Den Haag, das größte Dorf der Welt

Den Haag ist das politische Herz der Niederlande und Welthauptstadt für Frieden und Gerechtigkeit. Hier sitzen Regierung und Internationaler Gerichtshof, hier residiert der König. Trotzdem hat die Stadt, die amtlich eigentlich „S-Gravenhage“ heißt und immerhin eine halbe Million Einwohner zählt, offiziell nie das Stadtrecht erhalten.

Warten auf Königs.

Warten auf Königs.

Eine aufgeregte Menschenmenge presst sich gegen das hellblaue Gitter vor dem Noordeinde-Palast, dem Amtssitz des Königs. „What’s going on?“ fragt ein amerikanisches Touristenpaar und gesellt sich zu den Wartenden. Falls gleich etwas passiert, möchten sie das keinesfalls versäumen und bringen auf alle Fälle schon mal ihre Kamera in Stellung. Und passieren wird garantiert etwas. Warum sonst stehen auf dem gegenüberliegenden Platz Pressefotografen und Kameraleute vom Fernsehen? Ob sich Willem-Alexander und Maxima wohl gleich zeigen? Ich gehe auf einen der Fotografen zu und frage, was es mit der Menschenmenge auf sich hat. „Das belgische Königspaar ist zu Besuch und wird in etwa eineinhalb Stunden den Palast verlassen“, antwortet er. Die Amerikaner wussten nicht, dass Belgien einen König samt Königin hat und wollen diese natürlich sehen. „That’s so exciting!“ rufen sie. Ich finde das belgische Königspaar nun nicht so „exciting“ und gehe weiter.

Noordeinde, die königliche Straße.

Noordeinde, die königliche Straße.

Der Palast liegt inmitten der luxuriösen Einkaufsstraße Noordeinde, die voller Galerien, Kunstläden und Modeboutiquen ist. Die meisten Galerien haben sich hier erst in den 1980er Jahren angesammelt, nach der Krönung der mittlerweile abgedankten Königin Beatrix, die als große Kunstliebhaberin gilt. Wie schön es doch wäre, für ein paar Tage in dieser Straße zu wohnen! Erst später erfahre ich, dass man mitten im Zentrum auch Ferienwohnungen mieten kann, die jedem 5-Sterne Hotel Konkurrenz  machen. Übrigens, nicht nur in Den Haag, auch im Rest der Niederlande kann man Städtetrips und Urlaub in einem Ferienhaus oder einer Ferienwohnung von HouseTrip buchen.

Lola Bikes & Coffee.

Lola Bikes & Coffee.

Ich bin unterwegs zu „Lola Bikes & Coffee“. Das Café, das als beste Kaffeebar der Niederlande ausgezeichnet wurde, ist Fahrradshop mit Reparaturwerkstatt und Café zugleich. Der Besitzer liebt Fahrräder und Kaffee und kam so auf die Idee mit dem Laden. Die Atmosphäre ist trotz der mit Fahrrädern dekorierten Wände gemütlich. Es duftet nach Espresso und frisch gebackenem Kuchen. An den Tischen sitzen Studenten und diskutieren. Ein älterer Mann, der wie ein Bohemien aus vergangenen Tagen aussieht, sitzt in einem bequemen Sessel am Fenster und ist in seine Zeitung vertieft.

Lola BikesIch gehe mit meinem Cappuccino in den Wintergarten, der sich im hinteren Teil des Ladens befindet. Der Kaffee ist tatsächlich so gut, dass dies nicht mein einziger Besuch bei Lola Bikes bleibt.

Binnenhof

Binnenhof

Remco Dörr

Remco Dörr

Vor dem Binnenhof treffe ich Stadtführer und Kunsthistoriker Remco Dörr. In den Gebäuden rings um den großen rechteckigen Innenhof befinden sich Regierungsgebäude und Parlament, das sich hier seit 1446 versammelt. Das älteste Gebäude, der Rittersaal, stammt aus dem 13. Jahrhundert. „Unter der Woche kann man hier durchaus dem einen oder anderen Minister auf dem Fahrrad begegnen“ sagt Remco. An diesem Morgen sind allerdings nur japanische Touristen unterwegs, die auf den Brunnen im Zentrum des Binnenhofs klettern und sich für das obligatorische Facebook-Foto in Pose stellen.

Rittersaal im Binnenhof.

Rittersaal im Binnenhof.

