Urban Foraging, der neue Trend aus den USA

Obst und Gemüse aus dem Supermarkt oder Exotisches aus fremden Ländern? Die urbane Mittelschicht amerikanischer Großstädte zieht Kraut und Rüben lieber aus den Asphaltritzen am Gehsteig. Auch Chefköche gehen schon selber mal in den stadtnahen Wald, um Bärlauch, Löwenzahn und Pilze aus der Erde zu ziehen. 

Übersetzt heißt Urban Foraging städtische Nahrungssuche. Und genau darum geht es bei diesem neuen Trend aus den USA: Großstädter sammeln Essbares im Asphaltdschungel ihrer Städte, ziehen Weinberglauch und Wildpflanzen aus Betonritzen und graben in Parks nach wilden Pastinaken. In Los Angeles, New York und Chicago wandern ganze Foraging-Kollektive auf Nahrungssuche durch die Straßenschluchten. Auf Foraging-Blogs werden Tipps und Standorte mit anderen „Foragers“ ausgetauscht. Quer durch die Staaten finden Workshops und Kochkurse mit den Ausbeuten aus Parks, Bürgersteigen und Hinterhöfen statt. Waren es im 19. Jahrhundert arme Immigranten, die in Straßen auf Nahrungssuche gingen, ist es heute die urbane Mittelschicht.

Löwenzahn ist ein beliebtes "Sammelobjekt" der Urban Forager.
Löwenzahn ist ein beliebtes „Sammelobjekt“ der Urban Forager.
Copyright: Dave Odd
Copyright: Dave Odd

Früher Comedian, heute Urban Forager

In Chicago, der Stadt mit der innovativsten Küche der USA, genießen Foraging-Expeditionsleiter dank ihrer großen Gefolgschaft fast schon Prominentenstatus.

Ein bekannter Forager ist der Comedian Dave Odd. Seit mehreren Jahren durchstreift der 37-jährige fast täglich die Straßen Chicagos nach verwertbarem Grünzeugs, Kräutern und Beeren. Mit dem Foraging hat er schon als Teenager angefangen. „Die Mutter eines Freundes gab mir damals ein Buch über Urban Foraging und daraus ist ein lebenslanges Hobby geworden“, sagt er. In Chicago durchkämmt er die Straßen und Hinterhöfe seiner Nachbarschaft, verlassene Gelände in benachbarten Stadtvierteln und Parks nach essbaren Wildpflanzen, Beeren und Kräutern. „In den Straßen findet man jede Menge cooles Zeugs wie Minze, Kräuter, essbare Blumen, Zwiebeln, Knoblauch, Früchte, Minze usw. Vieles davon sind verwilderte Garten-Ausreißer. Natürlich darf man den gesunden Menschenverstand während des Foraging in den Straßen nicht außer Acht lassen. Ich selbst durchstreife nur die sauberen Vorstadtgegenden und pflücke nur Sachen an Orten, an denen niemand auch nur einen Grund dazu hätte, Chemikalien gegen Unkraut zu sprühen. Ich sehe es so: wenn man Gemüse aus dem eigenen Garten isst, warum sollte man dann nicht essen, was einen halben Meter davon entfernt wächst? Parks, Flussufer und leere Grundstücke haben eine Menge zu bieten, ganz besonders Obstbäume und Sträucher wie z.B. Maulbeeren, Kupfer-Felsenbirnen, Holunderbeeren, Himbeeren, Brombeeren, wilde Trauben, Äpfel, Birnen, wilde Pflaumen, Schwarzkirschen, Walnüsse, Haselnüsse, um nur einige zu nennen.“

Brombeeren

Neben Obst und Beeren sammelt Dave Odd von März bis November in „Chicagoland“, dem Großraum Chicagos Pilze, pflückt essbare Blumen, wilden Lauch und Knoblauch, wilde Zwiebeln, Knoblauchsenf, verschiedenes Grünzeug und wilden Szechuanpfeffer und was sonst noch an Essbarem in Straßen und Hinterhöfen wächst.

