Der Klang der Stille

Die venezianische Hochebene versprüht mediterranes Lebensgefühl  und ist gleichzeitig ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen in die südlichen Voralpen und ins benachbarte Valsugana.

Das Leben ist ein langsamer, ruhiger Fluss. Dieser Satz kommt mir spontan in den Sinn, als ich in Santa Caterina di Lusiana ankomme, dem kleinen Ort im Alto Piano, der eingebettet in einer Talmulde zwischen Lusiana und Conco liegt. Santa Caterina ist Teil von Lusiana, einer der sieben Gemeinden des Altopiano. Hauptort ist Asiago, aus dem der gleichnamige Käse stammt. Das gesamte Gebiet wird „L’Altopiano di Asiago e dei sette Comuni“ genannt (die Hochebene von Asiago und den sieben Gemeinden) und erstreckt sich zwischen dem Valsugana-Tal und der Po-Ebene. Begrenzt wird es von den Tälern der Etsch (Adige) und der Brenta.

Santa Caterina di Lusiana

Santa Caterina di Lusiana

Umgeben von sanften Anhöhen, Wiesen und Wäldern, die sich in endloser Weite bis zum Horizont erstrecken, fühle ich mich vom Rest der Welt abgeschnitten. Ganz besonders, da ich bewusst auf Fernsehnachrichten, Zeitungen und Internet verzichte und nicht mitbekomme, was in der Welt außerhalb der Hochebene vor sich geht. Nach ein paar Tagen habe ich das Gefühl, der Rest der Welt würde überhaupt nicht existieren. Kaum zu glauben, dass das von Touristen überlaufene Venedig nur eine Autostunde entfernt liegt.

Dolce Far‘ Niente, Mountainbiking und Wandern

Santa Caterina und das Alto Piano sind ideal für drei Dinge: Das absolute Nichtstun, das Wandern in den nahe gelegenen Ostalpen und Mountainbiking. Viele Städter, die vor der Sommerhitze aus Venedig und dem nicht all zu fernen Mailand in die Hochebene flüchten, tun genau das: Sie frönen dem Dolce far’ Niente im Garten ihres Ferienhauses oder in einem der Liegestühle auf der Terrasse ihrer Pension – wenn es sie nicht schon am frühen Morgen in die Berge zieht.

Santa Caterina di Lusiana

Bis nach Asiago ist es nur eine halbe Stunde mit dem Auto. Hartgesottene, zu denen wir nicht gehören, schwingen sich auf ihr Mountainbike und radeln in den 1000 Meter hoch gelegenen Ort, von wo aus sie ihre Touren starten. Wir lassen Asiago hinter uns und fahren Richtung Caldonazzo in der angrenzenden Provinz Trentino. Über die Kaiserjägerstraße, die 1911, als das Trentino noch zu Tirol gehörte, von den österreichischen Kaiserjägern errichtet wurde, kommen wir nach Monterovere. Dort lassen wir das Auto stehen und beginnen unseren vierstündigen Fußmarsch über Almen, Wälder und alte Militärstraßen, vorbei an Kühen und alten Festungsbauten aus dem 1. Weltkrieg zum Cima Vezzena. Der Himmel ist tiefblau und wolkenlos. Außer uns ist an diesem Morgen kein Mensch unterwegs. Über uns gleitet lautlos ein Segelflugzeug über die Bergspitzen. Wir bleiben stehen und schauen hinauf. Es ist still hier oben und wir können sie geradezu hören, die Stille. Wuchtig ragen die Berge vor uns in den tiefblauen Himmel. Werden wir es bis auf den Gipfel schaffen? Er ist so nah und doch so weit. Gegen Mittag kommen wir auf dem 1417 Meter hohen Vezzena-Pass an. Nun sind es noch 491 Meter bis zum Gipfel. Steil geht es nach oben. Immer wieder rutschen wir im Steingeröll leicht ab. Nach einer Stunde haben wir es geschafft.

Valsugana

Blick vom Monte Vezzena über das Valsugana

Vor uns liegt die überwältigende Aussicht über das Valsugana, den Caldonazzo- und Levicosee und die Bergwelt drum herum. Der Himmel ist so klar, dass wir die Dolomiten sehen können. Es ist ein Bild des Friedens, eine Postkartenidylle.

Von der anderen Seite des Gipfels geht es so senkrecht bergab, wie ich es nur von den Felswänden in den norwegischen Fjorden kenne. Direkt am Abgrund steht die von Bombardierungen beschädigte Beobachtungsstation Posten Vezzena (auch Spitz Verle genannt) der österreichisch-ungarischen Armee aus dem 1. Weltkrieg. Weil man von hier aus die gesamte Hochebene überblicken kann wurde der Posten während des Krieges „l’occhio dell’altopiano“ (das Auge der Hochebene) genannt.

