Unterwegs im Auftrag des Tigers

Diese Geschichte von mir ist in der Zeitschrift „BusFahrer“ 3/2016 erschienen.

Einen Bus durch die mehrspurigen Straßen der größten Metropolregion der Welt zu manövrieren, ist eine Herausforderung für sich. Trotzdem möchte Shingo Nagasawa keinen anderen Job machen – Bus fahren ist seine Leidenschaft.

Wenn Shingo Nagasawa morgens um 8.30 Uhr im Vorort Narita in seinen Bus steigt, sind in Tokyo bereits über eine Million Fahrzeuge unterwegs. Stoßstange an Stoßstange schieben sie sich über endlos vielen Spuren, die über Brücken, durch Tunnel und Häuserschluchten führen. Der Tokyoter Verkehr ist die größte Herausforderung des Neununddreißigjährigen, der seit sechs Jahren für das Busunternehmen Chibakita fährt.

busfahrerShingo Nagasawa vor seinem Bus.

Das Unternehmen verfügt über 28 Busse der Marke Isuzu und hat seinen Sitz in der Hafenstadt Chiba, die 40 Kilometer südöstlich der Hauptstadt an der Bucht von Tokyo liegt. Auf den Bussen prangt auf vier Seiten ein röhrender Tiger, das Logo der Firma. „Der Gründer des Unternehmens wurde im Jahr des Tigers geboren und hat deshalb dieses Logo gewählt“, erklärt Geschäftsführer Norio Tsubaki. Die Firma selbst ist nach der Stadt, in der sie ihren Sitz hat, benannt. Das angehängte „kita“ bedeutet Norden.

Bevor Shingo Nagasawa vor zwölf Jahren Busfahrer wurde, hat er bei einer Self-Service Bank gearbeitet. „Da ich Busse aber immer gemocht habe und es zudem liebe, Menschen aus anderen Nationen zu begegnen, habe ich den Busführerschein gemacht und den Beruf gewechselt“, erzählt er.

bus

Seine Tage fangen meistens am Flughafen in Narita an. Manche Reisegruppen steigen direkt aus dem Flugzeug in den Bus und beginnen sofort mit der Tour. Andere, die von weit her angereist sind, möchten sich nach einem 12-stündigen Flug erst einmal in einem nahen Hotel ausschlafen und beginnen von dort ihre bis zu 14-tägige Bustour am nächsten Morgen. Es handelt sich dabei um Reisegruppen, deren Touren mit Chibakita über einen Veranstalter vor der Reise ihrem eigenen Land gebucht wurden. Reisegäste deutschsprachiger Veranstalter werden bei Chibakita Kanko über die Hildener Agentur JF Tours gebucht. „70 Prozent unserer Gruppen kommen aus Taiwan, der Rest aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Spanien, Italien und den USA“, erklärt Norio Tsubaki.

 

asakusaShingo fährt Touristengruppen oft zum Senso-ji-Tempel in Asakusa. Dort habe ich ihn mit Hilfe meines Japanisch-Dolmetschers interviewt.

Die Bustouren führen nach Kyoto, die Stadt der 2000 Tempel, nach Hakone, ein Kurort im Gebirge, der für seine heißen Quellen berühmt ist und auf die Alpine Route Tateyama Kurobe im Norden, wo so viel Schnee fällt wie kaum sonst irgendwo auf der Welt. In manchen Wintern sind es bis zu 38 Meter Neuschnee. Jedes Jahr im Frühling legen Arbeiter mit riesigen Schneefräsen die Route frei. Es dauert Monate, bis die 300 Kilometer lange Strecke von den Schneemassen befreit ist, die sich dann an den Straßenseiten zu sechs Meter hohen Wänden auftürmen. „Der Bus ist ja nur dreieinhalb Meter hoch. Es ist, als ob ich durch einen Tunnel fahren würde“, sagt Shingo Nagasawa und Norio Tsubaki fügt hinzu: „Es ist auf jeden Fall sehr viel Arbeit für den Fahrer.“ Die Reisezeit für die Strecke ist Mitte April bis Juni.

asakusa-2Touristinnen aus Taiwan in Asakusa.  

Für jede zwei Stunden, die  fährt, stehen ihm 15 Minuten Pause zu. Wenn die Gruppen mit ihren Reiseleitern auf Besichtigungstour gehen, hat er eine halbe bis zu einer Stunde Pause. „Dann ruhe ich mich im Bus aus, höre Musik oder lese. Wenn die Gruppen lange Besichtigungen machen und bis zu vier Stunden weg sind, wasche ich den Bus. Aber ich wasche ihn sowieso zweimal täglich. Ich liebe es, meinen Bus zu pflegen und zu warten“, erklärt der aus Chiba stammende Fahrer. „Kein Bus hat glänzendere Felgen als der von Shingo – man kann sich darin spiegeln“, sagt Norio Tsubaki und fährt mir der Hand über die Felgen.

dsc_5227

Shingo Nagasawas hat keinen Montag-bis-Freitag-Job. Seine Arbeitszeit hängt von der jeweiligen Tour ab. Wenn es sich um eine einwöchige Tour handelt, fährt er sieben Tage von 8:30 Uhr bis 18 Uhr, hat aber einen Tag in der Woche frei. Vom Gesetzt her dürfen die Fahrer maximal 13 Tage am Stück fahren, danach ist eine dreitägige Pause vorgeschrieben. Normalerweise fährt Shingo eine Tour und je nachdem, wie lange diese dauert, hat er danach ein bis drei Tage frei. In Japan haben Arbeitnehmer nur zehn Tage bezahlten Jahresurlaub, nach mehreren Berufsjahren kommen sie auf maximal 18 Tage. Shingo Nagasawas Jahresurlaub hängt von der Saison ab. Die Hochsaison beginnt für den Busfahrer ab der Kirschblütenzeit Ende März. In der Nebensaison hat Shingo auch schon mal eine Woche am Stück frei. Dann kümmert er sich um seine Familie, die drei Kinder im Alter von dreizehn, elf und acht Jahren, und um sein Hobby, den Anbau von Reis auf seinem eigenen kleinen Reisfeld in Chiba.

reisfelderReisfelder im Großraum Tokyo.