Während der kalten Wintermonate, wenn in Chicago Minusgrade herrschen, durchstreift er ethnische Märkte und Online-Läden nach seltenen und ungewöhnlichen Produkten, Gewürzen und Nicht-Lebensmittel. „Ich betreibe auch ein beheiztes Gewächshaus wo ich alles Mögliche anbaue. Ein paar Dinge kann man übrigens auch im Winter sammeln, wie zum Beispiel Wacholder, Eberesche, Hagebutten und sogar diverses Grünzeugs und Pilze, die während des Tauwetters wachsen“, erklärt er.

Flussufer sind beliebte Ziele der Forager.
Flussufer sind beliebte Ziele der Forager.

Die Produktliste von Dave Odd umfasst heute mehr als 100 Foraging-Delikatessen, die er an über 30 Restaurants im Großraum Chicago liefert. Bleibt ihm bei all der Sammelleidenschaft überhaupt noch Zeit als Comedian auf der Bühne zu stehen? „Ich habe die Comedy vor etwa eineinhalb Jahren erst mal auf Eis gelegt“, erklärt der Forager. Ich konzentriere mich derzeit voll auf meine Obst- und Gemüsefirma. Ich ‚forage’ wann immer ich kann und gehe oft auf Tages- und Wochenend-Foraging-Touren. Wöchentlich verbringe ich 15 bis 20 Stunden mit Foraging“.

Copyright: Iliana Regan
Copyright: Iliana Regan

Gehsteiggemüse ist die neue Delikatesse

Iliana Regan ist Urban Forager aus Leidenschaft. Die 34-Jährige machte vor drei Jahren mit ihrem Underground Dinner Club „One Sister“ Lokalschlagzeilen. Der Dinner Club befand sich in ihrer Wohnung in Andersonville, einem Vorort Chicagos. Dort veranstaltete sie vier bis sechs Abendessen mit jeweils acht bis zwölf Personen im Monat. Seit September 2012 ist sie Inhaberin des Elizabeth Restaurants am Lincoln Square in Chicago. Das kleine Restaurant ist seit seiner Eröffnung Mittelpunkt der Chicagoer Foraging Szene. Billig ist das Essen im Elizabeth nicht gerade. Das billigste Menü kostet 65 Dollar. Es besteht allerdings aus 13 Gängen. Das teuerste, das aus 20 Gängen besteht, kostet 175 Dollar und dauert bis zu fünf Stunden. Die Portionen, die nicht ausschließlich aus Foraging-Produkten bestehen, sind pro Gang übrigens sehr klein. Nicht nur wegen der außergewöhnlich vielen Gänge ist das Elizabeth ein ungewöhnliches Restaurant. Die Tür ist verschlossen, man kann nicht einfach so hineinmarschieren. Wer dort essen will, muss sich auf der Website des Restaurants ein Ticket kaufen. Das Ticketsystem dient zur besseren Planung, denn im Elizabeth gibt es nur neun Tische für insgesamt 24 Personen und pro Abend nur einem Menü zur Auswahl.

Urban-Foraging-Touren

Die ökologische Systemdesignerin, Landschaftsgärtnerin, Gartenbauberaterin und Umweltkünstlerin Nance Klehm gilt als DIE „Foraging-Päpstin“ Chicagos. Als sie vor 15 Jahren mit der Suche nach essbaren Wildpflanzen und Kräutern im Wolkenkratzer- und Asphaltdschungel der Midwest-Metropole begann, war sie eine von wenigen. Heute leitet sie Foraging-Touren durch Chicago, Los Angeles, New York, Montreal, Mexiko City, Warschau und sogar Berlin. Für eine Gruppe bis zu zehn Personen kostet die zweistündige Tour 250 Dollar, für jede weitere Person 20 Dollar. Während der Tour lernen die Teilnehmer alles über verwertbare Pflanzen, denen Sie am Straßenrand und Parks begegnen und wie sie für Mensch oder Tier eingesetzt werden können. Die Tour startet mit einem selbstgemixten Kräutergetränk von Nance und endet mit einer einfachen Kräutermahlzeit.