Levicosee

Levicosee

Bei all der Schönheit die uns hier umgibt vergessen wir glatt die Schinderei des Abstiegs, der noch vor uns liegt. Egal, erholen können wir uns am nächsten Tag in einer Hängematte in unserem Wäldchen in Santa Caterina oder einem der kleinen Cafés auf der Piazza in der nahe gelegenen mittelalterlichen Festungsstadt Marostica oder in Bassano del Grappa, dem Städtchen am Fuße des Monte Grappa.

Monte Grappa – der Hausberg von Bassano del Grappa

Es ist Sonntag. Der 1745 Meter hohe Monte Grappa ist ein beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Touristen, die gern einmal auf dem Gipfel eines Berges stehen möchten, ohne jedoch vorher einen langen Fußmarsch zurücklegen zu müssen. Zum Berg hinauf führen gleich mehrere asphaltierte Straßen. Eine der schönsten ist die Serpentinenstraße von Semonzo, die wir von Bassano aus (über Romano d’Ezzellino nach Semonzetto) erreichen. Immer wieder überholen wir Rennradfahrer. Wahrscheinlich trainieren sie für die nächste „Monte Grappa Challenge“, ein Radmarathon, bei dem die Fahrer mehrmals hintereinander auf den Monte Grappa radeln müssen. Siegen tut, wer es am öftesten und in der kürzesten Zeit schafft.

Ponte degli Alpini in Bassano, im Hintergrund der Monte Grappa

Ponte degli Alpini in Bassano, im Hintergrund der Monte Grappa

Direkt unterhalb des Gipfels befindet sich ein Parkplatz, wo wir das Auto stehen lassen. Die letzten paar Meter zum Gipfel müssen wir über breite Treppen zu Fuß bewältigen. Die Gipfelregion gilt als heiliges Territorium, denn dort thront ein monumentales Denkmal, das an die gefallenen Soldaten erinnert, die während des 1. Weltkrieges bei Kämpfen auf dem Monte Grappa ums Leben kamen. Um das Denkmal herum befindet sich ein Ossarium mit den sterblichen Überresten von 10.295 österreichischen und 12.615 italienischen Soldaten.

Soldatendenkmal und Ossarium auf dem Monte Grappa

Soldatendenkmal und Ossarium auf dem Monte Grappa

Auf dem Gipfel weht ein leichter Wind. Der Himmel ist blau, über uns fliegen Gleitschirme. Die Sicht ist so klar, dass wir bis nach Vicenza sehen können. Wir verlassen den Gipfel und folgen einem Wanderpfad, auf dem uns verfallene Kasernen und alte Schützengräben begegnen. Überall erinnern Gedenktafeln an die Kämpfe, die hier oben stattgefunden haben. An manchen Felsbrocken sind Kanoneneinschläge zu erkennen.

An Wochentagen ist auf dem Monte Grappa kaum jemand unterwegs

An Wochentagen ist auf dem Monte Grappa kaum jemand unterwegs

Halb Bassano scheint heute unterwegs zu sein. Familien sitzen im Gras und picknicken. Kinder quengeln, spielen oder streiten sich lautstark um ein Spielzeug, Mütter sehen genervt aus, Väter verstecken sich hinter der Gazetta dello Sport, Mountainbiker scheuchen uns mit „Attenzione!“ und „Permesso!“ zur Seite. Von der Ruhe der Hochebene können wir hier nur träumen. Als wir an einem Wochentag wiederkommen, sind wir die Einzigen auf dem Berg. Während unten in Bassano das schönste Wetter ist, ist es hier oben kalt und neblig. Das monumentale Denkmal auf dem Gipfel wirkt gespenstisch und unheimlich. Fern von blauem Himmel und Sonne kann man sich den Berg als Kriegsschauplatz vor fast 100 Jahren nun gut vorstellen.

Levico Terme

Levico Terme

Levico Terme – alpines Städtchen mit mediterranem Flair

Das kleine Städtchen Levico Terme mit seinen 7.000 Einwohnern liegt 520 Meter hoch am Ufer des gleichnamigen Sees. Im 19. Jahrhundert war es wegen seiner Arsen-Eisenquellen einer der berühmtesten Kurorte Europas, in dem auch Mitglieder der österreichischen Kaiserfamilie ihren Sommer verbrachten.

Levicosee

Der blaugrüne Levicosee am Fuße der Bergwelt des Valsugana erinnert an einen Fjord. An seinem Sandstrand herrscht weit weniger Trubel als an den Stränden seines großen Bruders, des Caldonazzo-Sees im wenigen Minuten entfernten Nachbarort. Ganz besonders schön ist es an einem Septembermorgen, wenn kein Mensch unterwegs ist und der See in der frühherbstlichen Sonne schimmert. Nicht weit vom See beginnt der 80 Kilometer lange Valsugana Radweg (la Ciclabile), der Caldonazzo mit Bassano del Grappa verbindet.

