Auf dem Sankt-Lorenz-Strom von Montréal nach Québec

Emile, réveille-toi!“ (wach auf!) ruft die ältere Dame neben mir und stößt ihren Mann mit dem Ellbogen unsanft in die Rippen, als ein Anflug von Schlingern ankündigt, dass sich das Schiff in Bewegung setzt. Es ist sieben Uhr morgens und der Himmel ist strahlend blau, als wir Montréal an Bord der „Cavalier Maxim“ Richtung Quebéc City verlassen. Im großen Speisesaal auf dem Unterdeck wird gerade das Frühstück serviert. Verschlafen blickt Émile auf seine Kaffeetasse und wirft seiner Frau einen vorwurfsvollen Blick zu, weil sie ihn aus seinen Träumen gerissen hat.. „Wir haben gestern Abend unseren 40. Hochzeitstag mit Freunden gefeiert, da ist es spät geworden, und heute mussten wir schon um halb fünf aufstehen. Das ist zu früh für ihn“, erklärt Émiles Frau, zeigt auf ihren Mann und nickt mir, mit einem Seitenblick auf meinen Lebensgefährten, der ebenfalls noch sehr verschlafen aussieht, zu. Ich erfahre, dass sie sich die Flusskreuzfahrt nach Quebéc zum Hochzeitstag gegönnt haben. Fast zehn Stunden Fahrt auf dem Sankt-Lorenz-Strom liegen nun vor uns. Montreal

Nach drei Tagen vollem Sightseeing-Programm in Montréal freue ich mich geradezu auf ein paar Stunden Nichtstun. Ich studiere die Karte mit den Aktivitäten, die an Bord angeboten werden. Während der gesamten Reise gibt es auf einem der Außendecks „animation historique“, in der die Passagiere etwas über die Geschichte und Sehenswürdigkeiten der Orte erfahren, an denen die Cavalier Maxim vorbeifährt. Am Vormittag stehen diverse Workshops und Vorträge zu Navigation und dem Lesen von Seekarten auf dem Programm. Auf Deck A gibt es am Nachmittag Bingo und auf Deck C diverse Tisch- und Brettspiele. Am Vor- und Nachmittag findet außerdem eine Apfeleisweinprobe statt. Während des Frühstücks mit mehreren hundert Passagieren geht es lebhaft zu. Teller und Tassen klirren, Kinder quengeln, Kellner bewegen sich flink zwischen den Tischen umher, Passagiere stellen sich einander vor, aus den Lautsprechern erklingt die obligatorische Willkommen-an-Bord-Ansage. Frachtschiff

Irgendwo auf dem Schiff muss es doch eine gemütliche und vor allem ruhige Ecke geben, in die wir uns zurückziehen können? Wir machen uns auf, um die Cavalier Maxim zu erkunden. Auf dem Außendeck vor dem Speisesaal ist außer uns noch niemand unterwegs. Es ist zwar schon sehr warm, aber so windig, dass wir uns entschließen, lieber drinnen nach einem ruhigen Plätzchen zu suchen. Wir gehen aufs Oberdeck und finden eine Lounge mit bequemen Sofas und Sesseln, die außer uns anscheinend noch keiner der anderen Passagiere entdeckt hat. Der ideale Ort, um die Reise zu genießen, denke ich und mache es mir in einem breiten Sessel vor dem riesigen Panoramafenster bequem. Pat, mein Lebensgefährte, zieht sich einen Tisch in die Ecke, packt Papiere und MacBook aus und fängt an zu arbeiten. Kreuzfahrt Quebec Ich genieße die Stille, den strahlend blauen Himmel, das blaue Wasser des Sankt-Lorenz- Stroms vor mir und das herrliche Panorama zu beiden Seiten des Flusses. Gewaltige Fracht- und Containerschiffe ziehen an uns vorbei. Bis zu 50 000 Millionen Tonnen Fracht an Handelsgütern werden jährlich von Ende März bis Ende Dezember, wenn die Wasserstraße eisfrei ist, auf dem größten Binnenschifffahrtsweg der Welt transportiert. Containerschiff Nach und nach füllt sich die Lounge. Auch der schläfrige Émile und seine Frau sind nun da und machen es sich neben meinem Sessel auf dem Sofa bequem. „Hier kann er schlafen. Ich bin übrigens Claire und komme aus Montréal“, stellt sie sich vor und winkt einem Segelschiff zu, das wir gerade über- holen. „Sobald im Mai die ersten warmen Sonnenstrahlen Montréal erreichen, zieht es die Segler bis weit in den Oktober hinein raus aufs Wasser. Wir sind früher auch viel gesegelt“, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Heute lassen wir uns segeln!“ Segelboot