Vom Gehsteig direkt auf den Tisch.
Vom Gehsteig direkt auf den Tisch.

INFOS:

Anfragen zu Urban-Foraging Touren: Website von Nance Khelm: http://spontaneousvegetation.net/urbanforage/

Elizabeth Restaurant, 4835 N. Western Ave. (Lincoln Square), Chicago

Erschienen in FORUM – Das Wochenmagazin, 20.9.2013

 

Grand Rapids – Beer City der USA

Gleich 15 Brauereien gibt es in Grand Rapids, dem urbanen Zentrum West-Michigans. Angefangen hat der Hype um Brauereien und Bierhallen mit der Gründung der Founders Brewery 1997. Danach schoss eine Brauerei nach der anderen aus dem Boden und machte die unscheinbare Stadt am Grand River zur Bierstadt der USA.

Founders BrewerySchon morgens kurz vor 11 steht die erste Schlange vor der Brauerei in der Grandville Avenue und wartet auf Einlass. „Wir kommen seit Juni fast jeden Tag um 11 hierher. Was gibt es Besseres, als den Tag mit einem guten Bier zu starten?“, sagen Marya und Jerome. „Derzeit ist unser Lieblingsbier das All Day IPA, ein leicht fruchtiges Leichtbier“, fügen die beiden freiberuflichen Webdesigner hinzu.

Founders Brewery

Gleich zweimal hintereinander wurde die Brauerei Founders in Grand Rapids von Ratebeer zur zweitbesten Brauerei der Welt gekürt. Dieses Jahr erreichte sie Platz 3. Die Ratingagentur der Bierwelt zog ihre Schlüsse aus über dreieinhalb Millionen Rezensionen aus aller Welt. Nutzer der Online-Ratingagentur bewerteten 140.000 Biere aus 12.000 Brauereien rund um den Globus.

Die Founders Brewing Company ist noch relativ jung. Sie wurde 1997 von den beiden jungen College-Absolventen und Hobby-Brauern Mike Stevens und Dave Engbers in Grand Rapids gegründet. Heute liefert sie ihr Bier in 27 Staaten der USA und ist eine der bedeutendsten Brauereien des Landes.

Founders Brewery
Amy (li.) liebt ihren Job bei Founders

„Wie viel Bier wir am Tag ausschenken weiß ich nicht, wir zählen nicht mit“, sagt Amy, die seit vier Jahren als Kellnerin bei Founders arbeitet. „Im Sommer haben wir am Tag bestimmt so um die 1.000 Gäste, am Wochenende die doppelte Anzahl“. Viermal wöchentlich gibt es abends Live-Musik bei Founders, sonntagnachmittags spielt das Grand Rapids Jazz Orchestra.

Founders Brewery
Gabriel Rains

Was macht das Founders-Bier so besonders? „Wir benutzen die gleichen Zutaten wie alle anderen Brauereien auch“, sagt Gabriel Rains, seit fünf Jahren Education Ambassodor (Bildungsbotschafter) bei Founders. „Allerdings haben wir hier in Michigan das beste und reinste Wasser des Landes, es kommt direkt aus dem Lake Michigan. Und, das Wichtigste, wir machen unser Bier mit viel Liebe“.

14 Zapfbiere stehen zur Auswahl, wovon zwei von Beer Advocate, einem globalen Netzwerk unabhängiger Bierenthusiasten, zum drittbesten Bier der Welt gekürt wurden. Der Online-Magazin CraftBeer des amerikanischen Bierbrauerverbands kürte Founders zur zweitbesten Bierkneipe der USA und zur drittbesten der Welt.

