Januar 15

Schlagwörter

Asunción – Liebe auf den zweiten Blick

„La Madre de Ciudades“ – Mutter aller Städte wird die Hauptstadt Paraguays genannt. Von hier aus starteten die Spanier im 16. und 17. Jahrhundert zahlreiche Expeditionen und Städtegründungen in Südamerika. Üppige Vegetation und prachtvolle Kolonialbauten prägen das Profil der Stadt. Vom Charme Asuncións spürt man allerdings wenig, wenn die erste Begegnung an einem Sonntag stattfindet.

Verlassener Schuhputzstand auf der Plaza Uruguaya

Verlassener Schuhputzstand auf der Plaza Uruguaya

„Plaza Uruguaya?“ fragt der Taxifahrer skeptisch als er vor dem parkartigen Platz anhält. Er scheint sich zu fragen, was wir an einem Sonntagmorgen in dem verlassenen Park wollen. Wir kennen Asunción nicht, sind erst am Abend zuvor aus Argentinien angekommen. Den Platz haben wir willkürlich als Ausgangspunkt gewählt, weil es von hier aus nur ein paar Schritte zum Café Literario in der Calle Mariscal Estigarribia sind. Laut Website Café, Buchladen und Kunstraum in einem. Es ist erst kurz nach 10, aber die Hitze drückt bereits erbarmungslos. 47 Grad soll es heute geben hieß es im Wetterbericht.

Casa de la Independencia

Casa de la Independencia – hier wurde die Revolution zur Unabhängigkeit Paraguays geplant.

„Cerrado los domingos“ (sonntags geschlossen) lesen wir, als wir vor dem Literario stehen. Auf der Suche nach einem anderen Café wandern wir ziellos durch die Straßen der schachbrettartig angelegten Stadt. Laut Stadtplan befinden wir uns mitten im historischen Zentrum. Die Straßen sind jedoch leergefegt. Kein Mensch ist unterwegs, weder zu Fuß, noch im Auto. Vor den Geschäften sind die Rollläden heruntergelassen. Wir gehen Richtung Avenida Mariscal López, der größten Einkaufsstraße der Stadt. Immer wieder verlaufen wir uns. Sobald wir eine Straße hinauf gewandert sind merken wir, dass es die falsche Richtung war. Hat uns die Hitze bereits den Orientierungssinn genommen oder liegt es an dem verwirrenden Stadtplan, auf dem die Straßennamen, die wir auf Schildern lesen, gar nicht verzeichnet sind?

Leergefegte Straße im Zentrum Asuncións.

Leergefegte Straße im Zentrum Asuncións.

Da außer uns kein Mensch unterwegs ist, können wir niemanden nach dem Weg fragen. Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Als plötzlich ein Mann wie aus dem Nichts auftaucht, springen wir vor Schreck auf die andere Straßenseite. Nicht weil er so unvermittelt aufgetaucht ist, sondern weil gut sichtbar ein Revolver in einem Halfter an seiner rechten Hüfte steckt. Er trägt allerdings keine Uniform. Ein Krimineller?

Asuncion

Panteón Nacional de los Héroes.

Als wir endlich in die Avenida Mariscal López einbiegen ist diese fast genauso verlassen wie die vielen kleineren Straßen, durch die wir eine Stunde lang gewandert sind. Mit dem Unterschied, dass an jeder Ecke kleine Grüppchen bewaffneter Polizisten stehen. Ist die Kriminalität in der Stadt so hoch, dass so viel Polizeipräsenz notwendig ist? Suchen sie etwa nach dem Mann mit der Pistole?

Der stillgelegte Bahnhof in Asuncion.

Der stillgelegte Bahnhof in Asuncion.

Trotz des strahlend blauen Himmels wirkt das Zentrum plötzlich unheimlich. Wie sind wir überhaupt auf die Idee gekommen, nach Asunción zu fliegen? Wir finden die Stadt hässlich, bedrohlich und viel zu heiß. Enttäuscht fahren wir mit einem Taxi zum Hotel zurück.

