Streifzüge durch Santiago de Chile

Gemächlich ruckelt die alte Standseilbahn hinauf zum Cerro San Cristóbal, der auf dem Gipfel von einer 30 Meter hohen Marienstatue beherrscht wird. Der Himmel ist an diesem Morgen strahlend blau, über uns fliegt deutlich sichtbar eine Maschine der Lan Chile, und der Panoramablick auf Stadt und die Anden, die wie eine imposante Kulisse hinter den Wolkenkratzern auftauchen, ist atemberaubend.

Hinunter geht es zu Fuß. Unterwegs gibt es nicht nur allerhand zu sehen, der Weg hinunter führt auch gleich zum nächsten Ziel, zum außergewöhnlichen Wohnhaus Pablo Nerudas „La Chascona“, das an einem der Hänge des Cerro San Cristóbal liegt.

Blick auf Santiago.
Blick auf Santiago.

Der Dichter, der zeit seines Lebens leidenschaftlicher Sammler von Kunstgegenständen war, hat seine drei Häuser in Chile dem Anwachsen seiner Sammlungen durch An- und Umbauten immer wieder angepasst. So auch La Chascona. Die verschachtelten Wohnräume mit dem herrlich bunten Sammelsurium an Möbeln, Geschirr, Kunstwerken und Kuriosem aus aller Welt erreicht man über ein Labyrinth aus Wendeltreppen und Gängen. In der einstündigen Führung erfahren wir allerlei Anekdoten zu den einzelnen Sammelobjekten – manche hat Neruda auf seinen Reisen durch die halbe Welt geschleppt. In der Bibliothek ist die Nobelpreis-Medaille des Dichters ausgestellt.

La Chascona
La Chascona

Es ist Mittag, der Magen knurrt. Nicht all zu weit von Las Chascona, in der Avenida Alameda 1570, liegt die Confitería Torres, Santiagos ältestes Café, das 1879 eröffnet wurde. Einst beliebter Treffpunkt von Intellektuellen, Politikern und der High Society, hat es mit seinem altmodischen Ambiente noch immer das Flair vergangener Tage.

Confíteria Torres.
Confíteria Torres.

Hier wurde das Sandwich Barros Luco erfunden, das mit Rindfleisch vom Grill und Schmelzkäse belegt ist. Benannt wurde es nach dem damaligen Präsidenten Barros Luco (1910-15), der Stammgast im Torres war und stets dieses Sandwich bestellte. Der Kellner ist enttäuscht, dass wir nicht das Sandwich, sondern eine vegetarische und vegane Alternative bestellen. „No carne?“ Er kann es nicht fassen.

Plaza de Armas

Erstes Ziel nach dem Essen ist das historische Zentrum. Wir winken ein Taxi heran und lassen uns zur Plaza de Armas fahren. Taxi fahren ist billig in Santiago. Die Fahrer sind sehr gesprächig und man erfährt unterwegs sehr viel über die Stadt – vorausgesetzt, man spricht Spanisch. Der Platz mit Arkaden und zahlreichen Parkbänken ist das Herz der Stadt und quirliger Treffpunkt von Studenten, Straßenkünstlern, Streichquartetten und Schachspielern.

Buntes Treiben auf der Plaza de Armas.
Buntes Treiben auf der Plaza de Armas.

Rings herum befinden sich das Historische Museum, bis 1810 das Oberste Gericht, die Kathedrale, das Rathaus, wo im 16. Jahrhundert das Gefängnis untergebracht war und das wunderschöne klassizistische Gebäude der Hauptpost (Correo Central). Von hier aus sind es nur ein paar Schritte zur zum Präsidentenpalast La Moneda. Im 18. Jahrhundert der größte Bau der spanischen Kolonien, zählt der Palast heute zu den schönsten klassizistischen Gebäuden des Landes. Hier fand am 11. September 1973 der Pinochet-Putsch gegen Salvador Allende statt, der sich im Palast mit einer Salve aus einer Maschinenpistole das Leben genommen haben soll, als Tiefflieger das Gebäude bombardierten. Der Selbstmord ist bis heute umstritten. Die schwarze Hornbrille, die er damals trug, liegt in einer Vitrine im Historischen Museum (Museo Histórico Nacional) – allerdings nur die zersplitterte linke Hälfte der Brille.

Allende

An der Südseite der Plaza de Armas erinnert seit wenigen Jahren eine Statue an Allende.

Wir entfliehen der Sommerhitze in den von Platanen beschatteten Parque Forestal wo der Deutsche Brunnen steht, der 1910 von Einwanderern gestiftet wurde. Am Ende des Parks liegt Südamerikas ältestes Kunstmuseum (1880), das Museo Nacional de Bellas Artes. Hier dreht sich alles um die Malerei Chiles seit dem 19. Jahrhundert. Sehenswert sind die monumentale gewölbte Glasdecke aus Belgien und die Bilder des Surrealisten Roberto Matta. Im Im selben Gebäude befindet sich das Museum für zeitgenössische Kunst aus dem Jahr 1947. Zu meiner Freude gehören Schwarzweißfotografien vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart zur Dauerausstellung.

