Kirkenes – Dreiländereck in der Finnmark

Kirkenes, das Tor zur Barentssee, ist der letzte Hafen Richtung Norden und Wendepunkt der Hurtigrutenschiffe. Aufgrund der Grenze zu Russland und Finnland ist die Stadt multikulturell geprägt. Auf den Straßen wird nicht nur Norwegisch, sondern auch Russisch, Finnisch und Samisch gesprochen. Größte Attraktion des Ortes ist das Schneehotel.

9. April. Anflug auf Kirkenes. Die Abendsonne taucht die schneebedeckten Felsen unter uns in rotes Licht. Als wir das Flugzeug verlassen, schlagen uns ein eisiger Wind und -10 Grad entgegen. Der Flughafen ist winzig, Passagiere laufen die wenigen Meter vom Flugfeld zur Ankunftshalle. Vor dem Flughafengebäude wartet schon der Bus, der uns ins Rica Arctic Hotel bringt. Die Straße, die in das zehn Kilometer entfernte Städtchen Kirkenes führt, schlängelt sich über schneebedeckte Hügel. Außer Schnee sehen wir nicht viel von der Landschaft. Es ist dunkel. Der Bus stoppt vor dem Hotel im Zentrum. Leere Straßen ringsum, durch die ein eisiger Wind fegt. Kein Mensch ist unterwegs, in den Häusern brennen keine Lichter. Sind wir tatsächlich im Zentrum oder am Ende der Welt?

Blick auf Kirkenes und den Fjord.

Blick auf Kirkenes und den Fjord.

10. April. Klirrende Kälte. Eis und Schnee behalten hier in der Finnmark bis in den Mai hinein die Oberhand. Das Kirkenes Schneehotel hat uns zu einer Stadtrundfahrt und einer Besichtigung des frostigen Ambientes eingeladen. Im Gegensatz zum vorigen Abend sind die Straßen heute Morgen etwas belebter. Die Beschriftungen auf den Straßenschildern sind zweisprachig, norwegisch und russisch. Nur zehn Kilometer trennen Kirkenes von Russland. Russen von der Halbinsel Kola und ihrer arktischen Metropole Murmansk kommen regelmäßig zu Shopping-Trips in das kleine Städtchen. Ein spezielles Visum macht es möglich. Der Einkaufstourismus boomt, denn die Preise für Bekleidung sind weit niedriger als in Russland. Viele Verkäufer sind zweisprachig. 15 Prozent der Einwohner sind russisch.

KirkenesVon einem Aussichtspunkt blicken wir über die Stadt. Schön ist sie nicht. Sie ist recht schmucklos. „Kirkenes, Epizentrum der Trostlosigkeit“, habe ich neulich irgendwo gelesen. Einzig schön ist der Blick auf den Fjord. Die 3.400 Einwohner leben von Fischfang, Eisenerzabbau und Tourismus. Touristen kommen zu Hundeschlittentouren, zur Schneemobil-, Nordlicht-, und Königskrabbensafari und zur Übernachtung im Schneehotel vor den Toren der Stadt.

Eingang zum Schneehotel Kirkenes.

Eingang zum Schneehotel Kirkenes.

Wie ein überdimensionales Iglu liegt das Schneehotel vor uns. Es wird jedes Jahr neu gebaut und ist vom 20. Dezember bis 20. April geöffnet. Durch ein blaues Holztor treten wir in die eisige Lobby mit der größten Eisbar Norwegens und kunstvoll geschnitzten Eisskulpturen. „Für die Bar und die Skulpturen schlagen wir über 20 Tonnen Eisblöcke aus den hiesigen Seen“, erklärt Thomas, Organisationsmanager des Hotels. Zum Empfang reicht er uns einen eisigen Drink aus Krähenbeeren, der recht lecker schmeckt.

Lobby im Schneehotel.

Lobby im Schneehotel.

Eisbar im Schneehotel.

Eisbar im Schneehotel.