Founders Brewery

„Zu Recht“, sagt die aus Grand Rapids stammende Kamerafrau Tricia Mears. „Die Founders Brewery hat ihre ganz eigene Brauart. Sie erhöhen den Gehalt an Hopfen, Alkohol, Früchten, Kaffeearomen und den Alterungsprozess und schaffen auf diese Weise sehr komplexe Aromen in der Flasche. Ständig werden neue Rezepte für gewagtere Biertrinker gebraut. So werden dem Bier zum Beispiel Poplano- und Guajillo-Pfeffer, Chai oder Mango beigemischt.

Tricia Mears Cinematographer
Tricia Mears und ihr Bruder Eddie

Dennoch bleibt die Founders Brewery auch ihren klassischen Bieren treu. Sie haben eine hervorragende Auswahl an IPAs, Starkbier, hellem und dunklem Bier. Sie wagen Neues, schätzen aber auch die Klassiker und entwickeln sie weiter. Deshalb ist Founders so beliebt“, erklärt die 27-Jährige, die zuletzt als Kamera-Assistentin am neuen Spiderman-Film in New York mitgearbeitet hat.

Brewery Vivant
Brewery Vivant

„Founders ist okay, aber mir schmeckt das Bier bei Vivant besser – das Founders-Bier hat für meinen Geschmack einen zu hohen Hopfengehalt“, sagt Jurastudent Eddie Mears, der Bruder von Tricia. Die 2010 gegründete  Brewery Vivant ist etwas makaber, denn sie befindet sich in einer ehemaligen Funeral Chapel (Beerdigungskapelle). Die Idee dazu kam Mitbegründer Jason Spaulding während der Besichtigung von Klosterbrauereien im französischsprachigen Teil Belgiens.

Brewery Vivant

Von außen lässt nicht darauf schließen, dass sich hinter dem Tor mit der Aufschrift Chapel eine Bierhalle befindet. Innen ist es dunkel. Nur wenig Licht dringt durch die farbigen Kapellenfenster ein. Es ist Samstagvormittag, der Biergarten neben der Kapelle ist gut besucht. Drinnen ist es Dank der dicken Steinmauern angenehm kühl. Anders als bei Founders gibt es nicht nur Zapfbier, sondern auch eine große Auswahl an Wein und Cocktails.

Brewery Vivant

Stammgäste kommen und lassen sich in großen Flaschen Bier fürs Wochenende aus dem Zapfhahn abfüllen. „Beer to go“, sozusagen.

Brewery Vivant

„Ich war vor ein paar Jahren hier bei einer Trauerfeier, als die kleine Tochter eines Freundes gestorben ist. Dort drüben stand der Sarg“, erzählt einer der Gäste und deutet mit dem Zeigefinger dorthin, wo gerade Bier gezapft wird.

„Na, in den guten alten Tagen gehörte Biertrinken doch zu jeder Beerdigung!“ ruft ein älterer Mann, der mit ihm am Tisch sitzt. „Deshalb ist das hier doch der richtige Ort für eine Brauerei, oder nicht? Die Geister der Verstorbenen freut es bestimmt!“ sagt er und prostet mit seinem Glas Bier in alle Richtungen.

Brewery Vivant

INFO:

Founders Brewery, 235 Grandville Avenue. Öffnungszeiten: Montag-Samstag 11.00-2.00 Uhr nachts, sonntags 12.00 bis Mitternacht.

Brewery Vivant 925 Cherry Street. Öffnungszeiten: Montag-Donnerstag 15.00-23.00 Uhr, freitags 15.00 Uhr bis Mitternacht, samstags 11.00 Uhr bis Mitternacht, sonntags 12.00-21.00 Uhr.

