Juli 08

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Dschungelvegetation vor den Toren von Buenos Aires

Was tun die Bewohner der argentinischen Hauptstadt, wenn es ihnen im Sommer in der City zu heiß wird? Sie flüchten ins Tigre-Delta, das nur wenige Kilometer außerhalb der Millionenmetropole liegt und, fernab vom Massentourismus, eine Welt für sich ist.

„Am Wochenende nach Tigre zu fahren, ist keine gute Idee“, rät uns der Concierge, als wir ihn nach einer Zugverbindung fragen. „Halb Buenos Aires strömt an den Sommerwochenenden dorthin, die Züge sind zum Bersten voll. Fahrt lieber unter der Woche!“

Stelzenhaus im Delta

Stelzenhaus im Delta

Tigre, das knapp 30 Kilometer nordöstlich von Buenos Aires liegt, ist das Naherholungsgebiet der Hauptstädter. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die 100.000 Einwohner zählende Stadt ein beliebter Badeort der High Society. Davon zeugen noch heute die eleganten Villen im neo-kolonialen Stil, die entlang der von hohen Bäumen gesäumten Kopfsteinstraßen stehen. Ein Wahrzeichen ist der überdachte Markt Puerto de Frutos im Hafen, auf dem ab 10 Uhr täglich nicht nur Obst und Gemüse, sondern vor allem Kunsthandwerksartikel und Möbel verkauft werden.

Haus im Delta

Wir halten uns jedoch nicht lange in der Stadt und auf dem Markt auf, denn unser Ziel ist eine Flussfahrt ins Tigre-Delta, das Teil des riesigen Paraná-Deltas ist, einem knapp 15.000 Kilometer langen Labyrinth aus Flussarmen, Kanälen und unzähligen kleinen Inseln. Vom Bahnhof aus ist es nur ein kurzer Fußweg über die Brücke des Rio Luján zur Estacion Fluvial, der Anlegestelle der Ausflugsboote und Katamarane, die Touristen durch das Delta schippern. Warten müssen wir nicht lange, denn die Boote legen stündlich ab. Mit einer Gruppe Brasilianer, die am Vortag mit der LAN aus Sao Paulo gekommen sind und ein paar Italienern begeben wir uns an Bord und sichern uns einen Platz am Bug. Vorbei an zahlreichen Ruder- und kleinen Motorbooten steuert der Kapitän ins Delta.

Troyka

Wenige Minuten später sind wir in einer Welt aus Wasser und Dschungel-Vegetation. „Bienvenidos“ begrüßt uns der Kapitän durch einen Lautsprecher und erklärt die Route. Das Wasser des Rio Paraná, der seinen Ursprung im benachbarten Brasilien hat, ist durch seine enormen Anteile an Schlamm und Lehm braun. Rechts und links des Ufers befinden sich auf kleinen Inseln die Sommerresidenzen wohlhabender Hauptstädter, Country Clubs, Gärten, Parks und Tennisplätze.

Deutsche Architektur im Tigre-Delta

Deutsche Architektur im Tigre-Delta

Über mir höre ich Motorengeräusche. Es ist ein Doppeldecker, der seine Runden über dem Delta dreht. Ich schaue ihm hinterher – welch atemberaubende Aussicht er über das Delta haben muss! Etwas glitzert am gegenüberliegenden Ufer in der Sonne. Ein riesiger Kristall? Es ist die Replika des Sommerhäuschens von Domingo Faustino Sarmiento, wie der Kapitän nun durch den Lautsprecher verkündet. Sarmiento war von 1868 bis 1874 Präsident von Argentinien. Mitte des 19. Jahrhunderts, damals noch Journalist und Verwaltungsbeamter, war er einer der Ersten der sich, auf der Suche nach einem ruhigen Ort zum Schreiben, im Delta niederließ – und setzte damit einen Trend – 500 Porteños folgten ihm. Das Haus, das heute ein Museum und eine Bibliothek beherbergt, steht zum Schutz vor der feuchten Witterung in einem Glaskäfig, der wie ein Kristall in der Sonne glitzert. Der Rio Sarmiento, einer der vielen Flüsse im Delta, wurde nach dem Präsidenten benannt. Häuser, die nahe am Ufer stehen, sind aufgrund des jährlichen Hochwassers auf Holzpfählen erbaut. Vor jedem Haus befindet sich ein Anleger, denn ohne Boot kommen die Bewohner nicht von den Inseln weg.