Levicosee

Für diese Strecke braucht man bei normaler Kondition etwa sieben bis acht Stunden. Der Radweg hat kaum Steigungen und führt an Seen, Apfelplantagen und der Brenta entlang, aber auch durch die Gassen alter Dörfer. Der gesamte Radweg ist beschildert und Tafeln informieren den Radler zudem über Wissenswertes zur Region. Wer nicht die ganze Strecke bis nach Bassano radeln möchte, kann Teilstrecken jederzeit im Zug zurücklegen. Züge auf der Strecke Trento-Bassano del Grappa verkehren stündlich, haben Radstellplätze und halten an fast jedem Ort entlang des Radwegs. Da Bassano mit dem Auto nur 20 Minuten von Santa Caterina  di Lusiana entfernt ist, kann man von dort aus auch einen Radausflug an den Levicosee machen und am Abend mit dem Zug zurückfahren. Die Zugfahrt von Levico nach Bassano dauert eine Stunde.

Valsugana Radweg

La Ciclabile – Radweg vom Valsugana nach Bassano

Die Sonne scheint, die Zeit steht still

Der Sommer ist heiß in Santa Caterina, aber die Hitze ist erträglich, da der Ort fast 800 Meter hoch liegt und immer ein leichter Wind weht. Die Zeit scheint still zu stehen, und das einzige Geräusch, das wir hören, ist das Zirpen der Grillen, das ab und zu unterbrochen wird vom Bellen eines Hundes, dem Meckern einer Ziege oder von der Musik aus dem Lautsprecher des fahrenden Krämerladens. In den Nächten rückt das Universum ein Stück näher, die Sterne sind zum Greifen nah. Die Hochebene besitzt einen so einzigartig klaren Sternenhimmel, dass fast während des ganzen Jahres alle Konstellationen zu erkennen sind. Aus diesem Grund befindet sich in Asiago das Osservatorio Astrofisico, eine Sternwarte der Universität Padua.

Santa Caterina

Es ist August, der offizielle Ferienmonat in Italien. Die Piazzas der verschlafenen Örtchen der Sette Comuni verwandeln sich nun in rauschende Ballsäle, denn ein Tanzfest löst das andere ab, so dass in jeder Woche eines stattfindet. Bis um drei Uhr morgens wird fünf Tage lang zu Live-Musik getanzt, gefeiert und gegessen. Der Dorfmetzger und seine Frau fegen übers Parket. Sie haben eigens zu den Festen Tanzkurse in Standardtänzen absolviert und zeigen nun ihr Können. Ein paar Fünf- oder Sechsjährige stürmen auf das Parkett und versuchen, den Tango des Metzgerpaares nachzuahmen. Als die Band „Mambo Italiano“ spielt, wagen sich auch die Dorfältesten aufs Parkett. Schließlich haben sie dazu schon in den 1950er Jahren getanzt. Kurz vor Mitternacht werden die Dorfschönsten gewählt: Das schönste Mädchen und der schönste Junge der Gemeinde Lusiana. Zum Abschluss eines jeden Tanzfestes findet ein Feuerwerk statt, das in der Hochebene ganz schön donnert und die Hunde von Santa Caterina fast in den Wahnsinn treibt. Zwischen den Geschossen hört man sie kläglich jaulen. „Ora comincia l’autunno!“ (jetzt fängt der Herbst an) sagt die Besitzerin der Bar auf der kleinen Dorf-Piazza, als Ende August das letzte Festzelt abgebaut wird.

Noch ist der Himmel blau, das Wetter klar und beständig, und die Sonne scheint neun Stunden am Tag. Auch Ende Oktober liegen die Temperaturen während des Tages oft noch bei 25°, während es am späten Nachmittag jedoch ruckartig kalt wird. Herbstnebel, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen, lassen die Landschaft gespenstisch erscheinen. In diesen Momenten kommt die Einsamkeit der Hochebene mehr denn je zur Geltung.

INFORMATIONEN

Beste Reisezeit: Mai bis Oktober

Allgemeine Informationen: Italienisches Fremdenverkehrsamt http://www.enit-italia.de, www.valsugana.info

Anreise:

Mit dem Flugzeug: Bis Venedig, dann mit dem Auto Richtung Vicenza bzw. dem Zug nach Bassano del Grappa. Es empfiehlt sich jedoch ein Leihwagen, da die Busverbindungen in die Hochebene nicht sehr gut sind.

Mit dem Auto: Brennerautobahn Ausfahrt Trento Nord, weiter über die Valsugana bis Primolano, dort links hoch über Enego nach Asiago.

Unterkunft:

Ferienwohnungen (z.B. über das italienische Fremdenverkehrsamt ENIT)

Albergo delle Alpi, Via Comarini 5, Santa Caterina (einziges Hotel im Ort)

Mein Tipp: Hotel Liberty, Levico Terme: Hier wird ausschließlich vegetarisch und vegan gekocht.

Bed and Breakfast Economici Italiani

Tipp: Viele  Hotels und Fremdenverkehrsämter in der Region verleihen Mountain- und E-Bikes.

Dank an Cristina Eberle von Turismo Valsugana für die beiden Fotos „Ciclabile“ und „Blick über das Valsugana“.

Dieser Artikel ist in verkürzter Form in der Herbstausgabe 2013  von Landreise erschienen.

Levicosee