August 06

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Tuk-Tuk-Safari durch Lissabon

Die dreirädrigen motorisierten Rischkas flitzen durch die engsten Gassen, fegen über Plätze und manövrieren sich geschickt an Marktständen und Straßencafés in autofreien Zonen vorbei. Über 400 der exotischen Gefährte gibt es in der portugiesischen Hauptstadt – sehr zum Ärger der Taxifahrer.

Holprig und rasant tuckert die Motorrischka durch enge kopfsteingepflasterte Gassen hinauf zur über 1000 Jahre alten Festungsanlage Castelo de São Jorge. Haarscharf fährt ein Taxi an uns vorbei. Der Fahrer hupt und flucht aus dem offenen Seitenfenster. Tuk-Tuk-Fahrerin Tania nimmt es gelassen. „Für die Taxifahrer sind wir Konkurrenz, das lassen sie uns mit viel Gehupe spüren“. Am Morgen ist oben am Castelo kaum jemand unterwegs – der beste Einstieg in die Stadt, denn von der Burg aus hat man ein grandioses Rundumpanorama über Lissabon und den Tejo. „Vor allem in der Frühe, wenn noch keine anderen Touristen da sind, die dir den Blick versperren“, sagt Tania lachend. Auf dem Weg hinunter in die Baixa (Unterstadt) stoppen wir an der Aussichtsterrasse Miradouro de Santa Luzia, die eine einmalige Sicht über das Dächermeer von Alfama frei gibt. „Du warst noch nie in Alfama?“ fragt sie erstaunt, wendet das Tuk-Tuk und fährt in den ältesten Stadtteil Lissabons, ein Wirrwarr aus winzigen Gassen, kleinen Plätzen und steilen Treppen.

Tania

Tania

 

Sie drückt aufs Gaspedal, donnert durch die schmalen Straßen, als wäre weiß Gott wer hinter ihr her und erzählt mir dabei ihre Geschichte. Als studierte Mathematikerin hat sie zehn Jahre lang als Marketing Consultant bei einer großen Firma gearbeitet und gut verdient. Bis sie eines Tages keine Lust mehr dazu hatte und ihren lang gehegten Traum eines eigenen Boutique-Hotels verwirklichen wollte. Sie bekam von ihren Eltern, die Land im Norden Portugals besitzen, 80.000 Quadratmeter mit einem 300 Jahre alten Farmhaus. Aus dem Land möchte sie eine Biofarm mit Blaubeeren machen, aus dem Haus ein schmuckes Hotel. Die Renovierung ist bereits in vollem Gang. Da sie gegenüber den Behörden allerdings Erfahrung im Tourismus vorweisen muss, fährt sie seit einigen Monat Tuk-Tuk. „Ich liebe diesen Job, auch wenn er ziemlich anstrengend ist – besonders das Bergauffahren geht ganz schön in die Arme“, sagt sie. „Beim Herumkutschieren der Touristen erfahre ich sehr viel über deren Länder und kann meine vier Fremdsprachen Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch anwenden“.

Castelo de Sao Jorge

Castelo de Sao Jorge

Blick vom Castelo auf die Unterstadt und den Tejo.

Blick vom Castelo auf die Unterstadt und den Tejo.

Wir haben Alfama verlassen und tuckern durch den Triumphbogen „Arco da Rua Augusta“ zur Praça do Comércio, den Handelsplatz. Die sonnengelben Gebäude rings um den Platz sind in der Form eines Hufeisens angeordnet, das sich zum Tejo hin öffnet. Im 18. und 19. Jahrhundert war der Platz Knotenpunkt des Handels, heute dient er diversen Veranstaltungen. In der Mitte des Platzes thront hoch auf seinem Ross König José I. „Er hat übrigens 1755 das große Beben am Allerheiligentag überlebt, weil er zur Morgenandacht in Belém weilte“, erklärt Tania und fügt hinzu „dahin fahren wir jetzt, dort es gibt drei Orte, die du unbedingt sehen musst“.

Lissabon

Rasant lenkt Tania das Tuk-Tuk an einem Verkehrsstau vorbei am Tejo entlang nach Belém. Erste Sehenswürdigkeit und Prunkstück des Stadtviertels ist das monumentale Hieronymuskloster (Mosteiro dos Jerónimos) aus dem 16. Jahrhundert, dessen Bau hundert Jahre gedauert hat. Einst wurden im Kloster Mitglieder der portugiesischen Königsfamilie begraben, auch befinden sich hier die Sarkophage des berühmten Seefahrers Vasco da Gama, der den Seeweg um das Kap der guten Hoffnung nach Indien entdeckte sowie der Dichter Fernando Pessoa und Luís de Camões. Höhepunkt ist der doppelstöckige Kreuzgang, der mit seinen prunkvollen Verzierungen als einer der schönsten der Welt gilt. Im Kloster drängen sich amerikanische und asiatische Reisegruppen, sodass ich auf eine genauere Besichtigung keine Lust habe.

