärten Montreals aus. Die vier Bienenstöcke, die mittlerweile auf 200.000 Honigbienen angewachsen sind, sollen 200 Kilo Honig im Jahr produzieren, die nicht nur für die Hotelküche gedacht sind, sondern auch im hoteleigenen Shop verkauft werden.

DachgartenDen Bienenstöcken war  im Jahr zuvor die Errichtung eines Biogartens auf dem Dach des 22-stöckigen Gebäudes vorausgegangen, der in seiner ersten Ernte 125 Kilo Kräuter, Gemüse und Früchte für die Hotelküche abwarf. Der Garten wurde im letzten Jahr um 15 verschiedene Tomatensorten, Auberginen, Erdbeeren, Melonen und essbare Blüten erweitert. Gemüse, Obst und Kräuter, die im Hotel-Restaurant serviert werden, stammen aus Eigenproduktion  vom Dach oder vom Marché Jean Talon.

Restaurant Fairmont Hotel

Auch der Ziegenkäse ist ein Hausprodukt – oder fast. Im Frühjahr 2010 adoptierte das Hotel eine Ziege von der lokalen Käserei Fromagerie Du Vieux St-Francois, die Milch für die hauseigene Käseproduktion liefert. Die Ziege, die Blanche Neige heißt, ist allerdings nicht auf dem Dachgarten untergebracht, sondern im Stall der Käserei.

Für Umweltschutz tut das Hotel einiges. Papier, Plastik, Glas, Metall und Batterien werden recycelt. Überzählige Menüs werden an städtische Tafeln oder die Heilsarmee gespendet, kaum genutzte Tagungsmaterialien wie Stifte und Papier an Kindergärten. Shampoos, Seifen und Duschgels, die die Gäste nicht aufbrauchen, gehen an Obdachlosenheime. Ebenso alte Handtücher, Bettlaken und Bademäntel. Im März 2010 erhielt das Fairmont The Queen Elizabeth den Preis für nachhaltigen Tourismus auf dem Grand Prix Du Tourisme Québécois.

Blick vom Fairmont auf Montreal
Blick vom Fairmont auf Montreal

Adresse: 900 Rene Levesque Blvd, Montreal, Quebec.

Allgemeine Informationen zu Montreal: http://www.bonjourquebec.com

Die Autorin war auf Einladung von Bonjour Québec/Tourisme Québec in Montreal.

Foto 1 und Foto des Restaurants: Copyright Fairmont Hotel