Februar 05

Ich wollte einfach guten Kaffee machen

Im März erscheint mein Buch „Heidelberg, Porträt einer Stadt“ (Gmeiner Verlag). Hier schon mal ein Vorgeschmack:

Rudolf Miltner eröffnete mit dem Casa del Caffè die erste italienische Kaffeebar der Stadt

Nirgendwo spürt man das Flair Italiens eindrücklicher als in einer der typischen Kaffeebars. Es sind Orte der Geschäftigkeit, aber auch des Rückzugs. Hier wird über Geschäfte gesprochen, lebhaft über Politik und Sport diskutiert, gestritten und Zeitung gelesen. Von einem solchen Ort träumte Rudolf Miltner in Heidelberg. Es blieb nicht bei dem Traum. Sein nostalgisch-schönes Casa del Caffè in der Steingasse feierte am 15. September 2015 den 20. Geburtstag und ist mittlerweile weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Sogar die International Herald Tribune und die Frankfurter Allgemeine Zeitung erwähnten die Kaffeebar in einem Reiseartikel.

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Cornelia Lohs: Wie kamst du auf die Idee mit der Kaffeebar?

Rudolf Miltner: Der Ursprung war, dass ich einfach guten Kaffee machen wollte. Ich hatte zuvor drei Jahre in der Max-Bar gearbeitet und dort gemerkt, dass es mir liegt, Kaffee zu kochen. Durch meine italienische Frau hatte ich zudem den Zugang zu der Kultur. So reifte die Idee langsam heran und irgendwann war ich soweit, dass ich das Ganze realisieren wollte. Es war allerdings nicht so einfach, die geeigneten Räumlichkeiten zu finden. Als ich eines Tages durch die Steingasse lief, sah ich dieses Gebäude, das gerade umgebaut wurde. Irgendetwas zog mich in dieses Haus. Ich wusste bereits nach wenigen Sekunden, dass es der perfekte Ort für eine Kaffeebar sein würde.

Und du bekamst sofort den Mietvertrag?

Das war ganz witzig. Ich habe einen Termin mit dem Vermieter vereinbart, obwohl ich weder Geld hatte, noch konkrete Pläne vorweisen konnte. Nur die Idee, dass es eine italienische Stehbar sein sollte. Kurz vor dem Termin bin ich in eine Buchhandlung gegangen und habe mir das Buch mit den berühmten Fotos italienischer Espresso-Bars von Walter Vogel gekauft. Ich habe mich unten vor dem Haus ins Auto gesetzt, mir das Bild ausgesucht, das mir am besten gefiel, bin die Treppe hoch und habe zu dem Hausbesitzer gesagt: „Genau so will ich es machen“. Er antwortete: „Okay, machen Sie das“, und ich bekam den Mietvertrag. Ab diesem Zeitpunkt hat es bis zur Eröffnung der Bar ein Jahr gedauert.

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Woher stammt die Einrichtung?

Teils aus Italien, teils aus Frankreich. Bei der Theke handelt es sich beispielsweise um eine alte französische Bar. Zusammen mit Rudolf Clermont, der bereits die Max-Bar ausgestattet hatte, bin ich durch ganz Deutschland gefahren, teilweise auch nach Frankreich und Italien, um nach passenden Stücken zu suchen, die wir später hier eingebaut haben. Clermont hat übrigens auch die Wände bemalt.

(Anmerkung: Der kreative Innenausstatter Rudolf Clermont, der in Heidelberg mehrere Lokale eingerichtet hat, verstarb 2008 an Herzversagen).

Wie kam das Casa del Caffè nach der Eröffnung an?

Sehr gut. Anfangs wurde ich zwar bedauert, weil die Bar ein bisschen abseits liegt. Damals war die Steingasse für Cafés noch nicht so bekannt. Ich stand selber sieben Tage in der Woche an der Bar und hatte Kontakt zu den Gästen. Durch die Max-Bar wussten ja viele, dass ich guten Kaffee machen kann. Die schauten im Casa del Caffè vorbei und fanden es gut. Heute sind 80 Prozent der Besucher Stammgäste. Manche von ihnen kamen nach zehn oder fünfzehn Jahren wieder zurück und wunderten sich, dass noch alles so ist, wie es war und fühlten sich hier gleich wieder wohl. Für viele ist die Bar wie ein Stück Heimat. Seit der Eröffnung hat sich nichts verändert. Ich habe versucht, alles so zu erhalten, wie es ist und will es auch bewahren. Es ist wie eine Konservierung der Zeit.

Welcher Altersgruppe gehören deine Stammgäste an?

Queerbeet. Ich habe 80-jährige Stammgäste bis hin zu Babys, die mit ihren Eltern kommen. Ich hatte Gäste, die immer mit ihren Zwillingen kamen, die als Kleinkinder mit der Milchflasche im Mund unter dem Tisch lagen. Die Zwillinge kamen 18 Jahre später zu mir und haben gefragt, ob sie hier arbeiten könnten. Das ist schon ein Kompliment. Die beiden sind praktisch hier groß geworden.

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Ihr öffnet früh und schließt sehr spät – weshalb?

In Italien macht man die Bar früh auf, das ist Tradition. Man trifft sich, unterhält sich, isst ein warmes Croissant, trinkt Espresso oder Caffè Latte und geht wieder. Stammgäste, die am Wochenende den Abend ausklingen lassen, kommen auch um 2 oder 3 Uhr nachts noch auf einen Kaffee. Unter der Woche haben wir allerdings nur bis 1 Uhr geöffnet.

Was ist dir im Casa del Caffè wichtig?

Es war mir von Anfang an wichtig, dass die Bar in erster Linie ein Ort der Kommunikation ist und nicht des Geldverdienens. Deshalb gibt es hier kein WLAN und das wird es auch in Zukunft nicht geben. Ich finde es stressig, wenn alle auf ihr Smartphone starren oder am Laptop sitzen. Das will ich hier nicht. Die Menschen müssen reden miteinander. Ansonsten ist der Zweck verfehlt. Übrigens sind hier alle willkommen, ob Müllfahrer oder Millionär.

Casa del Caffè, Steingasse 8, 69117 Heidelberg

Aus „Heidelberg, Porträt einer Stadt„, ab 1. März im Buchhandel. 

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