Asunción – Liebe auf den zweiten Blick

„La Madre de Ciudades“ – Mutter aller Städte wird die Hauptstadt Paraguays genannt. Von hier aus starteten die Spanier im 16. und 17. Jahrhundert zahlreiche Expeditionen und Städtegründungen in Südamerika. Üppige Vegetation und prachtvolle Kolonialbauten prägen das Profil der Stadt. Vom Charme Asuncións spürt man allerdings wenig, wenn die erste Begegnung an einem Sonntag stattfindet.

Verlassener Schuhputzstand auf der Plaza Uruguaya
Verlassener Schuhputzstand auf der Plaza Uruguaya

„Plaza Uruguaya?“ fragt der Taxifahrer skeptisch als er vor dem parkartigen Platz anhält. Er scheint sich zu fragen, was wir an einem Sonntagmorgen in dem verlassenen Park wollen. Wir kennen Asunción nicht, sind erst am Abend zuvor aus Argentinien angekommen. Den Platz haben wir willkürlich als Ausgangspunkt gewählt, weil es von hier aus nur ein paar Schritte zum Café Literario in der Calle Mariscal Estigarribia sind. Laut Website Café, Buchladen und Kunstraum in einem. Es ist erst kurz nach 10, aber die Hitze drückt bereits erbarmungslos. 47 Grad soll es heute geben hieß es im Wetterbericht.

Casa de la Independencia
Casa de la Independencia – hier wurde die Revolution zur Unabhängigkeit Paraguays geplant.

„Cerrado los domingos“ (sonntags geschlossen) lesen wir, als wir vor dem Literario stehen. Auf der Suche nach einem anderen Café wandern wir ziellos durch die Straßen der schachbrettartig angelegten Stadt. Laut Stadtplan befinden wir uns mitten im historischen Zentrum. Die Straßen sind jedoch leergefegt. Kein Mensch ist unterwegs, weder zu Fuß, noch im Auto. Vor den Geschäften sind die Rollläden heruntergelassen. Wir gehen Richtung Avenida Mariscal López, der größten Einkaufsstraße der Stadt. Immer wieder verlaufen wir uns. Sobald wir eine Straße hinauf gewandert sind merken wir, dass es die falsche Richtung war. Hat uns die Hitze bereits den Orientierungssinn genommen oder liegt es an dem verwirrenden Stadtplan, auf dem die Straßennamen, die wir auf Schildern lesen, gar nicht verzeichnet sind?

Leergefegte Straße im Zentrum Asuncións.
Leergefegte Straße im Zentrum Asuncións.

Da außer uns kein Mensch unterwegs ist, können wir niemanden nach dem Weg fragen. Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Als plötzlich ein Mann wie aus dem Nichts auftaucht, springen wir vor Schreck auf die andere Straßenseite. Nicht weil er so unvermittelt aufgetaucht ist, sondern weil gut sichtbar ein Revolver in einem Halfter an seiner rechten Hüfte steckt. Er trägt allerdings keine Uniform. Ein Krimineller?

Asuncion
Panteón Nacional de los Héroes.

Als wir endlich in die Avenida Mariscal López einbiegen ist diese fast genauso verlassen wie die vielen kleineren Straßen, durch die wir eine Stunde lang gewandert sind. Mit dem Unterschied, dass an jeder Ecke kleine Grüppchen bewaffneter Polizisten stehen. Ist die Kriminalität in der Stadt so hoch, dass so viel Polizeipräsenz notwendig ist? Suchen sie etwa nach dem Mann mit der Pistole?

Der stillgelegte Bahnhof in Asuncion.
Der stillgelegte Bahnhof in Asuncion.

Trotz des strahlend blauen Himmels wirkt das Zentrum plötzlich unheimlich. Wie sind wir überhaupt auf die Idee gekommen, nach Asunción zu fliegen? Wir finden die Stadt hässlich, bedrohlich und viel zu heiß. Enttäuscht fahren wir mit einem Taxi zum Hotel zurück.