Die 20 Eis-Suiten liegen rechts und links eines langen Ganges. Eistunnel, nenne ich ihn. Statt Türen befinden sich an den Eingängen dicke Samtvorhänge. Zur optimalen Luftzirkulation, erfahren wir.

Eisiger Korridor des Schneehotels.

Eisiger Korridor des Schneehotels.

Auf den eisigen Betten liegen Thermomatratzen und Kissen. Ich fasse sie an. Sie sind eiskalt. Geschlafen wird im Schlafsack auf dem frostigen Lager. „Man erfriert nicht, wenn man hier übernachtet. Unsere Gäste tragen einen speziellen Trainingsanzug, eine Mütze und dicke Socken im Schlafsack, der Temperaturen bis minus 35 Grad standhält“, erklärt Thomas.

Zimmer im Schneehotel.

Zimmer im Schneehotel.

Die konstante Temperatur in den Zimmern liegt bei minus 4 Grad. Könnte ich bei dieser Kälte einschlafen? Wohl kaum. Trage ich doch in unseren weitaus milderen Wintern immer ein Sweatshirt über dem Schlafanzug und an den Füßen dicke Socken. Trotz Heizung. Restaurant, Duschen und Toiletten befinden sich in einem Nebengebäude. Es ist sicher nicht sehr angenehm, in der Nacht aus dem Schlafsack zu kriechen und bei Minusgraden zur Toilette zu gehen, sollte es denn notwendig sein. „Wir hatten tatsächlich einmal einen Gast hier, der fragte, ob die Zimmer offene Kamine hätten. Spaßeshalber habe ich ‚klar doch’ gesagt. Er war dann ziemlich entsetzt, als er in seinem Zimmer keinen fand“, erzählt Thomas lachend. „Irgendwie hat er nicht kapiert, dass Wärme das Eis zum Schmelzen bringt“. Aus welchem Land der Gast kam, will er nicht sagen. „Keine Diskriminierung“, lacht er. Zur Beleuchtung werden LED-Lampen benutzt, die wenig Wärme abgeben. Das Durchschnittsalter der Übernachtungsgäste ist 45, meistens sind es Paare. „Wir hatten aber auch schon mal einen 92jährigen hier“, sagt Thomas. Klar, in Skandinavien steigen ja auch schon mal Hundertjährige aus dem Fenster und verschwinden.

Warme Blockhütte mit Panoramafenster statt Eishotel.

Warme Blockhütte mit Panoramafenster statt Eishotel.

Nicht weit vom Schneehotel stehen Blockhütten mit großen Panoramafenstern. „Die sehen doch weitaus gemütlicher aus als das Eishotel“ sage ich zu Thomas. Sind sie auch, denn sie haben Fußbodenheizung, Bad und Toilette. Mit etwas Glück und einer Tasse Tee in der Hand kann man in einem bequemen Sessel vom Fenster aus Nordlichter beobachten. Man muss dazu gar nicht in die kalten Winternächte hinaus, zumal ein Nordlicht-Alarm die Gäste vorab über das Auftauchen der tanzenden Lichter am Himmel informiert.

Schlittenhunde des Schneehotels Kirkenes.

Schlittenhunde des Schneehotels Kirkenes.

Zum Schneehotel gehört eine Farm mit 150 Schlittenhunden. Neugierig springen ein paar von ihnen von ihren Hütten als sie uns sehen. „Sie genießen die Kälte. Je kälter es ist, desto lieber sitzen und liegen sie auf und vor ihren Hütten. Wenn es im Sommer etwas wärmer wird, leiden sie richtig“, erklärt Thomas. Ein Hundeschlittenführer nähert sich mit einem Schlitten. Aufgeregt springen die Hunde auf und ab und fangen an zu jaulen. Jeder hofft, dass er der Auserwählte für den Schlitten ist. „Am Glücklichsten sind sie, wenn sie am Tag 100 Kilometer laufen dürfen“, sagt Thomas. In kurzen Strecken erreichen die Hunde eine durchschnittliche Geschwindigkeit von bis zu 40 Kilometern die Stunde. Ein erbärmliches Heulen erklingt. Es ist eine Gruppe Hunde, an denen der Schlittenführer vorbeigeht. Sie haben verstanden, dass sie heute nicht zu den Auserwählten zählen und weinen nun. Noch nie habe ich solche Laute von einem Hund gehört. Unsere Zeit ist knapp, das Hurtigrutenschiff wartet, deshalb kommen wir nicht in den Genuss einer Hundeschlittenfahrt.Schlittenhunde Kirkenes