Brewery Vivant

The Heidelberg Project: Aus Müll mach Kunst

Zehntausende Besucher aus aller Welt pilgern jährlich in die Heidelberg Street im Osten Detroits. Dort sind die Häuser bunt angemalt und mit Schallplatten dekoriert. An Baumstämmen hängen Uhren, von Ästen baumeln Schuhe, auf den Gehsteigen türmt sich meterhoch Trödel, auf der Wiese stehen zu Kunstwerken verarbeitete Autos und Fahrräder. Die Straße ist eine einzige Villa Kunterbunt.

The Heidelberg Project

Tyree Guyton hat das Freiluft-Kunstprojekt 1986 mit seinem Großvater geschaffen. Der heute 58-jährige Künstler ist in der Heidelberg Street aufgewachsen. In den Jahren nach den Detroiter Rassenunruhen 1967 verkam das Viertel rund um die Heidelberg Street immer mehr.

The Heidelberg Project Detroit

„Es sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, sagt Guyton. Immer mehr Menschen zogen weg, viele Häuser waren abgebrannt oder standen leer. Wer noch hier wohnte war arm und schwarz.

The Heidelberg Project Detroit

Guyton startete sein Projekt damit, dass er bunte Punkte auf Häuser malte und sie mit alten Stofftieren dekorierte. Die Kinder des Viertels wurden täglich in die Arbeit mit einbezogen.

The Heidelberg Project Detroit
Eine Erinnerung an die Zeit, als Motown Records neben der Autoindustrie ein Wahrzeichen Detroits war

Ziel des afroamerikanischen Künstlers war es, mit dem Heidelberg Projekt das erste Freiluftmuseum der Stadt zu schaffen einschließlich Künstlerkolonie, kreativem Kunstzentrum, Garten und Amphitheater.

The Heidelberg Project Detroit

Das Projekt entwickelte sich im Laufe der Jahre ständig weiter und verwandelte das Viertel um die Heidelberg Street langsam in einen Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt.

The Heidelberg Project Detroit

Obwohl ich jährlich mehrmals in Detroit bin, habe ich bis vor kurzem noch nie etwas vom Heidelberg Project gehört. Aufmerksam darauf werde ich erst, als wir an einem Sonntagmorgen durch Detroit fahren und mir von einem Schild am Gehweg in großen Lettern die beiden Wörter „Heidelberg Project“ entgegen springen.

The Heidelberg Project Detroit

Was hat meine Stadt, Heidelberg, mit Detroit zu tun, wundere ich mich zunächst. Wir halten an, ich steige aus, lese, was auf dem Schild steht und notierte mir die Adresse. Nur wenige Minuten später sind wir in der Heidelberg Street. So früh am Morgen ist sie menschenleer.

The Heidelberg Project Detroit

Noch nie zuvor habe ich eine solche Ansammlung von zu Kunst verarbeitetem Müll gesehen. Vor mir ein Hügel von alten Schuhen, dahinter ein altes Motorboot mit Bergen von Stofftieren, das die Aufschrift „Noah God“ trägt.

The Heidelberg Project Detroit

Mehrere Bäume sind mit großen bunten Punkten bemalt, von den Ästen baumeln Stofftiere oder Schuhe. An manchen Bäumen sind rings um den Stamm Uhren in allen Größen angebracht. Jede Uhr zeigt eine andere Zeit.

The Heidelberg Project Detroit

An anderen Bäumen hängen von Kindern gemalte Holzbilder, die Taxis oder Krankenwagen zeigen. Ein Sinnbild dafür, dass die Menschen das Viertel entweder mit dem Taxi oder dem Krankenwagen auf Nimmerwiedersehen verließen?

The Heidelberg Project Detroit

Die Gehwege sind bunt bemalt, vor den Hauseingängen stehen als Blumentöpfe genutzte Autoreifen.

The Heidelberg Project Detroit

Das Gras ist noch nass am frühen Morgen als ich mit der Kamera in der Hand über die Wiese rechts und links der Heidelberg Street gehe und die verschiedenen Objekte betrachte, von denen eines seltsamer als das andere ist.