Städte und Dörfer an den Ufern des Sankt-Lorenz-Stroms
Die Tür zur Lounge geht auf und ich höre, dass auf Außendeck B gerade die „animation historique“ beginnt. Die will ich mir keinesfalls entgehen lassen. „Bis später“, rufe ich Claire zu und mache mich auf den Weg zum Außendeck. Ein Crew-Mitglied steht mit einem Mikrofon in der Mitte des Decks und gibt „Geschichtsunterricht“ auf Französisch und Englisch. Mittlerweile ist jeder Stuhl von Sonnenanbetern besetzt, so dass ich mich an die Treppe, die zum Oberdeck führt stelle und zuhöre. Animation historique Kanadas erste Heilige
Das erste Städtchen, an dessen Ufern wir vorbeifahren, ist das rund 21 000 Einwohner zählende Varennes. Hier wurde 1701 Marie-Marguerite d’Youville, die Gründerin der „Sœurs Grises (Grauen Nonnen)“ geboren, deren Orden sich um Waisen, Gefangene, Kriegsopfer und Flüchtlinge kümmerte. Sie wurde 1990 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen und ist die erste in Kanada geborene Heilige. Ihre sterblichen Überreste befinden sich in der 1887 errichteten Basilika Sainte-Anne. Sankt-Lorenz-Strom

Außenpier Montréals
Nicht weit von Varennes liegt das kleine 1681 gegründete Städtchen Contrecœur, das nur knapp über 6250 Einwoh- ner zählt. Es ist die Stahlregion Quebécs. Unter anderem befindet sich hier eine Niederlassung von „ArcelorMittal“, einem der größten Stahlkonzerne der Welt – und aus diesem Grund auch ein Pier, der zum Hafen in Montréal gehört. Da es auf dem Außendeck sehr windig ist, sehne ich mich schon nach wenigen Minuten nach meinem bequemen Sessel in der Lounge. Als Fernand, der „Animateur historique“, eine kurze Pause macht, frage ich ihn, ob er eine Liste mit den Orten hat, die wir passieren. Orte und Landschaft sehe ich schließlich auch durch die Panoramafenster in der Lounge und kann mir gleichzeitig alles Wissenswerte zu den jewei- ligen Städten und Dörfern von meinem Sessel aus im Internet googeln, denke ich. Fernand schlägt mir jedoch vor, dass er nach dem Mittagessen mit einer Landkarte in der Lounge vorbeikommt und mir etwas zu den Orten erzählt. „What a treat!“, sagt Pat, als Fernand sich später mit einer großen Landkarte zu uns setzt und mit seinem „Geschichtsunterricht“ dort weitermacht, wo ich das Deck verlassen habe. Frachtschiff auf dem Sankt-Lorenz-Strom

