111 Erker, eine Spitzengeschichte und ein verärgerter Abt

St. Gallens Altstadt ist ein Schmuckstück mit 111 prunkvoll verzierten Erkern, die Weltgewandtheit, Macht und Einfluss demonstrieren. Heerscharen griechischer Götter bevölkern Giebel und Torbögen. Spannende Geschichten und kuriose Details werden in bunten Bildern erzählt. Älter als die Erker ist die Textilbranche, deren Produkte noch heute über die Laufstege der großen Modemetropolen gehen.

„Wenn Sie mich noch nicht entdeckt haben, ich bin hier oben, direkt über Ihnen, auf dem Brunnen“, ruft mir der heilige Gallus ins Ohr. Ich schaue nach oben, aber da steht keiner. „Wenn Sie kurz warten wollen, steige ich zu Ihnen herab“, schlägt er vor. Zu mir herabsteigen? Das meint er nicht ernst, der Wandermönch, der im Jahr 612 mit dem Bau seiner Einsiedlerzelle den Grundstein für die Stadt und den Kanton St. Gallen legte. „Ist das hier nicht der Gallus-Brunnen?“ frage ich eine Passantin. Nein, das ist er nicht, erfahre ich. „Der Gallus-Brunnen steht dort drüben“. Dabei bin ich doch den Anweisungen des Audioguides gefolgt – glaube ich zumindest.

Gallusbrunnen.

Gallusbrunnen.

Bildquelle Gallusbrunnen: Zoover.

Zweiter Versuch. „Psst, leise“, flüstert mir der Heilige zu, als ich die Kathedrale betrete. Der helle Innenraum soll mit malachitgrünem und lehmgelbem Stuckgeschnörkel verziert sein. „Bodenseebarock“, sagt die Stimme auf dem Audioguide, die sich mit Gallus abwechselt. Ich sehe allerdings kein Malachitgrün, sondern nur blau verzierte Decken. Auch die Kuppel, die nun beschrieben wird, sehe ich nicht. „Ist das tatsächlich die Kathedrale?“, frage ich mich. Nein, das ist die Laurenzenkirche, finde ich wenig später heraus. Es ist hoffnungslos. Ich komme mit dem Audioguide nicht klar und bringe ihn ins Tourist Office zurück. Am nächsten Morgen nehme ich an einer Stadtführung teil.St. Gallen

Die Führung beginnt mit den berühmten Erkern der Altstadt. Gleich 111 gibt es, wobei keiner dem anderen gleicht. Im Mittelalter galt der Vorbau am Haus als Statussymbol. Textilkaufleute und reiche Bürger ließen sich Erker an ihre Häuser bauen, um damit anzugeben. Je pompöser die Verzierungen, desto wohlhabender galt der Bewohner des Hauses. Die exotischen Motive sollten ihre auf Reisen erworbene Weltkenntnis zeigen. Schadenfreude spielte dabei natürlich auch eine Rolle, denn die Fratzen auf den Erkern, die ihre Zunge herausstrecken, sollten den Nachbarn und Geschäftskonkurrenten in non-verbaler Kommunikation vermitteln: „Ich bin ein weit Gereister. Ich bin reich. Ätsch, ich habe mehr erreicht als du!“

Die Botschaft an den Nachbarn: "Ätsch, ich bin reicher als du!" Selbst die Engel haben einen schadenfreudigen Ausdruck im Gesicht.

Die Botschaft an den Nachbarn: „Ätsch, ich bin reicher als du!“ Selbst die Engel haben einen schadenfreudigen Ausdruck im Gesicht.

Einer der schönsten ist der zweigeschossige Erker am Haus zum Pelikan aus dem Jahr 1708 in der Schmiedgasse 15. Der goldene Pelikan thront auf dem Dach des Erkers. Beim Blick hinauf erkennt man auf den äußeren vier Brüstungsfeldern die vier Kontinente Europa, Afrika, Asien und Amerika. Australien fehlt, denn zu Beginn des 18. Jahrhunderts war es noch nicht entdeckt. Die vier Erdteile symbolisieren die Menschheit.

Europa und Asien zwischen zwei Fratzen.

Europa und Asien zwischen zwei Fratzen.

Europa ist durch eine reich gekleidete, gekrönte Frau dargestellt, die ein Zepter in der rechten Hand hält und auf einer Pferdekutsche thront. Ein knapp bekleideter Indianer mit Federschmuck und einem Papagei in der Hand symbolisiert Amerika. Er sitzt in einem Wagen, der von zwei Hunden gezogen wird. Asien wird von einer üppig bekleideten Frau mit Turban und Rauchgefäß repräsentiert, vor deren Wagen zwei Kamele gespannt sind. Für Afrika steht ein spärlich bekleideter Mann, der in der linken Hand einen Sonnenschirm hält und sich mit der rechten auf einen Köcher mit Pfeilen stützt. Sein Wagen wird von zwei Löwen gezogen. Zwischen Europa und Asien sind zwei Fratzen angebracht, die ihre Zunge herausstrecken. „Ätsch, ich war schon auf allen vier Kontinenten unterwegs“, lautete wohl die Botschaft des Erbauers.

Die Spisergasse mit dem Kamelerker.

Die Spisergasse mit dem Kamelerker.

