Im Bus mit Al Capone

„Heads down, heads down!“ schreit eine Stimme, bevor das Geräusch von Maschinengewehrsalven durch den Bus rattert. Der Fahrer versucht mit Schleuderbewegungen, den Bus durch den Kugelhagel zu manövrieren. Von Angstschreien begleitet, ducken sich die Köpfe vor mir blitzschnell nach unten und tauchen erst wieder auf, als die Stimme „Welcome to Chicago’s Original Gangster Tour“ verkündet und nun aus den Lautsprechern der unverkennbare Sound des Chicago Jazz aus den „Roaring Twenties“ ertönt.Gangster Tour

Alles soll so echt wie möglich klingen, denn schließlich tauchen wir während der nächsten zwei Stunden in das Chicago Al Capones der 1920er- und frühen 1930er-Jahre ein. Als der legendäre Mafia-Boss der ungekrönte König der Stadt und, dank der Prohibition, einer der reichsten Männer der USA, Chicago beherrschte und selbst der Bürgermeister nach seiner Pfeife tanzte.

Damals teilten die rivalisierenden Banden die Stadt vertraglich untereinander auf: Den Süden kontrollierte das Chicago Outfit (Southside Gang), die amerikanische Sektion der Mafia unter Führung der Italo-Amerikaner Johnny Torrio und Al Capone, der Norden gehörte der North Side Gang und deren Anführern Dean O’Banion und Earl „Hymie“ Weiss, der Westen wurde vom sizilianischen Genna Clan beherrscht.Chicago Blues

Unser erster Halt ist die Holy Name Cathedral in der North Wabash Avenue. Gegenüber der Kirche betrieb Dean O’Banion einen Blumenladen, den die North Side Gang als Hauptquartier nutzte. Dort wurde er am 10. November 1924 von Mitgliedern des Genna Clans erschossen.

Das Rattern von Maschinengewehrsalven tönt aus den Lautsprechern als uns Mike, der Tour Guide erzählt, wie drei Killer den Blumenladen betraten und dem nichts ahnenden O’Banion die Hand schüttelten, bevor sie ihn mit sechs Kugeln niederstreckten. Der Mord ging als Handshake Murder in die Geschichte ein. Als Mitglieder der North Side Gang auf das Fluchtauto schossen, blieb eine Kugel in der Wand der Kathedrale stecken. Das Einschussloch ist noch heute sichtbar.

Das Einschussloch in der Holy Name Cathedral.
Das Einschussloch in der Holy Name Cathedral.

Auf der Fahrt zu unseren nächsten Zielen werden wir immer wieder in einen Hinterhalt gelockt, der sich durch das Geräusch von Maschinengewehrgeratter aus den Lautsprechern und Mikes Rufen „Heads down!“ ankündigt. Wenn der Fahrer den Bus dann im Zickzack-Kurs durch den Kugelhagel manövriert, werden wir auf unseren Sitzen ganz schön herumgeschleudert.

Al Capone
Al Capone

Mike, der passend zur Tour im Stil der späten 1920er-Jahre gekleidet ist, erzählt uns während der Fahrt nicht nur die spannende Geschichte der rivalisierenden Gangs, wir erfahren auch viel über die Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen Al Capones, dem die Justiz zwar nie einen Mord nachweisen konnte, ihn letzten Endes aber wegen Steuerhinterziehung mehrere Jahre hinter Gittern brachte. Gestorben ist er übrigens nicht durch die Kugel eines Rivalen, sondern an einer Lungenentzündung (Folge einer jahrelangen Syphillis) – eine Woche nach seinem 48. Geburtstag.

Die Stationen der Gangster-Tour

Bevor Al Capone und Johnny Torrio Chicagos Unterwelt beherrschten, war „Big Jim“ Colosimo der Mafia-Boss Nummer 1. Er war der erste große Gangster Chicagos und derjenige, der die Unterwelt am längsten regierte – fast 30 Jahre lang bis zu seinem Tod 1920.

Es war Colosimo, der Johnny Torrio 1908 in sein „Unternehmen“ aufnahm und ihn zu seinem Stellvertreter machte. Torrio ließ seinen Ziehvater zwölf Jahre später ermorden, um die Macht ganz an sich zu reißen. Der Bus hält vor dem ehemaligen Hauptquartier Colosimos (Colosimo’s Café) im westlichen Abschnitt der Wabash Avenue an. Heute befindet sich dort die interaktive Kneipe „Tommy Gun’s Garage“, die Musik und Comedy aus den Roaring Twenties spielt und Big Jim’s Lasagne serviert.

