Januar 01

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Im Bus mit Al Capone

„Heads down, heads down!“ schreit eine Stimme, bevor das Geräusch von Maschinengewehrsalven durch den Bus rattert. Der Fahrer versucht mit Schleuderbewegungen, den Bus durch den Kugelhagel zu manövrieren. Von Angstschreien begleitet, ducken sich die Köpfe vor mir blitzschnell nach unten und tauchen erst wieder auf, als die Stimme „Welcome to Chicago’s Original Gangster Tour“ verkündet und nun aus den Lautsprechern der unverkennbare Sound des Chicago Jazz aus den „Roaring Twenties“ ertönt.Gangster Tour

Alles soll so echt wie möglich klingen, denn schließlich tauchen wir während der nächsten zwei Stunden in das Chicago Al Capones der 1920er- und frühen 1930er-Jahre ein. Als der legendäre Mafia-Boss der ungekrönte König der Stadt und, dank der Prohibition, einer der reichsten Männer der USA, Chicago beherrschte und selbst der Bürgermeister nach seiner Pfeife tanzte.

Damals teilten die rivalisierenden Banden die Stadt vertraglich untereinander auf: Den Süden kontrollierte das Chicago Outfit (Southside Gang), die amerikanische Sektion der Mafia unter Führung der Italo-Amerikaner Johnny Torrio und Al Capone, der Norden gehörte der North Side Gang und deren Anführern Dean O’Banion und Earl „Hymie“ Weiss, der Westen wurde vom sizilianischen Genna Clan beherrscht.Chicago Blues

Unser erster Halt ist die Holy Name Cathedral in der North Wabash Avenue. Gegenüber der Kirche betrieb Dean O’Banion einen Blumenladen, den die North Side Gang als Hauptquartier nutzte. Dort wurde er am 10. November 1924 von Mitgliedern des Genna Clans erschossen.

Das Rattern von Maschinengewehrsalven tönt aus den Lautsprechern als uns Mike, der Tour Guide erzählt, wie drei Killer den Blumenladen betraten und dem nichts ahnenden O’Banion die Hand schüttelten, bevor sie ihn mit sechs Kugeln niederstreckten. Der Mord ging als Handshake Murder in die Geschichte ein. Als Mitglieder der North Side Gang auf das Fluchtauto schossen, blieb eine Kugel in der Wand der Kathedrale stecken. Das Einschussloch ist noch heute sichtbar.

Das Einschussloch in der Holy Name Cathedral.

Das Einschussloch in der Holy Name Cathedral.

Auf der Fahrt zu unseren nächsten Zielen werden wir immer wieder in einen Hinterhalt gelockt, der sich durch das Geräusch von Maschinengewehrgeratter aus den Lautsprechern und Mikes Rufen „Heads down!“ ankündigt. Wenn der Fahrer den Bus dann im Zickzack-Kurs durch den Kugelhagel manövriert, werden wir auf unseren Sitzen ganz schön herumgeschleudert.

Al Capone

Al Capone

Mike, der passend zur Tour im Stil der späten 1920er-Jahre gekleidet ist, erzählt uns während der Fahrt nicht nur die spannende Geschichte der rivalisierenden Gangs, wir erfahren auch viel über die Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen Al Capones, dem die Justiz zwar nie einen Mord nachweisen konnte, ihn letzten Endes aber wegen Steuerhinterziehung mehrere Jahre hinter Gittern brachte. Gestorben ist er übrigens nicht durch die Kugel eines Rivalen, sondern an einer Lungenentzündung (Folge einer jahrelangen Syphillis) – eine Woche nach seinem 48. Geburtstag.

Die Stationen der Gangster-Tour

Bevor Al Capone und Johnny Torrio Chicagos Unterwelt beherrschten, war „Big Jim“ Colosimo der Mafia-Boss Nummer 1. Er war der erste große Gangster Chicagos und derjenige, der die Unterwelt am längsten regierte – fast 30 Jahre lang bis zu seinem Tod 1920.

Es war Colosimo, der Johnny Torrio 1908 in sein „Unternehmen“ aufnahm und ihn zu seinem Stellvertreter machte. Torrio ließ seinen Ziehvater zwölf Jahre später ermorden, um die Macht ganz an sich zu reißen. Der Bus hält vor dem ehemaligen Hauptquartier Colosimos (Colosimo’s Café) im westlichen Abschnitt der Wabash Avenue an. Heute befindet sich dort die interaktive Kneipe „Tommy Gun’s Garage“, die Musik und Comedy aus den Roaring Twenties spielt und Big Jim’s Lasagne serviert.

Valentine Day massacreNatürlich darf auf der Gangster-Tour die wohl bekannteste Schießerei aus dem Chicago der 1920er-Jahre nicht fehlen – diese bildet den Abschluss der Tour. Es handelt sich um eine der brutalsten Auseinandersetzungen zwischen Al Capone und der North Side Gang, die am 14. Februar 1929 in einer Garage in der North Clark Street stattfand.

Ein fünfköpfiges Killerteam des Chicago Outfit fuhr in zwei schwarzen Limousinen, die denen des Chicago Police Department ähnelten, an der Garage vor. Drei der Killer trugen Polizeiuniformen und inszenierten eine Razzia. In der Garage befanden sich sieben Mitglieder der North Side Gang. Da sie annahmen, dass es sich tatsächlich um eine Razzia handelte, ließen sie sich widerstandslos entwaffnen und an die Wand stellen. Dort wurden sie mit Maschinenpistolen hingerichtet. Bei ihrer Flucht täuschten die Killer eine Verhaftung vor, indem sie die beiden nicht uniformierten Killer mit erhobenen Händen abführten. Die Hinrichtung ging als Valentinstags-Massaker in die Geschichte ein. Das Massaker diente übrigens als Vorlage für die Garagenmordszene in Billy Wilders Komödie „Manche mögen’s heiß“.

Info

Die Tour kostet 30 Dollar und muss telefonisch gebucht werden (wer am Abfahrtort ohne Reservierung erscheint, wird nicht mitgenommen). E-Mail-Buchungen werden nicht akzeptiert. Bezahlt werden kann mit Visa- oder Master Card. Bargeld wird nicht bzw. nur als Trinkgeld akzeptiert. Telefonnummer und weitere Informationen: http://www.gangstertour.com

Chicago vom Hancock Tower aus fotografiert.

Chicago vom Hancock Tower aus fotografiert.

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