Die erkerreichste Gasse der Stadt ist die spätgotische Spiser-Gasse. An Nummer 22 befindet sich der monumental geschnitzte Kamelerker aus dem Jahr 1720. Von Kamelen fehlt hier jedoch jede Spur und der Vorbau wirkt an dem Haus wie ein Fremdkörper. „Ursprünglich war er an einem Kaufhaus in der Marktgasse angebracht, das 1919 jedoch abgerissen wurde“, erklärt die Stadtführerin. Vor dem Abriss wurde der Erker entfernt, zerlegt und eingelagert. Da wo der erste Teil des Erkers zu Ende ist, befand sich früher ein großes Zwischenstück, das einen Kameltreiber mit zwei Kamelen am Zügel zeigte. Weil man in der Altstadt für diesen monumentalen Erker aber keinen Platz fand, wurde das Zwischenstück im Historischen Museum untergebracht und die restlichen zwei Drittel 1986 an Haus Nummer 22 angebracht.

Teil des Kamelerkers.

Teil des Kamelerkers.

Durch das viele Hinaufschauen zu den Erkern vergesse ich meine Umwelt, stolpere über irgendwelche Gegenstände, haue mir den Knöchel an, trete einem Mann auf die Füße, remple unabsichtlich Leute an und bin einer Genickstarre nahe. „Hier liegen die Sehenswürdigkeiten so hoch, dass eine Stadtbesichtigung auf Stelzen nicht schlecht wäre“, meint jemand aus der Gruppe.

Wir gehen zur erkerärmeren Multergasse, aber auch hier befindet sich die Hauptsehenswürdigkeit ein paar Meter über dem Boden. Die Multergasse gilt als Jugendstilgasse St. Gallens. Hier bauten die Textilbarone Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Geschäftshäuser. Zu jener Zeit wurden 50 Prozent der Weltstickerei in St. Gallen produziert. An der Ecke zur Neugasse steht das 1903 erbaute Haus zur Waage. Über den Fenstern des zweiten Obergeschosses befinden sich fünf Köpfe, von denen jeder einen Kontinent verkörpert.

Haus zur Waage: Europa blickt nach Amerika.

Haus zur Waage: Europa blickt nach Amerika.

Afrika, Asien, Amerika und Australien blicken auf die Multergasse, der Kopf, der Europa symbolisiert, befindet sich auf der Seite der Neugasse. Er blickt Richtung Westen, nach Amerika – hin zu den guten Kunden aus den USA. Neben dem europäischen Kopf befindet sich linke eine Eule, die Athene, die Göttin der Weisheit symbolisiert, die auch als Erfinderin der Textilkunst gilt. Rechts ist der Fuchs, der Schlauheit symbolisiert.

Dank der Textilkunst befand sich St. Gallen damals auf dem Weg zu einer Weltstadt und wurde zeitweise als Vorort New Yorks bezeichnet. Diese Zeiten sind längst vorbei, dafür verarbeiten Chanel, Dior, Armani und andere große Designer die weltberühmten Spitzen und Stickereien in ihren Kreationen. Michelle Obama trug zur Amtseinführung ihres Mannes 2009 St. Galler Stickerei, Camilla trug sie bei ihrer Hochzeit mit Prinz Charles.

Michelle Obama trägt St. Galler Stickerei.

Michelle Obama trägt St. Galler Spitze.

Schlau wähnten sich das katholische Kloster und die reformierte Stadt St. Gallen, als sie sich im 16. Jahrhundert auf Grenzen innerhalb der Stadt festlegten. Dabei wurde das Kloster samt seinem Gebiet aus dem übrigen Stadtgebiet ausgeschieden und zwischen Stadt und Abtei 1567 eine Trennmauer, die sogenannte Schiedmauer, errichtet, die den Stiftsbezirk zur ummauerten klösterlichen Enklave inmitten der Stadtrepublik St. Gallen machte.

Überreste der Schiedmauer, die einst den Stiftsbezirk von der Stadt trennte.

Überreste der Schiedmauer, die einst den Stiftsbezirk von der Stadt trennte.

Nun gab es ein Problem. Hier war die Stadtmauer, dort die Schiedmauer und nur ein Tor, aus dem der Abt hinaus konnte. Er musste durch die reformierte Stadt marschieren, um wieder in sein Kloster zu gelangen. Darüber ärgerte er sich und verlangte von der Stadt sein eigenes Tor. Dieses wurde als Karlstor 1570 errichtet. Das Tor mit dem monumentalen Sandsteinrelief ist das einzige der acht Stadttore, das noch erhalten ist.

Sandsteinrelief auf dem Karlstor.

Sandsteinrelief auf dem Karlstor.

INFO

Allgemeine Informationen: St. Gallen-Bodensee Tourismus

Übernachtung: Hotel Einstein, mitten in der Altstadt, Berneggstr. 2, Radisson Blu, St. Jakob Str. 55.

Anreise: Mit dem Zug bis Zürich, ab Zürich 1 Stunde bis St. Gallen.

Tipp: St. Galler Festspiele Mitte Juni bis Anfang Juli. Während der Festspiele werden Klosterhof und Kathedrale zur Kulisse für Opernraritäten.

Die Autorin war auf Einladung von St. Gallen-Bodensee Tourismus in St. Gallen.

Festspielbühne St. Gallen

Festspielbühne St. Gallen

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