Der erste Weihnachtsbaum Nordamerikas
In Sorel, der viertältesten Stadt der Provinz Québec, wurde 1781 der erste Weihnachtsbaum in Nordamerika auf- gestellt – „nicht in den USA, wie viele unserer amerikanischen Nachbarn irrtümlich glauben“, erklärt Fernand und zwinkert Pat, der US-Amerikaner ist, zu. Die Stadt ist außerdem berühmt für das „Fort Richelieu“, das 1642 zur Verteidigung der Siedler gegen die Irokesen errichtet wurde. Seit Sorel 2001 mit dem Ort Tracy zusammenge- legt wurde, heißt es Sorel-Tracy. Die beiden Orte sind durch den Richelieu River getrennt. Archipel Lac Saint-Pierre Kurz nach Sorel weitet sich der Sankt- Lorenz-Strom auf einer Länge von 35 Kilometern zum zehn Kilometer breiten Lac Saint-Pierre auf, ein Archipel und Biosphären-Gebiet mit 103 Inseln, das zum UNESCO-Welterbe gehört. Mit über 1300 Vogelnestern zählt der Archipel zu einem der größten Vogelnestgebiete Nordamerikas. Sankt-Lorenz-Strom Römisch-katholische Diözese
An der östlichen Ecke des Lac Saint- Pierre liegt Nicolet, seit 1885 Sitz der römisch-katholischen Diözese von Nicolet. Der kleine Ort wurde nach dem französischen Entdecker Jean Nicolet benannt, der die Gegend um die Großen Seen erforschte und als erster Europäer den Lake Michigan entdeckte. Sankt Lorenz Strom

Zweitälteste Stadt Neufrankreichs, Pilgerort und Hauptstadt der Poesie
Auf der anderen Uferseite des Flusses liegt Trois Rivières. Der Name der fast 132 000 Einwohner zählenden Stadt bezieht sich auf den Fluss Saint-Maurice, der sich vor seiner Mündung in den Sankt-Lorenz-Strom in drei Flussarme teilt. Die Stadt wurde 1634 als zweite Stadt (nach Quebéc) Neufrankreichs gegründet. 1776 war sie Schauplatz der Schlacht von Trois- Rivières während der Invasion von Kanada durch die Amerikaner im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Sie ist eine der weltweit wichtigsten Städte der Papierindustrie. Vom Flussufer gut sichtbar ist die „Notre-Dame-du-Cap Basilica“, eine Wallfahrtsstätte und der Jungfrau Maria gewidmeter Pilgerort – 1879 und 1888 fanden dort zwei Wunder statt, die der Jungfrau Maria zugeschrieben wurden.

Notre-Dame-du-Cap Basilica

Nicht nur Gläubige, auch über 35 000 Poesie-Fans pilgern jährlich Ende September zum „Festival International de la Poésie“, zum Poesie-Festival, nach Trois Rivières. Der Québecer Lieder- macher Félix Leclerc, der hier regelmäßig bis zu seinem Tod 1988 auftrat, ernannte Trois-Rivières zur Hauptstadt der Poesie. „Wenn ihr auf die Île d’Orléans geht, besucht unbedingt das Grab Leclercs – es ist etwas ganz Besonderes“, rät uns Fernand. Wenige Tage später stehen wir vor seinem Grab und wissen, warum. Auf dem Grabstein und rings um das Grab liegen Schuhe – zur Erinnerung an seinen größten Hit „Moi, mes souliers“ (Ich, meine Schuhe). Grab Félix Leclerc

Navigationszentrum Cap- Charles
„Kommt bitte in zehn Minuten aufs Außendeck B – wir haben eine Überraschung!“ sagt Fernand, will uns aber nicht sagen, worum es sich handelt. Als es soweit ist, befinden wir uns auf Höhe des Navigationszentrums „Cap- Charles“. Seit 40 Jahren grüßen die „Botschafter des Sankt- Lorenz-Stroms“, wie sich die Besatzung des Navigationszentrums auf dem Cap nennt, vorbeifahrende Schiffe. Sie informieren sich vorab bei dem jeweiligen Kapitän über die Nationalität der Passagiere und hissen daraufhin die entsprechenden Flaggen. Heute haben sie erfahren, dass sich eine Deutsche an Bord der AML befindet. „Sie haben eine ganz besondere Überraschung für unseren deutschen Gast“, verkündet Fernand durch sein Mikrofon. Cap Charles Als wir auf Höhe des Caps sind, wird gerade die deutsche Flagge gehisst und wenige Sekunden später erklingt die Melodie der deutschen Nationalhymne. Alle Blicke sind nun auf mich gerichtet. Verlegen schaue ich zum Cap hinauf, stehe genauso steif da, wie ein Sportler, der mit einer Goldmedaille um den Hals mit der Nationalhymne geehrt wird. „Das hättest du nicht erwartet, oder?“ lacht mir Fernand zu, als er meine Verlegenheit bemerkt. Wahrscheinlich bin ich im Gesicht rot wie eine Tomate!