Unser letzter Stopp ist die Andersgrotte. Während der Bombardierungen der Russen im 2. Weltkrieg suchten die Bewohner von Kirkenes Zuflucht in dem ausgesprengten Stollen. Wir laufen ein paar Meter in den schwach beleuchteten Stollen hinein, bis wir zu ein paar Sitzbänken kommen. Das „Kino“ der Andersgrotte. Dort zeigt Thomas uns einen kurzen Film über die Geschichte der Grotte. Im Krieg wurde Kirkenes Opfer seiner nahen Lage zur Sowjetunion. Murmansk, das nur 150 Kiolometer Luftlinie entfernt liegt, war der einzige eisfreie Hafen im europäischen Teil der Sowjetunion und noch nicht unter deutscher Kontrolle. Deshalb schickten die Alliierten Nachschubmaterial für die Rote Armee nach Murmansk, was den Fall Moskaus verhindern sollte. Die Deutschen postierten 30.000 Soldaten in Kirkenes, woraufhin die Russen den Ort Tag und Nacht bombardierten, insgesamt 326 Mal. Zwischen Deutschen und Russen begann ein Krieg bis zur Erschöpfung. Soldaten beider Seiten fielen zu Tausenden im Kampf oder erfroren bei minus 40 Grad. Die Russen zwangen die Deutschen zum Rückzug. Berlin gab nun den Befehl, Kirkenes niederzubrennen. Von 440 Häusern entgingen nur 20 der Zerstörung. „Und eines davon war das Haus meiner Großeltern“, erzählt Thomas. „Mein Großvater weigerte sich, sein Haus zu verlassen und in die Andersgrotte zu gehen. Wie ein Kapitän auf seinem Schiff wollte er mit seinem Haus untergehen. Er und das Haus haben wie durch ein Wunder überlebt“. Nach den 20 Minuten in der Grotte sehne ich mich nach dem warmen Bus. Wie mag es wohl gewesen sein, hier während des Krieges im Winter monatelang auszuharren? Ich bin in kurzer Zeit schon fast zum Eiszapfen erstarrt.

Shcneehotel Kirkenes

Shcneehotel Kirkenes

INFO

Eine Übernachtung im Schneehotel kostet 2450 norwegische Kronen pro Person (ca. 295 Euro). Im Preis inbegriffen sind der Transfer vom Zentrum in Kirkenes, Frühstück, ein dreigängiges Abendessen und Sauna.

Die Übernachtung in einer der Hütten kostet umgerechnet 240 Euro pro Person. Im Preis inbegriffen sind dieselben Leistungen wie beim Schneehotel.

Allgemeine Informationen: http://kirkenessnowhotel.com

Anreise: SAS fliegt mehrmals täglich von Oslo nach Kirkenes. Flugdauer: 2 Stunden. Auf der klassischen Postschiffroute Bergen-Kirkenes-Bergen ist Kirkenes der Wendepunkt.

Die Autorin nahm an der Hurtigruten-Pressereise „Norwegen hautnah und authentisch – 50 Jahre MS Lofoten“ im April 2014 teil.

Unsere Pressegruppe blickt auf Kirkenes hinunter.

Unsere Pressegruppe blickt auf Kirkenes hinunter.

Neben dem Schneehotel liegt der Gabba-Rentierpark.

Neben dem Schneehotel liegt der Gabba-Rentierpark.

Umgebung in Kirkenes.

Umgebung in Kirkenes.