Leergefegte Strasse Asuncion

Am Abend finden wir heraus, woran es liegt, dass Asuncións Straßen am Sonntag leergefegt sind. Nicht weit von unserem Hotel in San Blas befindet sich die gigantische Shopping Mall Mariscal López. Dorthin flüchten wir uns auf unserem Abendspaziergang vor der Hitze. In der dreistöckigen Mall herrscht ein solcher Andrang, dass wir kaum einen Fuß vor den anderen setzen können. Die ganze Hauptstadt scheint sich hier versammelt zu haben. „Wir Paraguayer shoppen gern und am liebsten am Sonntag“, erzählt uns eine Gruppe junger Hauptstädter, mit denen wir ins Gespräch kommen. „Was sollen wir bei dieser Hitze im Zentrum? Hier in der Mall ist es herrlich kühl. Man kann hier essen, sich mit Freunden treffen, Kaffee trinken, shoppen und für Kinder gibt es oben sogar einen Freizeitpark“. Wir erfahren, dass es noch drei weitere Shopping Malls in Asunción gibt und dass Mariscal López bei weitem nicht die größte ist.

Asuncion
Straßenverkäufer in Asuncion.

Am darauffolgenden Morgen sehen wir ein völlig verändertes Zentrum. Die Geisterstadt vom Vortag hat sich in ein chaotisches Durcheinander aus Autos, Bussen, Motorrädern, Passanten und Straßenverkäufern verwandelt, die auf Gehwegen feinstes Kunsthandwerk, Schmuck, Kleidung, Lederwaren, raubkopierte DVDs und gefälschte Designer-Taschen und Sonnenbrillen anbieten.

AsuncionAuf der Plaza de los Héroes herrscht kunterbuntes Treiben. Ein alter Mann schiebt einen Obst- und Gemüsekarren vor sich her, Eisverkäufer warten auf Kundschaft und Hunde werden Gassi geführt. Geschäftsmänner sitzen an Schuhputzständen und lesen Zeitung, während ihre Schuhe auf Hochglanz poliert werden. Auf Bänken sitzen Studenten und diskutieren, Rentner spielen Schach. Junge Frauen sind mit Kinderwagen unterwegs. Lachen und Musik dringt aus offen stehenden Fenstern an der Calle Independencia.

Asuncion

Die Polizeipräsenz vom Vortag hat sich in Luft aufgelöst. Die Stadt wirkt nicht mehr so unheimlich und bedrohlich wie am Tag zuvor. Sind wir tatsächlich im selben Ort?

Asuncion

„Ihr wart gestern in der Nähe des Polizeipräsidiums unterwegs, kein Wunder habt ihr so viele Polizisten gesehen“, erklärt uns ein Asuncióner. „Sonntags haben sie nichts zu tun, deshalb stehen sie gerne an Straßenecken und tun so, als seien sie beschäftigt“. „Und der Mann mit dem Revolver?“ will ich wissen. „Das war entweder ein Polizist in Zivil oder der Leibwächter eines Ministers – Kriminelle laufen hier nicht sichtbar bewaffnet durch die Gegend!“ sagt er und fügt hinzu: „Die einzigen Verbrechen, die wir hier haben, sind Einbrüche in Häuser während die Besitzer verreist sind“.

Rathaus
Rathaus

INFO

Allgemeine Informationen: paraguay.com

Anreise: Flug mit Aerolíneas Argentinas ab Buenos Aires. Rückflugticket je nach Saison 100-180 US-Dollar. Flugzeit 1 Stunde 30 Minuten.

Währung: Guarani – 10.000 Guarani sind etwa 1,60 Euro (Stand Januar 2014).

Unterkunft: La Misión Hotel Boutique

Essen:

El Bolsi, an der Ecke Calle Estrella und Alberdi. Eines der besten Restaurants der Stadt, Menüs auch für Veganer und Vegetarier. Täglich 24 Stunden geöffnet.

Bar San Roque, Ecke Calle Eligio Ayala und Tacuary. Flair längst vergangener Tage, seit Jahrzehnten Stammlokal der kulturellen Elite der Stadt. Öffnungszeiten: täglich 11.45-15.30 Uhr und 19.30 Uhr bis Mitternacht.

Bar San Roque
Bar San Roque
Anflug auf Asuncion.
Anflug auf Asuncion.