Apfeleiswein – eine Spezialität Quebécs
Zeit für ein Schlückchen Apfeleiswein, sage ich zu Pat und ziehe ihn Richtung Lounge, wo ein Stand der „Cidrerie Du Minot“ zur Apfeleisweinprobe einlädt. In Kanada wird Apfeleiswein erst seit den 1990er-Jahren und ausschließlich in der Provinz Quebéc hergestellt. Er wird aus am Baum gefrorenen Äpfeln produziert. Da ich „Ice Cider“ noch nie getrunken habe, bin ich natürlich gespannt, wie er schmeckt. Ice Cidre Während ich diverse Cidres aus kleinen Gläschen probiere, erfahre ich von den Mitarbeitern der Kelterei, Marie-Eve und Alan, nicht nur Wissenswertes über die Ice Cider-Produktion, sondern auch etwas über die Geschichte der Cidrerie. Sie wurde vom Önologen Robert Demoy und seiner Frau Joelle gegründet, die in den 1970er Jahren aus der Bretagne kamen, um in Quebéc einen Neuanfang zu wagen. Nach ein paar Jahren als Angestellte in einem Weinbaubetrieb, machten sie sich 1988 in Hemmingford, im Südwesten der Provinz Quebéc, mit einer Kelterei selbstständig und produzierten ihren ersten Apfelschaumwein, den „Crémant de pomme du Monot“, der bis heute ihr meistverkauftes Produkt ist. Er schmeckt zwar ganz hervorragend, aber meine Favoriten sind der „Crémant de glace“ und der „Du Minot des Glaces“. Chateau Frontenac

„Le Château Frontenac!“ höre ich Claire hinter mir rufen. Wir nähern uns dem Hafen von Quebéc City. Majestätisch thront das Hotel „Fairmont Le Châ- teau Frontenac“ auf dem Cap-aux-Diamants, dem Diamantfelsen. Mit seinen vielen Ecktürmen, Rundtürmen, Schrägdächern und dem grünen Kupferdach erinnert es an ein französisches Loire-Schloss. Wenn Quebéc ein Geschenk der Natur ist, wie der Montréaler Historiker Yves Tessier einmal sagte, dann ist das Château Frontenac ein Geschenk für das Auge, denke ich, als ich das am meisten fotografierte Hotel der Welt mit meiner Kamera heranzoome. Wir werden unsere erste Nacht in Quebéc im Frontenac verbringen – dies ist Bestandteil der Flusskreuzfahrt, die für uns hier endet, für die anderen aber am nächsten Tag weitergeht. Wir haben beschlossen, ein paar Tage in Quebéc zu bleiben und dann mit dem Zug nach Montréal zurückzufahren. River Cruise Québec INFO

Allgemeine Informationen zu Quebéc: www.bonjourquebec.com
Croisières AML: bietet zwischen Juli und Oktober diverse ein- und zweitägige Flusskreuzfahrten, auch mit Whale-Watching in Baie-Ste-Catherine, an. Bei der Reise von Montréal nach Quebéc ist eine Übernachtung im Château Frontenac inbegriffen. Ohne Übernachtung: Rückfahrt nach Montréal mit dem Bus am Abend, im Preis inbegriffen. Mit Übernachtung: Rückfahrt mit dem Zug am nächsten Tag 20 CAD pro Person.
Fairmont Le Château Frontenac: 1, rue des Carrières, Québec.
Erschienen in 360° Kanada, Ausgabe  4/2013
Die Autorin war auf Einladung von Bonjour Québec/Tourisme Québec in Québec.