The Heidelberg Project Detroit

In einem alten Backofen stehen rote Schuhe, rings aus dem Herd ragen Stangen, an deren Ende bunte Gummihandschuhe befestigt sind. Überall auf der Wiese stehen mit Graffiti und Gesichtern bunt bemalte Stahlteile.

The Heidelberg Project Detroit

Alte Fahrräder und Autos ragen halb vergraben aus dem Gras, Autos sind mit Gesichtern bemalt und stehen auf der Seite oder auf dem Dach. Hausruinen sind wie ein Weihnachtsbaum mit Trödel behängt, mehrere Häuser und Treppen mit alten Motown-Schallplatten dekoriert.

The Heidelberg Project DetroitVor manchen Häusern stehen ganze Müllberge aus Metall und Blech – Abfall aus der Autoindustrie? Eine Stunde lang streife ich von Haus zu Haus, von Objekt zu Objekt. Das Informationszentrum ist um diese Zeit noch geschlossen. Schade, denn ich hätte eine Menge Fragen gehabt.

The Heidelberg Project DetroitINFO:

Das Heideberg Project befindet sich in der 3600 Heidelberg Street in Detroit, in der Nähe des Elba Ellery Parks. Weitere Informationen auf der Website des Heidelberg Project.

The Heidelberg Project

Fahrradverleih und Radfahren in Chicago

Chicago zählt mit 320 Kilometern Radwegen, über 13.000 Fahrradständern und zahlreichen überdachten Abstellplätzen an vielen Bahnstationen zu den fahrradfreundlichsten Großstädten der USA. Der Verkehrsverbund der Stadt, die Nachhaltigkeit groß schreibt, stellt Einwohnern und Besuchern 4000 Fahrräder an 400 Stationen zur Verfügung, um den Verkehr zu entlasten.

Der Oak Street Beach liegt nur 5 Minuten von der Einkaufsmeile North Michigan Avenuen entfernt
Der Oak Street Beach liegt nur 5 Minuten von der Einkaufsmeile North Michigan Avenuen entfernt

Radeln in Chicago macht Spaß. Entlang des Lake Michigan gibt es kilometerlange Radwege, die Stadt hat 570 Parks und der Verkehr in der Innenstadt ist nicht halb so chaotisch wie in New York. CTA, der Verkehrsverbund Chicagos, hat mit Divvy (Divide and Share) ein Bike-Sharing Programm ins Leben gerufen, das den Verkehr der Innenstadt entlasten soll. Für einen Jahresbeitrag von 75 Dollar können Chicagoer die blauen Divvy-Räder an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr nutzen. Vor allem Berufstätige machen von dem Service Gebrauch, um morgens von zuhause zur nächsten U- oder Hochbahnstation zu radeln. Aber auch Touristen können die Fahrräder nutzen, ohne gleich einen Mitgliedsbeitrag zahlen zu müssen.

Radfahren in Chicago
In Chicago wird viel geradelt, besonders entlang des Lake Michigan.

Räder können 24 Stunden lang für 7 Dollar gemietet werden. Der 24-Stunden-Pass ist an allen Divvy-Station erhältlich. Das Rad kann an jeder der 400 Stationen in der Innenstadt und in den Vorstädten Chicagos zurückgegeben werden. Sämtliche Stationen sind auf der Website von Divvy unter dem Punkt „Station Map“ eingezeichnet. Jede Station verfügt über einen Touchscreen-Kiosk, eine Übersichtskarte der 400 Stationen und ein Andocksystem, das Räder nach einer Code-Eingabe aufschließt. Bezahlt werden kann nur mit Kreditkarte. Bargeldeinwurf ist nicht möglich.

Fahrradverleih in Chicago

Weitere Informationen: Divvybikes.com.

Auf der Website des Department of Transportation sind alle Radwege (Bikeways) Chicagos aufgezeichnet.