Bellas Artes

Park und Museum liegen im schmucken Künstlerviertel Lastarria, wo Künstler, Schauspieler und sonstige Kreative leben. Hier gibt es jede Menge Galerien, Kunsthandwerksläden, Cafés, kleine Restaurants und Kneipen. Auf unserem Streifzug durch das stoßen wir auf die Plaza Mulato Gil de Castro, wo gerade ein großer Bücher- und Trödelmarkt in vollem Gange ist. Studenten verkaufen neben Rentnern Bücher, Schallplatten und Nippes, ein paar Straßenmusiker spielen stehen vor ihrem VW-Bus und spielen, Straßenhunde haben sich vor den Ständen zusammengerollt.

Straßenmusiker in Lastarria.
Straßenmusiker in Lastarria.

Wir erfahren, dass der Markt immer donnerstags und samstags stattfindet. Wir überlegen, ob wir in einem der kleinen Restaurants zu Abend essen sollen, entscheiden uns dann aber für die Piano Lounge im „The Aubrey“ im Bellavista-Viertel. Allerdings erst später am Abend, denn nach dem langen Tag bei über 30 Grad Hitze ist erst einmal schwimmen im Pool im schattigen Garten unseres Hotel angesagt.

The Aubrey.
The Aubrey.

INFO

Nach Santiago kommen Sie ab mehreren deutschen Flughäfen mit LANCHILE

Santiago 2

Straßenkneipe im Bellavista-Viertel.
Straßenkneipe im Bellavista-Viertel.

Die Autorin war privat in Chile.

Isla Negra: Eine magische Reise durch das Sammelsurium des Pablo Neruda

„Ich fand ein Steinhaus direkt am Ozean an einem Ort, den keiner auf der Welt kennt … die wilde Küste der Isla Negra …“, schreibt Pablo Neruda in seiner Autobiografie „Ich gestehe, ich habe gelebt“.

Isla Negra
Isla Negra

Das Haus ist heute das Museum „Casa Museo Isla Negra“ und mit über 250.000 Besuchern jährlich längst kein Ort mehr, den keiner kennt. Als der Dichter das Stück Land an der Playa de Isla Negra 1939 von einem spanischen Seemann kaufte, bestand es lediglich aus einem Steinhäuschen mit drei Zimmern. Durch Um- und Anbauten wurde aus dem Haus im Laufe der Jahre ein riesiges Anwesen mit ineinander verschachtelten Gebäuden, das in seiner Form an die Gestalt Chiles auf der Landkarte erinnert. „Mit Absicht“, soll Neruda gesagt haben.

Blick durchs Fenster in Nerudas Esszimmer
Blick durchs Fenster in Nerudas Esszimmer

Bewappnet mit Audioguide auf Englisch und vierseitiger Hochglanzbroschüre starten wir die Tour. „Fangen Sie bitte mit der Besichtigung des Wohnzimmers an und drücken Sie dazu die Taste 1 auf Ihrem Audioguide“, erklärt uns der Angestellte des Besucherzentrums, der die Tour zwar nicht leitet, aber aufpasst, dass in den Räumlichkeiten keiner fotografiert. Das Wohnzimmer lasse ich zunächst rechts liegen und biege links ins Esszimmer ein, da mich ein Blick durch das Fenster bereits neugierig gemacht hat.

Jenny Lind
Jenny Lind

Dort schaut die schwedische Sopranistin Jenny Lind über den mit bunten Kristallgläsern gedeckten Esszimmertisch hinweg sehnsüchtig aus den großen Fenstern zum Pazifik hinunter. Ihre großen Erfolge feierte sie zwar vor über 150 Jahren, auf Isla Negra lebt sie jedoch als Galionsfigur weiter. Eine von vielen, die der Sammler Neruda im Laufe seines Lebens erwarb. Seine Sammelleidenschaft grenzte an Besessenheit: Skulpturen, Masken, Gemälde, Porzellan, bunte Gläser, farbige und antike Flaschen, Spielzeug, Tische, Stühle, Lampen, Türkniffe, Seekarten, Navigationsinstrumente, Modellschiffe, Flaschenschiffe, Steine, Muscheln und alles, was das Meer ihm direkt vors Haus spülte. Wie die Ladeluke eines Schiffes, die Neruda zu einem Schreibtisch verarbeiten ließ. Allein auf Isla Negra setzte er 3500 kuriose Objekte aus aller Welt auf gekonnte Weise in allen Ecken und Wänden in Szene. „Sammelobjekte waren unsere Reisegefährten auf Schiffen, Zügen und Flugzeugen“, erinnert sich Matilde Urrutia, Nerudas Ehefrau in ihrer Autobiografie. „Sie kreuzten unsere Wege, als ob sie von uns angezogen worden wären“. Das hatte zur Folge, dass Isla Negra durch Um- und Anbauten mit dem Ausmaß von Nerudas Sammelleidenschaft wuchs. „Wenn ich mich nicht dafür entschieden hätte, mein Leben der Poesie zu widmen, wäre ich Baumeister geworden“, sagte Neruda immer wieder.