Fairmont The Queen Elizabeth: Hotel, das auf Nachhaltigkeit setzt

Das Montrealer Luxushotel, in dem John Lennon und Yoko Ono 1969 ihr Bed-in veranstalteten, züchtet auf dem Dach Biogemüse und Honigbienen und besitzt eine Ziege, die Milch für die hauseigene Käseproduktion liefert.

Fairmont Montreal

Das Fairmont The Queen Elizabeth Hotel war schon immer etwas mehr als nur ein Luxushotel. Bei seiner Eröffnung am 15. April 1958 wurde es als Meisterstück der Innovation gefeiert – es war weltweit das erste Hotel mit Air Condition und elektronisch kontrollierbarer Heizung. Hinzu kam, dass es direkt über dem Gare Centrale, dem Hauptbahnhof Montreals, errichtet wurde. Gäste können direkt vom Bahnhof aus mit der Rolltreppe hinauf in die Hotel-Lobby fahren und durch eine unterirdische Galerie gelangt man zu den Einkaufszentren und in die nahe gelegene Altstadt.

Bed-In – Give Peace A Chance

Weltweit Aufsehen erregte das Hotel als am 26. Mai 1969 John Lennon und Yoko Ono in der Suite 1742 im 17. Stock ihr legendäres achttägiges „Bed-in“ begannen. Täglich empfingen die beiden rund 150 Journalisten aus aller Welt, die ihre Friedensbotschaft verkünden sollten.

Bed-In Suite

Das Lied „Give Peace a Chance“ wurde hier geschrieben und aufgenommen. Die Suite war eigens dazu in ein Tonstudio umfunktioniert worden. Bestückt mit Fotos von John und Yoko, goldenen Schallplatten und Zeitungsartikeln aus der Zeit des Bed-ins avancierte die Suite 1742 zur Pilgerstätte und steht auf der Sightseeing-Liste von Beatles-Fans ganz oben – auch wenn sie im Hotel letztendlich vor verschlossener Tür stehen, denn besichtigt werden können die legendären Räume nur, wenn man sie bucht. Gebucht werden kann die Suite allerdings ausschließlich telefonisch. Der Preis liegt bei 1969 kanadischen Dollar für ein Wochenende – die Zahl symbolisiert das Jahr der berühmten Protestaktion. Im Paket enthalten sind der Transport von und zum Flughafen in einer Stretchlimousine, Schlafanzug bzw. Kimono, wie sie John und Yoko während ihres Aufenthalts trugen, eine CD mit der Originalversion von Give Peace a Chance samt Text sowie Frühstück im Bett und zwar mit genau den Speisen, die sich seinerzeit John und Yoko vom Room-Service bringen ließen.

Die vier „Königinnen“ des Fairmont

Das Hotel, in dem sich Hollywoodstars, Hochadel, Staatsmänner und Politiker die Klinke in die Hand geben, hat im letzten Jahr Dauergäste bekommen: Am 1. Juni 2012 bezogen vier Bienenköniginnen samt ihren Untertanen ihre „Honeymoonsuite“ auf dem Dach des Hotels. Von dort aus schwärmen sie zur Bestäubung in die Gärten Montreals aus. Die vier Bienenstöcke, die mittlerweile auf 200.000 Honigbienen angewachsen sind, sollen 200 Kilo Honig im Jahr produzieren, die nicht nur für die Hotelküche gedacht sind, sondern auch im hoteleigenen Shop verkauft werden.

DachgartenDen Bienenstöcken war  im Jahr zuvor die Errichtung eines Biogartens auf dem Dach des 22-stöckigen Gebäudes vorausgegangen, der in seiner ersten Ernte 125 Kilo Kräuter, Gemüse und Früchte für die Hotelküche abwarf. Der Garten wurde im letzten Jahr um 15 verschiedene Tomatensorten, Auberginen, Erdbeeren, Melonen und essbare Blüten erweitert. Gemüse, Obst und Kräuter, die im Hotel-Restaurant serviert werden, stammen aus Eigenproduktion  vom Dach oder vom Marché Jean Talon.