Im Ausland war der sympathische Hobbyreisbauer selbst erst ein einziges Mal – auf Hawaii während seiner Hochzeitsreise. Nach Tokyo kommt er nur, wenn er eine Tour fährt. „Ich mag die Stadt nicht, sie ist so voll, es gibt zu viele Menschen und zu viel Verkehr. Die meisten Busfahrer mögen Tokyo nicht wegen des Verkehrs“, sagt er seufzend und manövriert seinen Bus aus der Parklücke, um eine taiwanesische Reisegruppe am Asakusa Tempel abzuholen.

asakusa-3Die Alternative zum Busfahren in Tokyo …

Ameyoko Markt in Tokyo

Um zehn Uhr morgens erwacht der Markt im Ueno-Viertel langsam zum Leben. Waren werden aus Kisten gepackt, ein Händler rast mit seiner Karre durch die enge Straße und windet sich im Slalom geschickt zwischen Marktbesuchern hindurch. Ein Restaurantbesitzer reinigt die Matte vor vor der Eingangstür mit einem Handstaubsauger, über den Fenstern schaukeln Laternen aus Reispapier sanft im Wind.

1a

DSC_5316

Der Markt zieht sich vom Bahnhof Ueno mit zahlreichen Seitengassen bis zum Bahnhof Okachimachi hin. Ein Laden reiht sich an den nächsten: Kleidung, Lederwaren, Süßigkeiten, Geschenkartikel, Elektronik, Supermärkte, Stände mit Gewürzen und allerhand Undefinierbarem, frischem Obst, Gemüse, getrocknetem- und frischem Fisch und dazwischen unzählige kleine Restaurants,  Sushi-Bars, Teeläden und Shops für Fußmassagen.

1

2

3

5

7

An zahlreichen Ständen lugt das Katzegrinsegesicht Hello Kitty in allen Formen und Größen aus Plüsch uns Plastik zwischen allerlei Krimskrams hervor.

DSC_5332

Zwischen Touristen drängeln sich Einheimische, die frische Lebensmittel für das Abendessen einkaufen.

DSC_4756

DSC_5331

Vor einem Lederwarengeschäft steht ein Marktschreier auf einem Hocker und preist mit schriller Stimme durch ein Megafon Handtaschen an.

DSC_4762

In engen, überdachten Seitengassen, von denen eine in die andere führt, befinden sich Läden und Stände mit  Kosmetikartikeln, Waffen, Uhren, Schmuck, Kleidern, Hüten und Schuhen.

Hüte

DSC_4750

DSC_4760

DSC_5315

DSC_5322

DSC_5326

DSC_5336

Öffnungszeiten: Der Ameyoko-Markt (eigentlich Ameya Yokocho) ist täglich von 10-19 Uhr geöffnet.

Anfahrt: Mit der Yamanote-Linie bis Ueno. Ich habe die Yamanote-Linie zu meiner Lieblingslinie erkoren. Die S-Bahn umrundet die Innenstadt oberirdisch in einer knappen Stunde auf 29 Bahnhöfen und ist hervorragend für eine Sightseeing-Tour geeignet.

DSC_5457

Stadt der Tempel und Schreine

In Kyoto gibt es 1600 buddhistische Tempel und 400 Shinto-Schreine. Einer der bekanntesten und ältesten ist der gigantische Fushimi Inari-Taisha aus dem Jahr 711, der meist besuchte Shinzo-Schrein in Japan. Er ist berühmt für seine Alleen aus Tausenden von scharlachroten Torii (Tore), die vier Kilometer lang einen Hügel hinaufführen, auf dessen Spitze das Allerheiligste (hier ein Spiegel) öffentlich einsehbar ist. 1

5

Die Pfade, die den Hügel zum Schrein emporführen, sind mit zahlreichen Fuchsstatuen gesäumt. Dem japa­nischen Volks­glau­ben zu­folge haben Füchse magi­sche Fähig­kei­ten. Sie sind die Wächter des Fushimi Inari-Taisha Schreins. 4

Schon am frühen Morgen wimmelt es auf dem Gelände des Schreins von Schulklassen aus allen Teilen des Landes, denen die Geschichte und die Bedeutung des Fushimi Inari-Taisha nährgebracht wird. 3

Wünsche werden auf Holztafeln geschrieben und an der Wand befestigt.

2

Jeder, der eine Holztafel erwirbt, muss sich die Hände am dafür vorgesehenen Brunnen waschen.

Yasaka-jinja

Der Yasaka-Schrein aus dem Jahr 656 ist dem Gott des Windes und des Meeres, Susano-no-o-mikoto, geweiht.

Heian-jingu

Der Heian-jingu ist ein Shinzo-Schrein, der 1895 zu Ehren des Kaisers errichtet wurde.

8

An den Abenden des 1. und 2. Juni finden hier traditionelle japanische Theateraufführungen, sogenannte Takigi-Nō-Tänze, statt.

Sugawaran

Kleinere Schreine findet man in Kyoto alle paar Meter zwischen Wohnhäusern und Bürogebäuden.

9

11

Der buddhistische Tempel Higashi Hongan-ji (Fotos unten) wurde 1602 errichtet.

Higashi

DSC_5019

DSC_5030

DSC_5031

DSC_5041

DSC_5047

DSC_5026