Pablo Nerudas Wohnzimmer
Wohnzimmer

Die Besichtigung der Räume gleicht einer magischen Reise. In jedem Zimmer erwartet uns eine andere Überraschung. Das Wohnzimmer ist voller Galionsfiguren von alten Schiffen, die Nerudas lebenslange Liebe zum Meer widerspiegeln. Riesige Holzengel, die mit Ketten an der Decke befestigt sind, schweben durch den Raum. Die Tischplatte des Couchtisches ist das mit Glas versehene Steuerrad eines Schiffes. Neben dem Fenster steht an die Wand gelehnt ein Steuerrad, das zu einem weitaus größeren Schiff gehört haben muss. Auf beiden Seiten des mit großen runden Steinen ummauerten Kamins stehen messingfarbene Schiffsanker. Die Hausbar besteht aus einem Sammelsurium leerer Flaschen in allen Farben und Formen. In die Balken hat Neruda die Namen toter Freunde geritzt wie die der Schriftsteller Federico Garcia Lorca, Paul Éluard und Nazim Hikmet. Eine gewundene Treppe führt ins Schlafzimmer hinauf. Die riesige Fensterfront, die an zwei Wänden vom Boden bis zur Decke reicht, gibt einen spektakulären Blick auf das Meer und den schwarzen Felsenstrand frei. Die Zwischentüren in den Gebäuden sind schmal und niedrig und müssen für den hochgewachsenen Dichter viel zu niedrig gewesen sein.

3

„Neruda wollte sich auf Isla Negra gern wie auf einem Segelschiff fühlen“, sagte Rafita, sein langjähriger Handwerker. Wohl auch deshalb sind die mit afrikanischen Masken geschmückten Holzkorridore in den Gebäuden so eng wie auf einem alten Dreimaster. Seine Liebe für Schiffe und das Meer ist überall sichtbar, auch im Arbeitszimmer, das zahlreiche Modellschiffe beherbergt und wo der Schreibtisch steht, der aus der am Strand angeschwemmten Ladeluke gebaut wurde. Weitere Kuriositäten sind eine umfangreiche Schmetterlingssammlung mit riesigen Exemplaren, astrologische Tabellen und der Schreibtisch seines Vaters, der von der  Wand hängt. Das Arbeitszimmer führt in einen Raum, der Nerudas umfangreiche Muschelsammlung enthält. Unter den 650 Exemplaren sind Muscheln in gigantischer Größe. Auch der degenförmige Zahn eines Narwals gehört zur Sammlung.

Pferdestall Isla Negra

Das kurioseste Gebäude der Isla Negra ist der Pferdestall, den Neruda für ein Pferd aus Pappmaché errichten ließ, das er auf einer Auktion ersteigerte. Die braune Skulptur in der Größe eines echten Pferdes steht gesattelt im gelb gestrichenen Stall, gerade so, als warte sie auf einen Ausritt. Neruda nannte sie „das glücklichste Pferd der Welt“. Er liebte sein Spielzeug. „In meinem Haus habe ich eine Sammlung kleiner und großer Spielsachen, ohne die ich nicht leben kann. Das Kind, das nicht spielt, ist kein Kind. Aber der Mann, der nicht spielt, hat sein inneres Kind für immer verloren. Ich habe mein Haus als Spielhaus gebaut und ich spiele darin von morgens bis abends“, schreibt Neruda in seiner Autobiografie. Mit Isla Negra verband ihn eine lebenslange Liebe. Es war das Haus, das er am meisten liebte, der Ort, an dem fast all seine Gedichte entstanden.

Grab Pablo Nerudas

Er starb 1973, wenige Tage nach dem Militärputsch. Erst nach der Pinochet-Diktatur konnte sein letzter Wunsch erfüllt werden, den er in seinem 1950 vollendeten Werk „Canto General“ (Der große Gesang) geäußert hatte: „Genossen, begrabt mich in Isla Negra, gegenüber dem Meer, das ich kenne, an jenem rauen, steinigen Ort mit den Wellen, die meine verlorenen Augen nicht wieder sehen werden…“

Copyright der beiden Fotos Pferd und Wohnzimmer (4. Foto): Fúndacion Pablo Neruda

Veröffentlicht in:

DER STANDARD, Wien (Das Casa Museo Isla Negra in Chile, 2.5.13).

Badische Neueste Nachrichten (Magische Reise durch das Sammelsurium eines Besessenen, 10.8.13).

FORUM – Das Wochenmagazin (Ein magisches Sammelsurium), 18.10.13).