Januar 19

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¿Adónde va el Taxi? Traue keinem Taxifahrer in Mexiko-Stadt bei Nacht!

Reiseführer warnen davor, in Mexiko-Stadt in unlizenzierte Taxis zu steigen, denn es kommt immer wieder mal vor, dass die Fahrer ihre Insassen ausrauben. Ganz besonders bei Nacht. Aber was tun, wenn weit und breit kein Taxistand in der Nähe ist, man sich bei Nacht total verlaufen hat und zudem die Füße schmerzen?

Nach einem viel zu ausgiebigen Essen im berühmten Café Tacuba sitzen wir bei Margaritas in der La Opera Bar, wo der Revolutionär Pancho Villa im Jahr 1910 ein Loch in die Decke geschossen hat, das noch immer zu sehen ist. Deshalb sind wir dort. Pat, mein Lebensgefährte, liebt Revolutionäre, die für Gerechtigkeit kämpfen. Das hat ihm der Kellner sofort angesehen. Weshalb sonst hat er uns ohne zu zögern direkt zu dem Tisch unter dem Loch geführt, das die Gewehrkugel dort vor 100 Jahren hinterlassen hat? Ehrfürchtig schaut Pat nach oben und erzählt mir dabei die Geschichte des mexikanischen Robin Hoods.

Ich bin müde und fühle mich nach den vielen vegetarischen Quesadillas und diversen Vorspeisen im Tacuba wie eine gestopfte Weihnachtsgans und möchte nur noch eins: zurück ins Hotel und schlafen. Deshalb bin ich dafür, dass der Kellner uns ein Taxi ruft. Pat besteht aber auf einen Verdauungsspaziergang rund um den geschäftigen Zócalo und meint, wir könnten ja unterwegs nach einem Taxistand Ausschau halten. Wir drehen eine Runde um den riesigen Platz, ein Taxistand ist jedoch weit und breit nicht zu sehen. Wir suchen weiter und landen dabei in dunklen Nebenstraßen. „Es gibt hier keine Taxistände! Wir halten jetzt einfach eins an!“ schlage ich vor.

Taxi Mexiko

Eines der typischen lizenzierten Taxis in Mexiko-Stadt.

„For God’s sake, bist du verrückt? Du kannst doch nicht einfach nachts in Mexiko-Stadt ein Taxi anhalten! Wir sind hier nicht in New York City! Lonely Planet warnt ausdrücklich davor! Die fahren in eine dunkle Gasse und rauben dich aus! “

„Ach was!“ antworte ich. „Hier fahren zig lizenzierte Taxis herum, ich glaube nicht, dass Taxifahren bei Nacht gefährlicher ist als in New York City, wo man zudem ständig an indische Fahrer gerät, die nicht wissen, wohin sie fahren und man am Ende wieder am Ausgangspunkt landet!“ „Nein, wir suchen weiter nach einem Taxistand!“ widerspricht er. „Lonely Planet sagt, man soll nur mit den Taxis fahren, die an einem offiziellen Taxistand oder vor einem Hotel stehen oder sich eines im Restaurant vom Kellner bestellen lassen!“ belehrt er mich.

„Als ob das sicherer wäre! Ich wette, der kriminelle Taxifahrer, der Baseball-Kappen tragende Amerikaner ausraubt kennt die Warnungen aus Lonely Planet und wartet deshalb gezielt an Taxiständen und vor Hotels!“ Wenn mein Herzallerliebster gestresst ist, versteht er keinen Spaß und wirft mir deshalb einen bitterbösen Blick zu. Nach einer weiteren Stunde haben wir weder einen Taxistand noch ein Hotel mit davor wartenden Taxis gefunden und ich werde wütend. „Meine Füße tun weh, ich friere, mir ist schlecht vom vielen Essen und den Margaritas und ich halte jetzt das nächste Taxi an, das ich sehe! Du kannst ja für den Rest der Nacht weitersuchen, aber ich setze keinen Fuß mehr vor den anderen!“

„Du mit deiner deutschen Unbekümmertheit!“ schimpft er. „Du mit deiner amerikanischen Übervorsichtigkeit!“ gifte ich zurück. Ich springe auf die Straße und halte einen rot-goldenen VW-Käfer an, eines der typischen Taxis in Mexiko-Stadt. Der Fahrer sieht mit seiner langen Haarpracht und dem Bart etwas wild aus, macht aber ansonsten einen netten Eindruck. „Der sieht kriminell aus!“ flüstert mir Pat zu. „Der sieht aus wie Pancho Villa mit langen Haaren, also beruhige dich!“ scherze ich. „Außerdem klebt hier gut sichtbar seine Lizenz mit Kennzeichen und Lichtbild!“ „Eine Fälschung!“ murrt er.

Fahrradtaxis stehen rund um den Zócalo - allerdings nicht mehr spät in der Nacht.

Fahrradtaxis stehen rund um den Zócalo – allerdings nicht mehr spät in der Nacht.

Der Fahrer kennt die Straße nicht, in die wir wollen und lässt sich telefonisch von einem Kollegen die Wegbeschreibung geben. „Der Paseo de La Reforma ist eine der bekanntesten Straßen hier und der tut so, als ob er ihn nicht kennt! Ich habe gerade gehört, dass er gesagt hat, er hätte Americanos im Auto. Wahrscheinlich macht er mit seinem Komplizen Pläne, wo er uns am besten ausrauben kann!“

„Du hast nicht richtig zugehört“, sage ich, „er hat ihm lediglich gesagt, dass er Amerikaner im Auto hat, die sich nicht auskennen und ihm bei der Wegbeschreibung keine Hilfe sind!“ Mein Spanisch ist zwar etwas holprig, aber ich spreche italienisch und da die Wörter ähnlich sind, kann ich einem Gespräch einigermaßen folgen.

„Ah, ich sehe uns schon ausgeraubt und mit durchgeschnittener Kehle am Straßenrand vor den Toren der Stadt oder in irgendeiner dunklen Gasse liegen!“ „Jetzt sei aber still, der Fahrer sieht doch völlig harmlos aus!“ „Aber das sind doch die schlimmsten!“ schimpft Pat und entfaltet seinen Stadtplan. „Jetzt will ich doch mal sehen, wohin er fährt!“ „Das siehst du im Dunkeln doch sowieso nicht!“ „Mit meiner Minitaschenlampe für alle Fälle schon!“

Er vertieft sich in den Stadtplan, schaut aus dem Fenster, ob er Straßenschilder erkennen kann und folgt diesen auf dem Plan. „ Adónde va?“ fragt er den Fahrer. „Laut Stadtplan müssten Sie in die andere Richtung fahren!“ und zu mir gewandt „Siehst du? Ich hab’s dir doch gesagt, er sucht nach einer dunklen Gasse, wo er uns ausrauben kann!“

„Ich suche die Abkürzung zum Paseo de La Reforma, die mir mein Freund am Telefon beschrieben hat. Tut mir leid, wissen Sie, ich bin Student und fahre erst seit zwei Tagen Taxi“. Wenig später setzt er uns vor dem Hotel ab. Mein Herzallerliebster ist in Schweiß gebadet und schwört, sich nie wieder in ein Taxi zu setzen, das ich des Nachts auf der Straße anhalte.

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