Der goldene Ring um Asunción

Paraguay ist im Vergleich zu seinen südamerikanischen Nachbarn Uruguay, Argentinien und Brasilien touristisch eher unerschlossen und unberührt. Die einzigen Touristen, die man trifft, sind Brasilianer auf Einkaufstour in einer der gigantischen Malls in der Hauptstadt Asunción. Wer auf seiner Südamerikareise nur wenige Tage in Paraguay verbringt, sollte unbedingt die 7-stündige „Circuito de Oro“ -Tour  einplanen. Der Ring um den Großraum Asunción beträgt etwa 160 Kilometer.

Paraguay

ItaDa wir nur drei Tage in Paraguay sind, möchten wir in kurzer Zeit so viel wie möglich vom Land sehen – bei 47 °C  jedoch nicht unbedingt in einem unklimatisierten Bus durch die Gegend gondeln. Der Concierge unseres Hotels empfiehlt uns eine Privattour mit Fahrer, der gleichzeitig als Tourguide fungiert. Gegen 9 am nächsten Morgen begrüßt uns Jesús in der Lobby. Der sympathische Mittdreißiger, der mehrere Jahre in den USA, Portugal, Spanien und Argentinien gelebt hat, erklärt uns die Route. Erster Stopp ist Itá, etwa 35 Kilometer von Asunción entfernt. In Guarani, der Sprache der gleichnamigen Ureinwohner Paraguays, bedeutet Itá Stein. Der Ort ist auch als Hauptstadt der Keramik bekannt. Die Keramikproduktion reicht bis zur Kolonialzeit zurück. Die bekannteste Keramikkünstlerin ist Rosa Brítez. Ihre Werke sind zum Verkauf im Centro Artesanal ausgestellt, das direkt an der Straße Ruta 1 liegt. Unser Aufenthalt ist kurz, denn die Keramikskulpturen sind für unseren Geschmack etwas zu kitschig.

Iglesia de San Buenaventura
Iglesia de San Buenaventura

Die Fahrt geht weiter nach  Yaguarón, wo eine der wichtigsten Kirchen des Landes steht, die Iglesia de San Buenaventura. Der spanische Franziskaner Alonso de Buenaventura ließ die Kirche  im Jahr 1600 von den Guarani-Indianern erbauen. Der Ort war damals ein Franziskaner-Reservat für die Guarani. Eigentlich ist die Kirche für Besucher geschlossen, Jesús kennt jedoch den Hausmeister und so kommen wir hinein und dürfen  uns sogar die Sakristei mit Prozessionsfiguren aus dem 18. Jahrhundert anschauen. Jesús erklärt uns, dass die Indianer als Unterschrift ihre eigenen Gesichter an die Kirchendecke malten, um so darauf hinzuweisen, dass sie die Erbauer der Kirche waren.

Iglesia de San Buenaventura

Auf den Kirchenbänken sind die Namen der Familien eingraviert, die während der letzten hundert Jahre Geld an die Kirche gespendet haben.

Iglesia de San Buenaventura

Nächster Stopp ist der Monte Aramí in Paraguarí. Der Weg hinauf ist holprig, aber oben angekommen haben wir eine herrliche Aussicht über die Umgebung.

Monte Arami

Vom Monte Arami aus fahren wir am Eco-Reserva Mbatovi entlang, das sich bis Piribebuy erstreckt. Der Name Mbatovi stammt aus der Sprache der Guarani. „In Paraguay sprechen wir sowohl Spanisch als auch Guarani. Wir lernen die Sprache in der Grundschule und in der Alltagssprache vermischen wir diese beiden Sprachen gerne miteinander“, sagt Jesús. Ich hatte mich schon gewundert, warum ich das Spanisch hier so schlecht verstehe!

Monte AramiImmer wieder überholen wir Kühe auf der Ruta 1, die gemächlich am Straßenrand entlang trotten und neugierig ans Autofenster kommen, sobald ich meine Kamera auf sie richte.

Paraguay

In Piribebuy machen wir wieder Halt. Hier befindet sich ein kleines Privatmuseum, das dem „Krieg gegen die Tripelallianz“ (Argentinien, Brasilien und Uruguay 1864-70) sowie dem Chacokrieg (gegen Bolivien 1932-35) gewidmet ist. Während des Krieges, 1869, wurde Piribebuy vorübergehend zur Hauptstadt Paraguays ernannt.