Restaurant Fairmont Hotel

Auch der Ziegenkäse ist ein Hausprodukt – oder fast. Im Frühjahr 2010 adoptierte das Hotel eine Ziege von der lokalen Käserei Fromagerie Du Vieux St-Francois, die Milch für die hauseigene Käseproduktion liefert. Die Ziege, die Blanche Neige heißt, ist allerdings nicht auf dem Dachgarten untergebracht, sondern im Stall der Käserei.

Für Umweltschutz tut das Hotel einiges. Papier, Plastik, Glas, Metall und Batterien werden recycelt. Überzählige Menüs werden an städtische Tafeln oder die Heilsarmee gespendet, kaum genutzte Tagungsmaterialien wie Stifte und Papier an Kindergärten. Shampoos, Seifen und Duschgels, die die Gäste nicht aufbrauchen, gehen an Obdachlosenheime. Ebenso alte Handtücher, Bettlaken und Bademäntel. Im März 2010 erhielt das Fairmont The Queen Elizabeth den Preis für nachhaltigen Tourismus auf dem Grand Prix Du Tourisme Québécois.

Blick vom Fairmont auf Montreal
Blick vom Fairmont auf Montreal

Adresse: 900 Rene Levesque Blvd, Montreal, Quebec.

Allgemeine Informationen zu Montreal: http://www.bonjourquebec.com

Die Autorin war auf Einladung von Bonjour Québec/Tourisme Québec in Montreal.

Foto 1 und Foto des Restaurants: Copyright Fairmont Hotel

Marché Jean-Talon: Ein Fest für Augen und Gaumen

Montreal ist ein Fein­schmecker-Paradies. Die Millionenstadt in Kanada bietet rund 5.000 Restaurants mit Speisen aus über 80 Ländern. Und den Marché Jean-Talon, den Mikrokosmos Montreals, der die ethnische Vielfalt der Stadt mit Einflüssen aus Kulturen der ganzen Welt reflektiert.

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„Der Jean-Talon Markt ist das Mekka aller Köstlichkeiten! Ein Fest für Gaumen und Sinne! Dort findest du Leckereien aus allen Gegenden des Planeten, einfach alles, was der Gaumen begehrt. Du solltet auf jeden Fall hungrig über den Markt bummeln, am besten zwischen Frühstück und Mittagessen“, rät mir die Wahl-Montrealerin Christine. „Und wenn du Glück hast, mischt sich das Ensemble der Montrealer Oper unter die Marktbesucher und singt Arien“. Zur Demonstration zeigt sie mir ein Video auf ihrem iPhone. Ein Marktbesucher in Jeans und kariertem Hemd bummelt mit einem Weinglas in der Hand zwischen den Ständen umher und fängt plötzlich an, das Trinklied aus La Traviata zu singen. Es ist der Tenor Riccardo Iannello. Die Marktfrau hinter ihm entpuppt sich als die Sopranistin Pascale Beaudin. „Auf dem Jean-Talon weiß man nie, was einen erwartet oder wer einem begegnet“, lacht Christine.

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Der 1933 eröffnete Markt ist das Herzstück Little Italys. Mit über 20.000 Quadratmetern umfasst er einen ganzen Straßenblock. 150 Bauern und Importeure aus der Umgebung verkaufen an sieben Tagen der Woche neben lokalen Produkten unzählige exotische Früchte, Gemüsesorten und Gewürze. Rings um die Marktstände befinden sich Bäckereien, Delikatessenläden, Fischhändler, Weinhandlungen, kleine Cafés und Restaurants. Auch der beste Käsehändler der Stadt, La Fromagerie Hamel, ist hier mit einer Verkaufsstelle vertreten. Zur Auswahl stehen über 1.000 Käsesorten aus dem In-und Ausland. Das größte Gebäude auf dem Markt gehört der Boulangerie Première Moisson, Meister aller Backwaren in Montreal. Torten, Kuchen und Quiches werden wie wertvolle Kunstwerke hinter Glas ausgestellt.