Selbst neben der historischen Tram klappt das Überholmanöver.

Selbst neben der historischen Tram klappt das Überholmanöver.

Das nächste „Must see“ ist das gigantische Padrão dos Descobrimentos (Denkmal der Entdeckungen) auf der gegenüberliegenden Seite des Klosters, das 50 Meter in die Höhe ragt und sich wie ein Schiffsbug in den Tejo hinein schiebt. Auf dem „Bug“ stehen 33 steinerne Seefahrer, Schriftsteller und Forscher aus dem Zeitalter der Entdeckungen (15.-18. Jh.), allen voran Prinz Heinrich, der Seefahrer, Initiator der portugiesischen Entdeckungsreisen. Das riesige Mosaik auf dem Boden vor dem Denkmal zeigt eine Weltkarte mit den ehemaligen portugiesischen Kolonien.

Nicht weit vom Denkmal steht der Torre de Belém im Wasser. Über einen Steg gelangen wir ins Innere des alten Wehrturms, der als solcher allerdings nie benutzt wurde. Enge Treppen führen zur Aussichtsplattform hinauf und geben auf 35 Metern Höhe eine spektakuläre Sicht auf die umliegenden Stadtviertel und die Segelboote auf dem Tejo frei.

Der Lissabonner Triumphbogen.

Der Lissabonner Triumphbogen.

Tania lenkt das Tuk Tuk zurück ins Zentrum, in den mondänen Stadtteil Chiado, zum über 100 Jahre alten Kaffeehaus Café a Brasileira in der Rua Garrett. Parkplatzsuche ist kein Problem, das kleine Gefährt passt in jede Lücke. „Früher trafen sich hier alle berühmten Künstler und Literaten des Landes“, erklärt sie, als wir das Café betreten. Es erinnert mich an die alten Kaffeehäuser in Wien und Paris. Die Tische sind alle besetzt. An der Bar stehen Einheimische und trinken eilig einen Espresso. Wir gesellen uns zu ihnen. „Nur Touristen sitzen an den Tischen“, sagt Tania. „Der Espresso im Stehen ist billiger“. Vor dem Café sitzt der Schriftsteller Fernando Pessoa in Eisen gegossen an einem Tisch.

Gegenüber befindet sich die Livraria Bertrand, älteste Buchhandlung der Welt, die 1732 eröffnet wurde und sämtliche Krisen des Landes, einschließlich Erdbeben und Stadtbrände überlebt hat. Tania empfiehlt mir das Buch „Lissabon – Was der Tourist sehen sollte“ von Pessoa. „Das wurde zwar 1925 geschrieben, ist aber heute noch genauso aktuell und du erfährst so viel über die Stadt. Es ist eines meiner Lieblingsbücher“, sagt sie. Ich habe Glück, das Buch auch auf Deutsch erhältlich.

Praca do Comercio.

Praca do Comercio.

Die Hotelbesitzerin in spe manövriert die Motorrischka durch gefühlte tausend kleine Gassen hinauf nach Amoreiras. Das ständige Auf und Ab auf und die holprigen kopfsteingepflasterten Straßen, die mich ganz schön hin und her schütteln, geben mir mitunter das Gefühl, in einer Achterbahn zu sitzen. Unterwegs erzählt mir Tania Geschichten zu den Häusern, an denen wir vorbeituckern sowie den Künstlern und Schriftstellern, die irgendwann einmal in dieser oder jener Gasse gewohnt haben. Sie kennt die Metropole und ihre Geschichte in- und auswendig. „Wenn andere noch schlafen, bin ich bereits zu Fuß unterwegs, um die Stadt zu erkunden. Das habe ich schon als Studentin gemacht, und ich finde immer wieder Gebäude und Gassen, die ich noch nicht kenne. Außerdem ist es herrlich, wenn man am frühen Morgen Lissabon ganz für sich alleine hat“. Ich weiß, was sie meint

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Mosteiro dos Jerónimos

Sie parkt das Tuk-Tuk am Praça das Amoreiras, wo ein Museum der Malerin Maria Helena Vieira da Silva gewidmet ist. Ich habe nie von ihr gehört. „Sie ist die portugiesische Frida Kahlo“, erklärt Tania. Leider ist das Museum heute geschlossen. Wir gehen zu Fuß zum festungsähnlichen Wasser-Reservoir Mãe d`Água das Amoreiras aus dem Jahr 1746. „An den Mauern siehst du ältesten Azulejos (Kachelmosaike) von Lissabon“, erklärt sie. Kaum ein Mensch ist hier unterwegs, von Touristen ganz zu schweigen. Durch den ruhigen Amoreiras-Park gehen wir zum Tuk-Tuk zurück und fahren teils auf der breiten Avenida da Liberdade, teils durch Gassen zum Largo do Carmo im Bairro Alto. Hier oben an dem idyllischen Platz steht die Ruine eines ehemaligen Carmeliter-Klosters, gleich daneben ist Endstation des berühmten Fahrstuhls Elevador de Santa Justa. Tania deutet auf ein Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite (Rua da Trindade). „In diesem Haus hat Pessoa eine zeitlang gelebt“. Der Dichter steht in Draht verewigt auf dem Balkon und schaut über den Platz.