Valentine Day massacreNatürlich darf auf der Gangster-Tour die wohl bekannteste Schießerei aus dem Chicago der 1920er-Jahre nicht fehlen – diese bildet den Abschluss der Tour. Es handelt sich um eine der brutalsten Auseinandersetzungen zwischen Al Capone und der North Side Gang, die am 14. Februar 1929 in einer Garage in der North Clark Street stattfand.

Ein fünfköpfiges Killerteam des Chicago Outfit fuhr in zwei schwarzen Limousinen, die denen des Chicago Police Department ähnelten, an der Garage vor. Drei der Killer trugen Polizeiuniformen und inszenierten eine Razzia. In der Garage befanden sich sieben Mitglieder der North Side Gang. Da sie annahmen, dass es sich tatsächlich um eine Razzia handelte, ließen sie sich widerstandslos entwaffnen und an die Wand stellen. Dort wurden sie mit Maschinenpistolen hingerichtet. Bei ihrer Flucht täuschten die Killer eine Verhaftung vor, indem sie die beiden nicht uniformierten Killer mit erhobenen Händen abführten. Die Hinrichtung ging als Valentinstags-Massaker in die Geschichte ein. Das Massaker diente übrigens als Vorlage für die Garagenmordszene in Billy Wilders Komödie „Manche mögen’s heiß“.

Info

Die Tour kostet 30 Dollar und muss telefonisch gebucht werden (wer am Abfahrtort ohne Reservierung erscheint, wird nicht mitgenommen). E-Mail-Buchungen werden nicht akzeptiert. Bezahlt werden kann mit Visa- oder Master Card. Bargeld wird nicht bzw. nur als Trinkgeld akzeptiert. Telefonnummer und weitere Informationen: http://www.gangstertour.com

Chicago vom Hancock Tower aus fotografiert.
Chicago vom Hancock Tower aus fotografiert.

Fahrradverleih und Radfahren in Chicago

Chicago zählt mit 320 Kilometern Radwegen, über 13.000 Fahrradständern und zahlreichen überdachten Abstellplätzen an vielen Bahnstationen zu den fahrradfreundlichsten Großstädten der USA. Der Verkehrsverbund der Stadt, die Nachhaltigkeit groß schreibt, stellt Einwohnern und Besuchern 4000 Fahrräder an 400 Stationen zur Verfügung, um den Verkehr zu entlasten.

Der Oak Street Beach liegt nur 5 Minuten von der Einkaufsmeile North Michigan Avenuen entfernt
Der Oak Street Beach liegt nur 5 Minuten von der Einkaufsmeile North Michigan Avenuen entfernt

Radeln in Chicago macht Spaß. Entlang des Lake Michigan gibt es kilometerlange Radwege, die Stadt hat 570 Parks und der Verkehr in der Innenstadt ist nicht halb so chaotisch wie in New York. CTA, der Verkehrsverbund Chicagos, hat mit Divvy (Divide and Share) ein Bike-Sharing Programm ins Leben gerufen, das den Verkehr der Innenstadt entlasten soll. Für einen Jahresbeitrag von 75 Dollar können Chicagoer die blauen Divvy-Räder an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr nutzen. Vor allem Berufstätige machen von dem Service Gebrauch, um morgens von zuhause zur nächsten U- oder Hochbahnstation zu radeln. Aber auch Touristen können die Fahrräder nutzen, ohne gleich einen Mitgliedsbeitrag zahlen zu müssen.

Radfahren in Chicago
In Chicago wird viel geradelt, besonders entlang des Lake Michigan.

Räder können 24 Stunden lang für 7 Dollar gemietet werden. Der 24-Stunden-Pass ist an allen Divvy-Station erhältlich. Das Rad kann an jeder der 400 Stationen in der Innenstadt und in den Vorstädten Chicagos zurückgegeben werden. Sämtliche Stationen sind auf der Website von Divvy unter dem Punkt „Station Map“ eingezeichnet. Jede Station verfügt über einen Touchscreen-Kiosk, eine Übersichtskarte der 400 Stationen und ein Andocksystem, das Räder nach einer Code-Eingabe aufschließt. Bezahlt werden kann nur mit Kreditkarte. Bargeldeinwurf ist nicht möglich.