Versteckt hinter Dagelijske Groenmarkt, Vlamingstraat, Venestraat und Nieuwstraat liegt der Haagsche Bluf. Was auf den ersten Blick wie prächtige historische Gebäude aussieht, ist in Wirklichkeit nur Bluff. „Die Fassaden sind Replikate abgerissener Häuser“, erklärt Remco und lacht „wir Haagener bluffen gern!“

Alles nur Bluff!

Alles nur Bluff!

Nicht weit davon befindet sich die De Haagsche Passage, ein Glaskuppelbau im venezianischen Stil. Die 1885 eröffnete Passage ist das älteste Einkaufszentrum der Niederlande und schon um 10 Uhr morgens gut besucht. Gegenüber in der Gravenstraat steht das knapp 120 Jahre alte Luxuskaufhaus Maison de Bonneterie, das allein wegen seinen wunderschönen Interieurs einen Besuch wert ist. „Hier kauft die Königsfamilie ein“, sagt Remco. Aber nur nach Ladenschluss, habe ich irgendwo gelesen. „Nein, man kann dem einen oder anderen Mitglied des Königshauses schon mal beim Einkaufen begegnen – und nicht nur im Maison de Bonneterie“, hält Remco dagegen.

Rusthof

Rusthof

Versteckt hinter unscheinbaren Türen zwischen Wohn- und Geschäftshäusern liegen die „Hofjes“, Hinterhöfe mit viel Natur. Die Hofjes sind wohlhabenden und adligen Haagener Bürgern zu verdanken, die damit seit dem Mittelalter Wohnraum für ihre Bediensteten schufen. Einer der bekanntesten Hofjes ist der Rusthof in der Parkstraat 41. Die Philanthropin Elisabeth Groen van Pinsterer-van der Hoop ließ dort 1831 das erste Backsteinhäuschen für eine ihrer Bediensteten errichten als diese aufgrund ihres Alters nicht mehr arbeiten konnte. Jedes Jahr kam zum Geburtstag der Stifterin ein weiteres Haus dazu. Bis heute dürfen hier nur alleinstehende Frauen ab 55 Jahren wohnen. „Herrenbesuche sind tabu. Die Pforte zur Straße wird um 18 Uhr geschlossen“, so Remco. „Hat eine alleinstehende Frau über 55 denn keine Lust abends mal ins Kino, Theater, Konzert oder einfach mal mit Freundinnen essen zu gehen?“ frage ich. Remco lacht und zuckt mit den Schultern.

Lange Voorhout

Lange Voorhout

Mitten im historischen Zentrum liegt der Boulevardplatz Lange Voorhout, was übersetzt „für Holz“ bedeutet. Der von Linden gesäumte Platz wurde im 15. Jahrhundert angelegt und diente als Vorbild für die Straße Unter den Linden in Berlin. Rings um den 500 Meter langen Voorhout stehen einstige Adelspaläste, in denen heute viele der über 100 Botschaften der Stadt untergebracht sind. Bevor es das Automobil gab, nutzten die Palastbewohner den Boulevard als Flaniermeile und ließen sich, um gesehen zu werden, in ihren Kutschen um den Platz herum fahren.

Hotel des Indes.

Hotel des Indes.

In einem der schönsten Paläste befindet sich das Hotel des Indes, wo gekrönte Häupter, Politiker und andere Berühmtheiten seit 1881 absteigen. In einem der Zimmer ist 1931 die berühmte russische Ballerina Anna Pawlowa an Lungenentzündung gestorben.

Im rechten Winkel zum Hotel steht das Palais Escher, der ehemalige Winterpalast von Königin Emma, Urgroßmutter von Beatrix. Dort hat einst Napoleon auf der Durchreise übernachtet. „Offiziell hat Den Haag bis heute kein Stadtrecht erhalten, wir sind eigentlich ein Dorf. Als Kaiser war es unter Napoleons Würde, in einem Dorf zu übernachten“, erklärt Remco. „Deshalb hat er Den Haag für 12 Stunden das Stadtrecht verliehen. In unserer Geschichte waren wir nur ganze 12 Stunden eine Stadt!“ Seit 2002 ist im Palais das Escher-Museum untergebracht mit den Werken des niederländischen Künstlers und Grafikers M.C. Escher, der durch die Darstellung unmöglicher Figuren bekannt wurde.

Mata Hari hat in der Nieuwe Uitleg 16 gewohnt.

