Mai 12

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Hamburger Fischmarkt

Gibt es irgendeinen Grund, warum man an einem Sonntagmorgen um 5 Uhr bei strömendem Regen aufstehen sollte? Den gibt es. Es ist der legendäre Hamburger Fischmarkt. Er zieht jeden Sonntag tausende Frühaufsteher und Nachtschwärmer an. Rund 700 Händler haben nur ein paar Stunden Zeit, um ihre Waren an den Mann zu bringen. Nachtschwärmer von der Reeperbahn treffen auf Frühaufsteher-Touristen. Chinesen auf Bayern, Peruaner auf Italiener und Hamburger auf Fischbrötchen. Am Sonntagmorgen ist der Fischmarkt Multi-Kulti am Elbufer, ein spannender Ort der Begegnung.

Hamburger Fischmarkt

Regen macht den Besuchern des Fischmarkts nichts aus.

Man hört die Musik schon von weitem. Ein alter Mann dreht zwischen den Marktbuden seinen Leierkasten. Regen tropft auf seine Schiebermütze.Die Töne vermischen sich mit den Rufen der Verkäufer.Leierkastenmann Einmalig sei die Atmosphäre, finden die bayerischen Touristen, die unter einem beschirmten Tisch stehen und Fischbrötchen essen. „Es ist die gute Stimmung, trotz des Regens, die Musik und das man hier die ganze Nacht durchmachen kann“, sagt einer der Gruppe. „Die lustigen Leut’, in der Früh schon“, fügt einer seiner Freunde hinzu. „Wir sind übers Wochenende in Hamburg und da gehört der Fischmarkt einfach dazu“.

Obstkörbe auf dem Hamburger Fischmarkt.

Obstkörbe auf dem Hamburger Fischmarkt.

Fisch steht allerdings schon lange nicht mehr im Mittelpunkt des Marktes. Hier wird mit allem gehandelt, was sich verkaufen lässt. Von Trödel, über Obst, Gemüse, Blumen, Backwaren, Süßigkeiten, Käse und Wurst bis hin zu Klamotten, Souvenirs und Kuriosem. Obst gibt es nicht Stück- oder pfundweise, sondern gleich abgepackt zum Mitnehmen im Einkaufskorb.

Wer keinen Stand hat, bringt die Waren eben auf seinem Fahrrad unter.

Käufer oder Verkäufer? Auf jeden Fall ist der Radfahrer voll beladen mit Waren vom Fischmarkt.

Vor den Wagen und Buden der Händler sammeln sich Menschentrauben an. Dass ihnen dabei der Regen ins Gesicht klatscht und sie in Pfützen stehen scheint ihnen nichts auszumachen. Mir schon, denn meine Ballerinas stehen mittlerweile unter Wasser und meine Füße sind Eiszapfen.

Safti Patent-Entsafter. Zitronensaft, ohne die Zitrone vorher auseinander zu schneiden.

Safti Patent-Entsafter. Zitronensaft, ohne die Zitrone vorher auseinander zu schneiden.

„Lecker, lecker, deutsche Erdbeeren aus Spanien, heute im Angebot!“ ruft ein Händler und wirft ein paar der Früchte in die Menge. Hier wird vor allem lautstark verkauft. Die Strategie der Verkäufer gleicht einer Auktion. Um die Aufmerksamkeit der Besucher zu erlangen, liefern viele Händler eine echte Show.

Seit 1986 steht Aal-Kai schon auf dem Fischmarkt. "Damals war Kinderarbeit noch nicht verboten", sagt er lachend.

Seit 1986 steht Aal-Kai schon auf dem Fischmarkt. „Damals war Kinderarbeit noch nicht verboten“, sagt er lachend.

Ob Aal-Kai, der „Hilfe, Paparazzi“ schreit, als ich ihm Kamera und Mikrofon entgegenhalte oder der holländische Blumenkönig, es ist mehr als die Ware. Es sind die Verkäufer, die den Fischmarkt auszeichnen. Der Holländer schreit sich seine Händlerseele aus dem Leib. „Oh, guckt mal, was wir da haben, einen Apfelsinenbaum. Jeden Morgen 3,8 Kilo Apfelsinen dran, man frisst sich zu Tode dran! Kostet normal 39,95. Fangen wir mit 30 an, 20, 15, 10. 10 Euro für den Apfelsinenbaum!“ Hier wird nicht nach oben gehandelt, sondern nach unten.

Der holländische Blumenkönig.

Der holländische Blumenkönig.

Viele zieht es nach einer langen St.-Pauli-Nacht in die historische Fischauktionshalle. Dort ist es so voll, dass ich mir nur mühsam einen Weg durch die Menge bahnen kann. Dicht gedrängt sitzen Nachtschwärmer und Frühaufsteher an langen Tischen bei Kaffee und Fischbrötchen. Viele sind schon seit fünf Uhr hier. Wer keinen Platz ergattern konnte, steht mit Kaffeebecher oder Bierflasche in der Hand in den Gängen.

In der Fischauktionshalle geht es ab 5 Uhr morgens hoch her. Allerdings wird hier längst kein Fisch mehr versteigert.

In der Fischauktionshalle geht es ab 5 Uhr morgens hoch her. Allerdings wird hier längst kein Fisch mehr versteigert.

Auf der Bühne rockt eine Live-Band und spielt „Summer of 69“ von Bryan Adams. Nach dem Song gehen sie über zu dem alten St. Pauli Klassiker „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“. Das reißt fast alle vom Hocker. Es wird getanzt, geschunkelt und lautstark mitgesungen. Es ist unmöglich, ein Foto von der Band zu machen. FischauktionshalleIch komme nicht durch und will in den ersten Stock hinauf. „Blick auf die Bühne? Ein Tisch oben kostet extra“, erklärt mir die Frau, die mit einer Kasse auf einem kleinen Tisch an der Treppe sitzt. „Ich möchte doch nur ein Foto machen“, bettle ich. „Benutzen Sie die Treppe hinter der Bühne, von dort aus können Sie den Saal fotografieren“, sagt sie. Leider habe ich von dieser Position aus keinen Blick auf die Bühne.

Nachtschwärmer von der nahen Reeperbahn zieht es am frühen Morgen zum Fischmarkt.

Nachtschwärmer von der nahen Reeperbahn zieht es am frühen Morgen zum Fischmarkt.

Draußen hat es mittlerweile aufgehört zu regnen. „Nur noch ’n Schluck Bier, dann geh‘ ich nach Hause“, höre ich einen Nachtschwärmer im Vorbeigehen sagen. Die ersten Händler räumen ihre Stände ab. Es ist schon nach neun. Punkt 9.30 Uhr schließt der Fischmarkt. Ich mache mich langsam zur U-Bahnstation auf. Ich bin völlig durchfroren und meine Füße sind nass. Hätte den Fischmarkt aber trotzdem nicht missen wollen!

"We just love it here!" sagen die drei chinesischen Studenten.

„We just love it here!“ sagen die drei chinesischen Studenten.

INFO:

Der Fischmarkt findet immer sonntags statt. Von April bis Oktober  5-9.30 Uhr, November bis März 7-9.30 Uhr.

Adresse: Große Elbstraße 9.

Anfahrt: U3 bis Landungsbrücken oder S1 und S3 bis Reeperbahn.

Bayerische Tracht auf dem Hamburger Fischmarkt.

Bayerische Tracht auf dem Hamburger Fischmarkt.

Fischmarkt

Blick vom Fischmarkt auf die Elbe.

Blick vom Fischmarkt auf die Elbe.