Jean Talon Markt

In den Korridoren auf dem Markt herrscht buntes Treiben. Hausfrauen, Studenten, Rentner und Gourmets sind mit Körben und Einkaufstaschen unterwegs. An manchen Ständen haben sich Schlangen gebildet. „Ist hier unter der Woche immer so viel los?“, frage ich eine der Verkäuferinnen. Bevor sie antworten kann, mischt sich die Kundin hinter mir ein: „Wir Montrealer bereiten unser Essen gern aus frischen Zutaten zu, deshalb kaufen wir Obst und Gemüse täglich frisch auf dem Markt“. „Comme en France“ (wie in Frankreich), bestätigt die Marktfrau und fügt hinzu: „Auch die Küchenchefs zahlreicher Restaurants und Hotels kommen regelmäßig hierher und kaufen frisches Obst und Gemüse, Käse, frischen Fisch und Gewürze für ihre Kreationen.“

Marché Jean Talon

Schwarzrote Kirschen, liebevoll zubereitete Körbchen mit einem Mix aus Blaubeeren, Brombeeren, Himbeeren und Johannisbeeren, exotische Früchte und Gemüse wie Papayas, Guaven, Curubas, Palmherzen und Lotus, Produkte aus Ahornsirup und andere Süßigkeiten – Leckereien und eine Farbenpracht, wie ich sie nur von Märkten in Lateinamerika kenne. An allen Marktständen stehen Teller und Schalen mit kleingeschnittenem Obst und Gemüse, damit Kunden und Besucher probieren können, bevor sie sich zum Kauf entschließen. Vieles, wie Chayoten, Curubas oder Cherimoyas kenne ich nicht und muss nachfragen. Bereitwillig geben die Marktfrauen Auskunft über die Herkunft und Zubereitung der exotischen Obst- und Gemüsesorten. So erfahre ich von Marie, die seit zehn Jahren mit einem Stand auf dem Markt vertreten ist, wie Brotfrucht, Palmherzen, Kochbananen und Chayoten am besten zubereitet werden.

Jean Talon Markt

Bei so viel Auswahl an Obst, Gemüse und Säften kann ich mich kaum entscheiden, wovon ich zuerst probieren soll. Die Beeren sind riesig und schmecken so lecker, dass ich zwei Körbchen davon nehme. Am Stand mit den Maple Sugar Candys, die sprichwörtlich auf der Zunge zergehen, komme ich nicht vorbei und kaufe gleich mehrere Packungen. In einer Espresso-Bar bestelle ich mir einen Cappuccino und öffne das erste Schächtelchen der leckeren Pralinen aus Ahornsirup.

Marché Jean Talon

El Rey del Taco soll die besten Tacos der Stadt machen – eine Portion mit drei üppig belegten Tacos kostet nur acht Dollar. „Gibt es davon auch die vegetarische Variante“, möchte ich wissen. „Whatever you like, we prepare it!“ versichert mir der Taco-Mann und wenige Minuten später drückt er mir die lecker aussehenden Tacos in die Hand. Sie befinden sich in einem praktischen Pappschächtelchen, so dass ich sie im Gehen essen kann.

Knoblauch Marché Jean Talon

„My God, Sauerkraut!“ höre ich einen amerikanischen Touristen rufen, als ich bei Balkani vorbeikomme, dem osteuropäischen Delikatessenladen. Das Sauerkraut ist tatsächlich frisch aus dem Fass, so wie ich es aus deutschem Bioladen und Reformhaus kenne – und wie ich es in meiner zeitweiligen Wahlheimat USA nicht bekomme. Es wird jedoch zusammen mit würziger Wurst auf einem Sandwich verkauft – ich bin Vegetarier. Ein paar Meter weiter werde ich beim Sushi-Shop trotz der gerade verzehrten Tacos schwach – es gibt mit Avocado gefüllte Maki-Sushi. Daran komme ich nicht vorbei und lasse mir ein paar davon einpacken – für unterwegs.