Paraguay

Spirituelle Hauptstadt Paraguays ist der Wallfahrtsort Caacupé auf der Ruta 2. Im Zentrum der kleinen Stadt liegt die Kathedrale San Francisco. Die Kirche wurde erst 1988 erbaut, im selben Jahr von Papst Johannes Paul II. eingeweiht und ist der Heiligen Jungfrau von Caacupé gewidmet.

Caacupe
Kathedrale San Francisco

Der Legende nach, so Jesús, wurde im 16. Jahrhundert ein von den Franziskanern bekehrter Guaraní -Indianer von einem verfeindeten Stamm verfolgt. Er schwor bei der Jungfrau Maria, ihr ein Ebenbild aus Holz zu schnitzen, wenn sie ihn beschütze. Der Guaraní überlebte und löste sein Versprechen ein.

Kirche in Caacupe
Der von den Franziskanern bekehrter Guaraní -Indianer, den die Hl. Jungfrau rettete.

Jährlich findet am 8. Dezember, dem Tag der  Heiligen Jungfrau von Caacupé, eine Prozession von Asunción nach Caacupé statt. Ganze elf Stunden dauert der 54 Kilometer lange Marsch. „Als ich jünger war, habe ich an der Prozession teilgenommen. Das war anstrengender als ein Marathonlauf!“ erzählt Jesús. Vor der Kirche versammeln sich am Tag der Hl. Jungfrau über hunderttausend Gläubige aus Paraguay,  Argentinien und Brasilien. Die Stadt ist nicht nur Wallfahrtsort, sondern außerdem Treffpunkt europäischer Expats, die in der Umgebung leben. „Das liegt wohl daran, dass es hier sehr viele Restaurants mit europäischer Küche   gibt“, sagt Jesús.

Handabdrücke von Pilgern.
Handabdrücke von Pilgern.

Nicht weit von Caacupé liegt die Kleinstadt San Bernardino, die 1881 von deutschen Einwanderern als Nueva Baviera (Neubayern) gegründet wurde. Nach dem 1. Weltkrieg wurde sie nach dem General und Präsidenten Paraguays Bernardino Caballero benannt. Die Flagge der Stadt, die vor einigen Häusern weht,  entspricht der Flagge Deutschlands.

Ypacarai-See
Ypacarai-See

Die Stadt liegt am Ostufer des Ypacarai-Sees und war im 19. Jahrhundert eine beliebte Sommerresidenz der Elite des Landes. Aus dieser Zeit zeugen prachtvolle alte Villen. Heute ist San Bernardino einer der beliebtesten Badeorte Paraguays. Versteckt hinter Mauern befinden sich die Wochenendhäuser wohlhabender Hauptstädter. „Im Moment kann man im See jedoch nicht baden“, sagt Jesús. „Er ist kontaminiert. Man nimmt an, dass ein Schlachthaus in der Nähe seine Abfälle in den See geleitet hat“.

Das Hotel del Lago am See wurde 1888 erbaut.
Das Hotel del Lago am See wurde 1888 erbaut.

Letzter Stopp ist das Künstlerstädtchen Areguá. Auf dem höchsten Punkt der Stadt liegt die Kirche Candelaria, von deren Stufen aus man einen herrlichen Blick über den Ypacarai-See hat.

Kirche Candelaria

Aregua

Bevor wir nach Asunción zurück fahren, essen wir im Café Frances, das die Französin Angela mit ihrem Mann Lucien vor fünf Jahren eröffnet hat. Angela spricht kein Spanisch und kommuniziert mit ihrer Kellnerin auf Französisch, das diese wiederum nicht versteht. Aus den Lautsprechern tönt Edith Piaf. Das Ambiente ist französisch, an den Wänden hängen Bilder aus der Auvergne.  Angela und ihr Mann sind Mitte 60 – Spätauswanderer.  Sie hatten das schlechte Wetter in Frankreich statt, sagt sie.

Paraguay

INFO

Die Tour wird von Hotels angeboten und kostet pro Person 180 bis 200 US-Dollar. Im Preis inbegriffen sind der Transport in einer viersitzigen Limousine mit Klimaanlage, Getränken, Snacks und Sandwiches sowie einem englischsprachigen Fahrer, der gleichzeitig Tourguide ist.