Müllabfuhr im Tigre-Delta

Müllabfuhr im Tigre-Delta

Im Delta herrscht ein fast so reges Treiben wie auf der Avenida de Mayo, der belebtesten Straße in Buenos Aires. Ruder- und Paddelboote, kleine Speed-Boote und Jugendliche auf Jet-Skiern tummeln sich auf dem Wasser. Es ist Montag – die Vorräte vom Wochenende sind verbraucht. Schwimmende Tante Emma Läden sind unterwegs, um die Bewohner mit frischem Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln zu versorgen. Polizei- und Sanitätsboote überholen unseren Katamaran. Das Boot der Müllabfuhr fährt voll beladen mit Plastiksäcken Richtung Tigre. Ein Linienboot macht links vor uns an einem Anlegesteg fest. Mit Rucksäcken und Surfbrettern bepackte Jugendliche springen an Land.

Kameramann

Kameramann eines argentinischen Fernsehsenders.

Neben mir steht der Kameramann eines argentinischen Fernsehsenders, der den Trubel auf dem Fluss filmt. „Hola! Qué tal?“ (Hallo, wie geht’s?) schreit er einer Gruppe auf einem Katamaran zu, der uns überholt. „Das sind meine Kollegen, wir machen eine Dokumentation über das Delta“, erklärt er einem Brasilianer, der sich über das Boot voller Kameramänner wundert.

Alter Kahn

Wir fahren an einem verfallenen Anlegesteg vorbei, vor dem ein verrosteter Kahn im Wasser schaukelt. Dem Rost nach liegt er dort wahrscheinlich schon sehr lange. Mehrere Vierer-Ruderboote zischen an uns vorbei. „Das Delta ist der Geburtsort des argentinischen Rudersports. Den ersten Verein gab es bereits 1888“, erklärt der Kapitän durch sein Mikrofon.

Im Delta wimmelt es von Ruderbooten.

Im Delta wimmelt es von Ruderbooten.

„La Venezia d’Argentina!“ ruft ein Italiener seinen Freunden zu, die vorne am Bug stehen. Wäre nicht ringsum die üppige und exotische Vegetation, könnte man tatsächlich meinen, man befände sich in der norditalienischen Lagunenstadt, wo unter der Woche auf den Kanälen die gleiche Hektik herrscht. Von einem Steg vor einem Haus springen Kinder laut kreischend ins Wasser, nicht weit davon tummeln sich Familien an einem Sandstrand. „Man kann ohne Bedenken im Fluss schwimmen, es sind nur Schlamm und Lehm, die das Wasser braun machen, keine Fäkalien oder Giftstoffe“, erklärt der Kameramann dem Italiener, der nicht versteht, wie jemand in dem braunen Wasser baden kann.

Sandstrand

Die Fahrt auf dem Katamaran beschränkt sich auf die „Primera Sección“ des Deltas. Das wahre Delta, die „Segunda Sección“ mit Sumpfhirschen, Moskitos und Wasserschlangen, ist zwei Bootsstunden weiter entfernt. Dort leben und arbeiten Isleños (Inselbewohner) im Handwerksbereich. Rund 90 Prozent der Korbweidenproduktion für das argentinische Kunsthandwerk kommt von den Bewohnern der Segunda Sección. Es soll der spätere Präsident Sarmiento gewesen sein, der die erste Korbweide mit eigenen Händen 1855 im Tigre Delta eingepflanzt hat. Von der Segunda Sección erfahren wir allerdings erst, als wir auf den Zug zurück nach Buenos Aires warten. Jemand, der ganztägige Touren zu den Isleños organisiert, drückt mir vor dem Bahnhof einen Flyer mit den Tourangeboten in die Hand.

KATAMARAN

INFORMATIONEN

Anreise: Mit LAN ab Deutschland bis Buenos Aires.

Ab Buenos Aires gibt zwei verschiedene Zugverbindungen nach Tigre. Mit dem recht abenteuerlichen Vorortzug der TBA ab dem Hauptbahnhof Estación Retiro (gegenüber der Plaza San Martin), der alle 20 Minuten fährt, dauert die Fahrt eine Stunde bis zur Endstation Tigre.

Mit dem Tren de la Costa dauert es nur eine halbe Stunde. Dieser straßenbahnähnliche Zug fährt aber nicht vom Hauptbahnhof ab, sondern vom Shopping-Center in Alto Palermo. Die Aussicht ist zwar schöner, weil man durch die Villenvororten Olivos und San Isidro fährt, aber Endstation in Tigre ist nicht der Bahnhof, sondern der Eingang des Paraná de la Costa. Von dort aus sind es 15 Minuten Fußweg zur Estacion Fluvial.

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