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Als Fan exotischer Gewürze ist Olive & Epices ein absolutes Muss für mich. Hier finden sich neben feinsten Olivenölen Gewürze für die mexikanische, mediterrane, türkische, griechische, afrikanische, indische und karibische Küche. Am Ende meines Marktbesuches möchte ich noch bei Le Havre aux Glaces vorbeischauen, wo es „das köstlichste Eis Montreals“ gibt, wie mir von Christine versichert wurde. Neben dem Eisstand filmt gerade das Team eines Montrealer Fernsehsenders und interviewt jemanden, der ein Buch in den Händen hält. „Die sind hier ständig mit ihren Kameras unterwegs“, sagt eine Frau, die neben mir am Eisstand steht. Als ich mit meiner Bestellung an der Reihe bin, entscheide mich für ein fruchtiges Sorbet – das beste und „beerigste“, das ich je gegessen habe.

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Der Marché Jean-Talon befindet sich in keinem eleganten Art Deco Gebäude wie der trendige Atwater Market im Saint-Henri Viertel. Auch geht es auf dem Jean-Talon lauter, lebhafter und hektischer zu als auf den anderen Märkten Montreals. Aber auf keinem anderen Markt der Stadt treffen gebürtige Montrealer auf Immigranten aus so vielen verschiedenen Ländern wie hier. Denn es sind längst nicht mehr nur Italiener, die in Little Italy leben. Der größte Teil der Einwohner stammt aus Nordafrika, dem Libanon, Vietnam und Lateinamerika.

Akkordeonspielerin

„Eigentlich ist der Markt der Mikrokosmos Montreals“, sagt die Montrealer Gastro-Journalistin Susan Semenak. Es gibt sogar Menschen, die nur wegen des Marktes nach Little Italy ziehen. Wie die gebürtige Libanesin Mayssam, die seit zwanzig Jahren in Montreal lebt. „Der Jean-Talon Markt ist sozusagen mein Laden an der Ecke“, sagt sie. „Da ich nur zwei Blocks vom Markt entfernt wohne, schaue ich im Sommer fast täglich dort vorbei, auch wenn ich nichts brauche. Ehrlich gesagt bin ich in dieses Viertel gezogen, weil ich nahe am Markt wohnen wollte. Der Jean-Talon Markt hat mehr Seele als irgendein anderer Markt auf dem ich je gewesen bin – und ich besuche während meiner Reisen viele Märkte“, so die Gastro- und Reiseautorin, die auf ihrer Website willtravelforfood.com über Kulinarisches bloggt.

Jean Talon Markt

„Vielleicht liegt es daran, dass er „mein“ Markt ist und ich dort viele Marktverkäufer persönlich kenne, die diese Seele ausmachen. Dass der Markt eine Seele hat, bestätigen übrigens auch viele Touristen, die Montreal besuchen. Auch wenn sie aus Städten kommen, die selbst schöne Märkte haben, hinterlässt der Jean-Talon dennoch einen unbeschreiblichen Eindruck bei jedem von ihnen“. Über die Seele des Marktes schreibt auch Susan Semenak in ihrem 2011 erschienenen Buch „Marché Jean-Talon: Recettes & Portraits“, das auf Englisch unter dem Titel „Market Chronicles: Stories & Recipes from Montreal’s Marché Jean-Talon“ erhältlich ist.

Adresse und Öffnungszeiten: 7070 Avenue Henri-Julien (blaue Linie der Metro Richtung Saint-Michel bis zur Station Jean-Talon). Der Markt ist ganzjährig an sieben Tagen der Woche geöffnet: Montag bis Mittwoch 7 bis 18 Uhr, Donnerstag und Freitag 7 bis 20 Uhr, Samstag 7 bis 18 Uhr und Sonntag 7 bis 17 Uhr. Ab Oktober werden rund um den Markt Mauern zum Kälteschutz angebracht.

Erschienen in FORUM – Das Wochenmagazin (April 2013), Globetrotter-Magazin Herbst 2013, Badische Neueste Nachrichten  16.8.2014.

Die Autorin war auf Einladung von Bonjour Québec/Tourisme Québec in Montreal.