Letzter Stopp ist das Kulturhaus Casa Alentejo in der Rua das Portas de Santo Antão 58 in der Baixa. Von außen sieht es unscheinbar aus, aber sobald wir durch die Tür treten, befinden wir uns in einer Welt aus Tausendundeiner Nacht. Tania kennt alle Räume – auch diejenigen, die Touristen normalerweise verschlossen bleiben.

Denkmal der Entdeckungen.

Denkmal der Entdeckungen.

Das nächste „Must see“ ist das gigantische Padrão dos Descobrimentos (Denkmal der Entdeckungen) auf der gegenüberliegenden Seite des Klosters, das 50 Meter in die Höhe ragt und sich wie ein Schiffsbug in den Tejo hinein schiebt. Auf dem „Bug“ stehen 33 steinerne Seefahrer, Schriftsteller und Forscher aus dem Zeitalter der Entdeckungen (15.-18. Jah.), allen voran Prinz Heinrich, der Seefahrer, Initiator der portugiesischen Entdeckungsreisen. Das riesige Mosaik auf dem Boden vor dem Denkmal zeigt eine Weltkarte mit den ehemaligen portugiesischen Kolonien.

Nicht weit vom Denkmal steht der Torre de Belém im Wasser. Über einen Steg gelangen wir ins Innere des alten Wehrturms, der als solcher eigentlich nie benutzt wurde, wie ich von Tania erfahre. Wir steigen die engen Treppen zur Aussichtsplattform hinauf und haben auf 35 Metern Höhe eine herrliche Sicht auf die umliegenden Stadtviertel und die Segelboote auf dem Tejo.

Segelboote auf dem Tejo.

Segelboote auf dem Tejo.

Brasileira

Kaffeehaus Café a BrasileiraGib eine Beschriftung ein

Die drei Stunden sind im Nu vergangen. Ich habe viel, aber längst nicht alles gesehen – das ist in drei Stunden unmöglich zu schaffen. Für die drei Stunden bezahle ich 120 Euro – die Tour war jeden Cent wert!

Aus dem Tuk-Tuk kann man von allen Seiten fotografieren.

Aus dem Tuk-Tuk kann man von allen Seiten fotografieren.

Einer der typischen Lissabonner Kioske.

Einer der typischen Lissabonner Kioske in Amoreiras.

Die ältesten Kacheln Lissabons.

Die ältesten Kachelmosaike Lissabons.

Largo do Carmo Platz.

Largo do Carmo Platz.

Fernando Pessoa.

Fernando Pessoa.

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Die drei Stunden sind im Nu vergangen. Ich habe viel, aber längst nicht alles gesehen – das ist in drei Stunden unmöglich zu schaffen. Ich bezahle 120 Euro – die Tour war jeden Cent wert!

INFO: Eine Tuk-Tuk-Fahrt von A nach B kostet 15 Euro, eine Stadtrundfahrt pro Stunde 40 Euro.

Tipp fürs Abendessen: „In Bocca Al Lupo“

Hier darf man den Pizzabäckern über die Schultern schauen.

Hier darf man den Pizzabäckern über die Schultern schauen.

Als Veganerin bin ich immer auf der Suche nach besonderen Restaurants. In einem Reiseführer habe ich „In Bocca Al Lupo“ entdeckt. Das ist italienisch und bedeutet „Hals- und Beinbruch“ – ein etwas seltsamer Name für ein Restaurant. Die Gourmet-Pizzeria und Trattoria serviert ausschließlich Produkte aus biologischem Anbau und hat zudem eine große Auswahl an vegetarischen und veganen Gerichten auf der Karte. Vorspeise, Pizza und Nachtisch schmecken hervorragend – das Restaurant liegt etwas abseits im Bairro Alto, ist aber ein echter Geheimtipp!

Adresse: Rua Manuel Bernardes 5a, Mi-So 19.30-23.30 Uhr, Mo und Di geschlossen.

Die Inhaberinnen des In Boca al Lupo.

Die Inhaberinnen des In Boca al Lupo.

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Elevador de Santa Justa bei Nacht.

Die Autorin war privat in Lissabon.

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