Mata Hari hat in der Nieuwe Uitleg 16 gewohnt.

Hinter dem Palais Escher befindet sich die Nieuwe Uitleg. „In diesem Haus dort drüben hat die berühmteste Spionin der Welt gewohnt“, sagt Remco und zeigt auf Nummer 16. „Mata Hari hat in diesem unauffälligen Haus gewohnt?“ wundere ich mich.

Panorama Mesdag

Panorama Mesdag

Krönender Abschluss des Spaziergangs ist das Panorama Mesdag, wo auf einem überdimensionalen Rundbild der Fischerort Scheveningen gezeigt wird, bevor er zum mondänen Badeort avancierte. Hendrik Willem Mesdag malte das 120 Meter breite und 14 Meter hohe Bild zusammen mit seiner Frau Sientje und drei anderen Malern der Haager Schule im Jahre 1881 in nur vier Monaten. Wir betreten den zylinderförmigen Panorama-Saal über eine Treppe von der Mitte her.

Panorama Mesdag

Panorama Mesdag

Als ich auf der Plattform ankomme und mit einer Rundsicht von 360 Grad inmitten des größten Gemäldes der Niederlande stehe, erlebe ich eine Sinnestäuschung. Ich verliere jegliches Gefühl für Raum und Zeit und glaube mich tatsächlich im Scheveningen des 19. Jahrhunderts zu befinden. Es ist, als würde ich selbst auf den Dünen stehen und auf die Boote am Strand hinunterblicken. Alles scheint so real. Das Panorama Mesdag befindet sich in der Zeestraat. Wenn ich jetzt einfach geradeaus gehe und am Ende der Straße in den Scheveningseweg einbiege und weiter geradeaus marschiere, komme ich direkt zum Strand von Scheveningen. „Das dauert keine 20 Minuten“, sagt Remco. Den Haag ist eben doch ein Dorf – alle wichtigen Sehenswürdigkeiten sind ab dem Binnenhof in 10 bis 20 Minuten zu Fuß erreichbar. Noch schneller geht es mit dem Fiets, dem wichtigsten Fortbewegungsmittel der Haagener, dem Fahrrad.

Seebrücke in Scheveningen.

Seebrücke in Scheveningen.

INFO

Allgemeine Informationen: www.holland.com und www.denhaag.com

Touristeninformation Den Haag: Spui 68, im Gebäude der Zentralen Bibliothek. Öffnungszeiten: Mo 12-20 Uhr, Die-Fr 10-20 Uhr, Sa 10-17 Uhr, So 12-17 Uhr.

Lola Bikes & Coffee, Noordeinde 91. Öffnungszeiten: Mo-So 8-18 Uhr. http://www.lolabikesandcoffee.nl

Einkaufen: De Haagsche Passage (zwischen Spuistraat und Buitenhof), Maison de Bonneterie (Gravenstraat 2), wo auch Maxima und ihre Töchter ab und zu gesichtet werden. Viele Boutiquen und Läden gibt es in der Große Marktstraat, Nordeinde und Prinsestraat.

Bitte beachten: Die Geschäfte in Den Haag schließen um 18 Uhr, donnerstags um 21 Uhr.

Straßenbahn und Bus: Eine Tageskarte kostet 7,70 Euro (Stand Nov. 2013) und gilt für alle Busse und Straßenbahnen in Den Haag und den Vororten. Karten gibt es an Bahnhöfen, Kiosken und bei der Touristeninformation.

Bitte beachten: Die Karte muss bei jedem Ein- und Aussteigen über das pinkfarbene OV-Chipkaart-Logo des dafür vorgesehenen Smart Card Reader in Bus und Straßenbahn gezogen werden. Fahrzeiten der Straßenbahnen hier

Panorama Mesdag, Zeestraat 65, Öffnungszeiten: Mo-Sa 10-17 Uhr, Sonn- und Feiertage 12-17 Uhr. Am 25. Dez. und 1. Jan. geschlossen.

Fahrradverleih: Noordeinde 59. Öffnungszeiten: Täglich von 9-18 Uhr, samstags bis 19.30 Uhr. Preis 10 Euro pro Tag.

Hotels: Carlton Beach Hotel, direkt am Strand von Scheveningen. Mit Tram Nr. 9 zum Kurhaus oder Tram Nr. 1 bis Endstation (in Sichtweite des Hotels).

Die Reise wurde vom Niederländischen Büro für Tourismus unterstützt.