Mai 13

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Streifzüge durch Santiago de Chile

Gemächlich ruckelt die alte Standseilbahn hinauf zum Cerro San Cristóbal, der auf dem Gipfel von einer 30 Meter hohen Marienstatue beherrscht wird. Der Himmel ist an diesem Morgen strahlend blau, über uns fliegt deutlich sichtbar eine Maschine der Lan Chile, und der Panoramablick auf Stadt und die Anden, die wie eine imposante Kulisse hinter den Wolkenkratzern auftauchen, ist atemberaubend.

Hinunter geht es zu Fuß. Unterwegs gibt es nicht nur allerhand zu sehen, der Weg hinunter führt auch gleich zum nächsten Ziel, zum außergewöhnlichen Wohnhaus Pablo Nerudas „La Chascona“, das an einem der Hänge des Cerro San Cristóbal liegt.

Blick auf Santiago.

Blick auf Santiago.

Der Dichter, der zeit seines Lebens leidenschaftlicher Sammler von Kunstgegenständen war, hat seine drei Häuser in Chile dem Anwachsen seiner Sammlungen durch An- und Umbauten immer wieder angepasst. So auch La Chascona. Die verschachtelten Wohnräume mit dem herrlich bunten Sammelsurium an Möbeln, Geschirr, Kunstwerken und Kuriosem aus aller Welt erreicht man über ein Labyrinth aus Wendeltreppen und Gängen. In der einstündigen Führung erfahren wir allerlei Anekdoten zu den einzelnen Sammelobjekten – manche hat Neruda auf seinen Reisen durch die halbe Welt geschleppt. In der Bibliothek ist die Nobelpreis-Medaille des Dichters ausgestellt.

La Chascona

La Chascona

Es ist Mittag, der Magen knurrt. Nicht all zu weit von Las Chascona, in der Avenida Alameda 1570, liegt die Confitería Torres, Santiagos ältestes Café, das 1879 eröffnet wurde. Einst beliebter Treffpunkt von Intellektuellen, Politikern und der High Society, hat es mit seinem altmodischen Ambiente noch immer das Flair vergangener Tage.

Confíteria Torres.

Confíteria Torres.

Hier wurde das Sandwich Barros Luco erfunden, das mit Rindfleisch vom Grill und Schmelzkäse belegt ist. Benannt wurde es nach dem damaligen Präsidenten Barros Luco (1910-15), der Stammgast im Torres war und stets dieses Sandwich bestellte. Der Kellner ist enttäuscht, dass wir nicht das Sandwich, sondern eine vegetarische und vegane Alternative bestellen. „No carne?“ Er kann es nicht fassen.

Plaza de Armas

Erstes Ziel nach dem Essen ist das historische Zentrum. Wir winken ein Taxi heran und lassen uns zur Plaza de Armas fahren. Taxi fahren ist billig in Santiago. Die Fahrer sind sehr gesprächig und man erfährt unterwegs sehr viel über die Stadt – vorausgesetzt, man spricht Spanisch. Der Platz mit Arkaden und zahlreichen Parkbänken ist das Herz der Stadt und quirliger Treffpunkt von Studenten, Straßenkünstlern, Streichquartetten und Schachspielern.

Buntes Treiben auf der Plaza de Armas.

Buntes Treiben auf der Plaza de Armas.

Rings herum befinden sich das Historische Museum, bis 1810 das Oberste Gericht, die Kathedrale, das Rathaus, wo im 16. Jahrhundert das Gefängnis untergebracht war und das wunderschöne klassizistische Gebäude der Hauptpost (Correo Central). Von hier aus sind es nur ein paar Schritte zur zum Präsidentenpalast La Moneda. Im 18. Jahrhundert der größte Bau der spanischen Kolonien, zählt der Palast heute zu den schönsten klassizistischen Gebäuden des Landes. Hier fand am 11. September 1973 der Pinochet-Putsch gegen Salvador Allende statt, der sich im Palast mit einer Salve aus einer Maschinenpistole das Leben genommen haben soll, als Tiefflieger das Gebäude bombardierten. Der Selbstmord ist bis heute umstritten. Die schwarze Hornbrille, die er damals trug, liegt in einer Vitrine im Historischen Museum (Museo Histórico Nacional) – allerdings nur die zersplitterte linke Hälfte der Brille.

Allende

An der Südseite der Plaza de Armas erinnert seit wenigen Jahren eine Statue an Allende.

Wir entfliehen der Sommerhitze in den von Platanen beschatteten Parque Forestal wo der Deutsche Brunnen steht, der 1910 von Einwanderern gestiftet wurde. Am Ende des Parks liegt Südamerikas ältestes Kunstmuseum (1880), das Museo Nacional de Bellas Artes. Hier dreht sich alles um die Malerei Chiles seit dem 19. Jahrhundert. Sehenswert sind die monumentale gewölbte Glasdecke aus Belgien und die Bilder des Surrealisten Roberto Matta. Im Im selben Gebäude befindet sich das Museum für zeitgenössische Kunst aus dem Jahr 1947. Zu meiner Freude gehören Schwarzweißfotografien vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart zur Dauerausstellung.

Bellas Artes

Park und Museum liegen im schmucken Künstlerviertel Lastarria, wo Künstler, Schauspieler und sonstige Kreative leben. Hier gibt es jede Menge Galerien, Kunsthandwerksläden, Cafés, kleine Restaurants und Kneipen. Auf unserem Streifzug durch das stoßen wir auf die Plaza Mulato Gil de Castro, wo gerade ein großer Bücher- und Trödelmarkt in vollem Gange ist. Studenten verkaufen neben Rentnern Bücher, Schallplatten und Nippes, ein paar Straßenmusiker spielen stehen vor ihrem VW-Bus und spielen, Straßenhunde haben sich vor den Ständen zusammengerollt.

Straßenmusiker in Lastarria.

Straßenmusiker in Lastarria.

Wir erfahren, dass der Markt immer donnerstags und samstags stattfindet. Wir überlegen, ob wir in einem der kleinen Restaurants zu Abend essen sollen, entscheiden uns dann aber für die Piano Lounge im „The Aubrey“ im Bellavista-Viertel. Allerdings erst später am Abend, denn nach dem langen Tag bei über 30 Grad Hitze ist erst einmal schwimmen im Pool im schattigen Garten unseres Hotel angesagt.

The Aubrey.

The Aubrey.

INFO

Nach Santiago kommen Sie ab mehreren deutschen Flughäfen mit LANCHILE

Santiago 2

Straßenkneipe im Bellavista-Viertel.

Straßenkneipe im Bellavista-Viertel.

Die Autorin war privat in Chile.