Radfahren in Chicago

Chicago „L“ – der Sound der Midwest-Metropole

Die ratternde Hochbahn Chicago Elevated, von den Einwohnern einfach nur „L“ genannt, liefert seit über hundert Jahren den unverkennbaren Sound der Stadt. Sie ist das Wahrzeichen von Downtown Chicago, rattert durch zahlreiche Filmproduktionen und gewährt Erstbesuchern einen hervorragenden Einblick in die Architektur des Loops. 

Ratternd fährt die „L“ in der Station Randolph/Wabash ein. Auf den Gleisen liegt ein Mann. Kann sie rechtzeitig abbremsen? Nein, aber eine Angestellte der „L“ stürzt aus ihrem Fahrkartenhäuschen, springt auf die Gleise und zieht den Bewusstlosen gerade noch rechtzeitig zur Seite. Es ist Sandra Bullock in der Komödie „While you were sleeping“.

Chicago Elevated

Im Kultfilm „Blues Brothers“ rattert eine „L“ jedes Mal dann über die Leinwand, wenn Elwood am Fenster seines Mini-Aparrments steht. Die „L“ spielt eine Rolle in Ocean’s Eleven, Risky Business und der Fernsehserie Emergency Room sowie in zahlreichen weiteren Filmen und Fernsehproduktionen. Der Dichter Reginald Gibbons hat ihr mit „Train Above Pedestrians“ sogar ein ganzes Gedicht gewidmet.

Chicago Elevated

Die Blues Brothers und While you were sleeping waren meine ersten Begegnungen mit Chicago und der „L“. Heute gehört die „L“ zu jedem meiner Chicago-Besuche. Erst wenn ich im Sommer spätabends unter den „L“ Stationen durch den fast menschenleeren Loop wandere und das Gequietsche und Geratter höre, bin ich in der Stadt angekommen. Es ist für mich der Sound Chicagos.

Chicago L

Seit 1892 rattert die „L“ von Stahlstelzen getragen in acht Metern Höhe über den Loop, den Hochbahnring, der den historischen Stadtkern wie eine Schleife umschließt und ihm seinen Namen gegeben hat. Sprechen die Chicagoer vom Loop, ist Downtown Chicago gemeint. 92 des 170 Kilometer langen Streckennetzes verlaufen als Hochbahn. An Wochentagen fahren knapp 800.000 Chicagoer und Vorstädter mit der „L“ zur Arbeit.

Chicago L

Einmal mit der „L“ durch das Hochhäuserlabyrinth rund um den Loop und zurück erhalten Chicago-Besucher einen ersten Einblick in die moderne und historische Architektur der Stadt, die zweistöckigen Klappbrücken des Chicago River (oben „L“, unten  Autos) und die Straßenschluchten des Loop. Eine Fahrt mit der „L“ ist bisweilen sehr spannend, denn auf manchen Streckenabschnitten rattert sie so nah an Häusern vorbei, dass man einen Blick in die Fenster erhascht. Während meiner „L“-Trips sah ich Paare in Küchen streiten, Banker und Anwälte sich während der Mittagspause in Fitness-Studios abstrampeln, Grillfeten auf Balkonen, Sekretärinnen beim Arbeiten in hypermodernen Büros, Künstler beim Malen, Liebespaare auf Sofas, Tänzerinnen in Ballettschulen und Schüler in Klassenzimmern.

Chicago L

Die acht Linien der „L“ sind durch Farben gekennzeichnet: Red, Blue, Brown, Green, Orange, Purple, Pink und Yellow, wobei die Red Line und die Blue Line den Loop als U-Bahn durchqueren. Die Brown Line fährt rund um den Loop. Anfangs- und Endstation ist am Merchandise Mart, in der Nähe der Franklin Street Bridge. Die Fahrt rund um den Loop dauert etwa 50 Minuten.

INFO: Fahrpläne der „L“ finden sich auf der Website der CTA (Chicago Transit Authority).