Fahrradverleih in Chicago

Weitere Informationen: Divvybikes.com.

Auf der Website des Department of Transportation sind alle Radwege (Bikeways) Chicagos aufgezeichnet.

Radfahren in Chicago

Chicago „L“ – der Sound der Midwest-Metropole

Die ratternde Hochbahn Chicago Elevated, von den Einwohnern einfach nur „L“ genannt, liefert seit über hundert Jahren den unverkennbaren Sound der Stadt. Sie ist das Wahrzeichen von Downtown Chicago, rattert durch zahlreiche Filmproduktionen und gewährt Erstbesuchern einen hervorragenden Einblick in die Architektur des Loops. 

Ratternd fährt die „L“ in der Station Randolph/Wabash ein. Auf den Gleisen liegt ein Mann. Kann sie rechtzeitig abbremsen? Nein, aber eine Angestellte der „L“ stürzt aus ihrem Fahrkartenhäuschen, springt auf die Gleise und zieht den Bewusstlosen gerade noch rechtzeitig zur Seite. Es ist Sandra Bullock in der Komödie „While you were sleeping“.

Chicago Elevated

Im Kultfilm „Blues Brothers“ rattert eine „L“ jedes Mal dann über die Leinwand, wenn Elwood am Fenster seines Mini-Aparrments steht. Die „L“ spielt eine Rolle in Ocean’s Eleven, Risky Business und der Fernsehserie Emergency Room sowie in zahlreichen weiteren Filmen und Fernsehproduktionen. Der Dichter Reginald Gibbons hat ihr mit „Train Above Pedestrians“ sogar ein ganzes Gedicht gewidmet.

Chicago Elevated

Die Blues Brothers und While you were sleeping waren meine ersten Begegnungen mit Chicago und der „L“. Heute gehört die „L“ zu jedem meiner Chicago-Besuche. Erst wenn ich im Sommer spätabends unter den „L“ Stationen durch den fast menschenleeren Loop wandere und das Gequietsche und Geratter höre, bin ich in der Stadt angekommen. Es ist für mich der Sound Chicagos.

Chicago L

Seit 1892 rattert die „L“ von Stahlstelzen getragen in acht Metern Höhe über den Loop, den Hochbahnring, der den historischen Stadtkern wie eine Schleife umschließt und ihm seinen Namen gegeben hat. Sprechen die Chicagoer vom Loop, ist Downtown Chicago gemeint. 92 des 170 Kilometer langen Streckennetzes verlaufen als Hochbahn. An Wochentagen fahren knapp 800.000 Chicagoer und Vorstädter mit der „L“ zur Arbeit.

Chicago L

Einmal mit der „L“ durch das Hochhäuserlabyrinth rund um den Loop und zurück erhalten Chicago-Besucher einen ersten Einblick in die moderne und historische Architektur der Stadt, die zweistöckigen Klappbrücken des Chicago River (oben „L“, unten  Autos) und die Straßenschluchten des Loop. Eine Fahrt mit der „L“ ist bisweilen sehr spannend, denn auf manchen Streckenabschnitten rattert sie so nah an Häusern vorbei, dass man einen Blick in die Fenster erhascht. Während meiner „L“-Trips sah ich Paare in Küchen streiten, Banker und Anwälte sich während der Mittagspause in Fitness-Studios abstrampeln, Grillfeten auf Balkonen, Sekretärinnen beim Arbeiten in hypermodernen Büros, Künstler beim Malen, Liebespaare auf Sofas, Tänzerinnen in Ballettschulen und Schüler in Klassenzimmern.

Chicago L

Die acht Linien der „L“ sind durch Farben gekennzeichnet: Red, Blue, Brown, Green, Orange, Purple, Pink und Yellow, wobei die Red Line und die Blue Line den Loop als U-Bahn durchqueren. Die Brown Line fährt rund um den Loop. Anfangs- und Endstation ist am Merchandise Mart, in der Nähe der Franklin Street Bridge. Die Fahrt rund um den Loop dauert etwa 50 Minuten.

INFO: Fahrpläne der „L“ finden sich auf der Website der CTA (Chicago Transit Authority).