Leergefegte Strasse Asuncion

Am Abend finden wir heraus, woran es liegt, dass Asuncións Straßen am Sonntag leergefegt sind. Nicht weit von unserem Hotel in San Blas befindet sich die gigantische Shopping Mall Mariscal López. Dorthin flüchten wir uns auf unserem Abendspaziergang vor der Hitze. In der dreistöckigen Mall herrscht ein solcher Andrang, dass wir kaum einen Fuß vor den anderen setzen können. Die ganze Hauptstadt scheint sich hier versammelt zu haben. „Wir Paraguayer shoppen gern und am liebsten am Sonntag“, erzählt uns eine Gruppe junger Hauptstädter, mit denen wir ins Gespräch kommen. „Was sollen wir bei dieser Hitze im Zentrum? Hier in der Mall ist es herrlich kühl. Man kann hier essen, sich mit Freunden treffen, Kaffee trinken, shoppen und für Kinder gibt es oben sogar einen Freizeitpark“. Wir erfahren, dass es noch drei weitere Shopping Malls in Asunción gibt und dass Mariscal López bei weitem nicht die größte ist.

Asuncion

Straßenverkäufer in Asuncion.

Am darauffolgenden Morgen sehen wir ein völlig verändertes Zentrum. Die Geisterstadt vom Vortag hat sich in ein chaotisches Durcheinander aus Autos, Bussen, Motorrädern, Passanten und Straßenverkäufern verwandelt, die auf Gehwegen feinstes Kunsthandwerk, Schmuck, Kleidung, Lederwaren, raubkopierte DVDs und gefälschte Designer-Taschen und Sonnenbrillen anbieten.

AsuncionAuf der Plaza de los Héroes herrscht kunterbuntes Treiben. Ein alter Mann schiebt einen Obst- und Gemüsekarren vor sich her, Eisverkäufer warten auf Kundschaft und Hunde werden Gassi geführt. Geschäftsmänner sitzen an Schuhputzständen und lesen Zeitung, während ihre Schuhe auf Hochglanz poliert werden. Auf Bänken sitzen Studenten und diskutieren, Rentner spielen Schach. Junge Frauen sind mit Kinderwagen unterwegs. Lachen und Musik dringt aus offen stehenden Fenstern an der Calle Independencia.

Asuncion

Die Polizeipräsenz vom Vortag hat sich in Luft aufgelöst. Die Stadt wirkt nicht mehr so unheimlich und bedrohlich wie am Tag zuvor. Sind wir tatsächlich im selben Ort?

Asuncion

„Ihr wart gestern in der Nähe des Polizeipräsidiums unterwegs, kein Wunder habt ihr so viele Polizisten gesehen“, erklärt uns ein Asuncióner. „Sonntags haben sie nichts zu tun, deshalb stehen sie gerne an Straßenecken und tun so, als seien sie beschäftigt“. „Und der Mann mit dem Revolver?“ will ich wissen. „Das war entweder ein Polizist in Zivil oder der Leibwächter eines Ministers – Kriminelle laufen hier nicht sichtbar bewaffnet durch die Gegend!“ sagt er und fügt hinzu: „Die einzigen Verbrechen, die wir hier haben, sind Einbrüche in Häuser während die Besitzer verreist sind“.

Rathaus

Rathaus

INFO

Allgemeine Informationen: paraguay.com

Anreise: Flug mit Aerolíneas Argentinas ab Buenos Aires. Rückflugticket je nach Saison 100-180 US-Dollar. Flugzeit 1 Stunde 30 Minuten.

Währung: Guarani – 10.000 Guarani sind etwa 1,60 Euro (Stand Januar 2014).

Unterkunft: La Misión Hotel Boutique

Essen:

El Bolsi, an der Ecke Calle Estrella und Alberdi. Eines der besten Restaurants der Stadt, Menüs auch für Veganer und Vegetarier. Täglich 24 Stunden geöffnet.

Bar San Roque, Ecke Calle Eligio Ayala und Tacuary. Flair längst vergangener Tage, seit Jahrzehnten Stammlokal der kulturellen Elite der Stadt. Öffnungszeiten: täglich 11.45-15.30 Uhr und 19.30 Uhr bis Mitternacht.

Bar San Roque

Bar San Roque

Anflug auf Asuncion.

Anflug auf Asuncion.