Die steinerne Welt von Inishmore

Die größte Insel der Aran Islands strotzt vor keltischen und frühchristlichen Relikten wie Hinkelsteinen, keltischen Kreuzen, Bienenstockhütten, Begräbnisstätten Heiliger, alten Kirchen und ist eine Hochburg der gälischen Sprache. Gezeiten und Winde bestimmen den Lebensrhythmus der kleinen Insel in der Galway Bay. Autos sieht man kaum. Die Einwohner bewegen sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf dem Pferd über die Insel.

InishmoreMühsam trottet Cappuccino den Hang hinauf. „Gasta, gasta!“ ruft Kevin, der Kutscher dem kaffeebraunen Pferd zu, als die Strecke wieder gerade wird. Gasta ist irisch und bedeutet „schnell“. Es ruckelt ganz schön in dem alten Pferdewagen, der mich mit seiner runden Form an eine mittelalterliche Badewanne erinnert. „Er stammt aus dem Jahr 1915. Ich habe ihn vor über 20 Jahren auf einer Auktion in Lisdoonvarna gekauft“, antwortet Kevin, als wir ihn nach dem Alter des Wagens fragen. Wir sind auf dem Weg zu Dún Aengus, einem bronzezeitlichen Fort, das auf dem Rand einer Klippe thront. Am Fuß des Forts lässt Kevin uns aussteigen und gesellt sich auf ein Guinness zu den anderen Kutschern, die hier auf Fuhrgäste warten.

InishmoreAn Steinwällen vorbei geht es steil hinauf zur Festung, die nach Aonghus MacNatfráich, König von Cashel im 5. Jahrhundert n. Chr. benannt wurde. So die Legende. Der irische Name des Forts ist Dún Aonghasa. Ausgrabungen haben ergeben, dass in der Festung Menschen über einen Zeitraum von 2500 Jahren gelebt haben, von 1500 v. Chr. bis 1000 n. Chr. Dún Aonghasa gehört seit Ende des 19. Jahrhunderts zu den Nationalmonumenten Irlands. Vor uns wandert eine Gruppe Amerikanerinnen in Flip-Flops den steinigen Weg hinauf und flucht über das falsch gewählte Schuhwerk. Eine von ihnen gibt auf und setzt sich auf eine Bank am Wegrand. Ein Stein hat sich durch einen ihrer Flip-Flops gebohrt. Keinen Schritt weiter wird sie gehen, ruft sie ihren Freundinnen zu.

Dun Aengus

Die spektakuläre Sicht über die Bucht von Galway entschädigt den mühseligen Aufstieg. Die Klippen stürzen schwindelerregende 100 Meter tief zum Meer ab. Eine junge Französin robbt sich bäuchlings zum Rand der Klippe, stützt sich auf die Ellbogen und schaut zu, wie die Wellen an den Klippen brechen. Ich wage mich nicht allzu nah an den Rand, denn ich bin nicht ganz schwindelfrei.

Dun Aengus 3

Nicht weit von mir steht auf einem Felsvorsprung ein Videofilmer und murmelt etwas von der perfekten Kulisse für ein Musikvideo, das er Tanz am Abgrund nennen will. Wir steigen hinauf zum höchsten Punkt der Festung. Auf der Seite, die nicht zum Meer hin abfällt, hat man einen herrlichen Blick über Inishmore. Tausende Steinwälle ziehen sich in parallelen Linien über die Insel und teilen sie in winzige Felder. Wie eine Steinwüste liegt Insihmore unter uns. Bäume gibt es kaum, dafür ist  der Boden zu karg und die Luft zu salzig.

Dun Aengus

Wenig später erkunden wir mit Kevin und Cappuccino das Innere der Insel, die seit über 4000 Jahren bewohnt ist. Mit über 600 eingetragenen Wahrzeichen von archäologischem und historischem Interesse gleicht Inishmore einem riesigen Freilichtmuseum.

Inishmore

Eines der Wahrzeichen ist die Kirche des Heiligen Ciarán, oder was davon übrig ist. Ciarán kam im 6. Jahrhundert als junger Mönch auf die Insel und lebte dort sieben Jahre im Kloster des Heiligen Enda. Damals zählte Inishmore zu den wichtigsten Wallfahrtsorten irischer Mönche.

Inishmore

Kirche des Hl. Ciarán

In einem Traum sah sich Ciarán ein Kloster in Clonmacnoise am Ufer des Shannon bauen. Er verließ Insihmore daraufhin, um das Kloster zu bauen, das zu einem der bedeutendsten in Irland wurde. Ciarán gilt als Wegbereiter des Christentums im keltischen Irland. Jährlich treffen sich am 9. September, dem Tag des Hl. Ciarán, Gläubige zu einer Wallfahrt. Wir lassen uns von Cappuccino durch die steinige Landschaft ziehen, vorbei an vereinzelten Häusern, prähistorischen Ruinen, der Seehundkolonie, Torfmooren, Kuh- und Ziegenherden. Ein paar Torfstecher sind mit großen Säcken unterwegs. Torf ist ein beliebtes Heizmaterial auf der Insel. Immer wieder überholen uns kleine Touristenbusse, die Tagesausflügler zu den Sehenswürdigkeiten der Insel bringen. Aus einem der Busse winkt uns die Amerikanerin zu, deren Flip-Flop auf dem Weg zu Dún Aengus von einem Stein durchbohrt wurde.

Inishmore

Es ist Mitte September, noch immer kommen bis zu 1500 Touristen täglich auf die Insel. Im Sommer, ganz besonders an den Wochenenden, sind es über 3000. Auch im Winter kommen noch zahlreiche Besucher, denn auf Inishmore wird es selten kälter als 10 Grad. Nur wenige Touristen übernachten in den kleinen B&Bs der Insel. Die meisten kommen nur, um Dún Aengus zu sehen und verlassen Inishmore am Abend mit der Fähre oder dem kleinen Flugzeug von Aer Arann.

Inishmore

Nur 840 Menschen leben ganzjährig auf der 31 Quadratkilometer großen Insel, auf der es noch bis 1975 keinen elektrischen Strom gab.

Inishmore

„Immer mehr junge Menschen verlassen Inishmore“, erzählt Ian, der im Pub mit uns am Tisch sitzt. Er wurde vor 30 Jahren hier geboren, hat die Insel jedoch als Achtzehnjähriger verlassen, um in Dublin zu studieren. Er verbringt ein paar Tage bei seinen Eltern. „Als junger Mensch hat man hier keine Perspektive. Es gibt so gut wie kein soziales Leben. Kino, Konzerte, Diskotheken, so etwas kennen wir hier nicht. Wer ausgehen will, muss auf dem Festland übernachten, denn die letzte Fähre nach Inishmore legt um 18.30 Uhr ab. Es sei denn, man hat sein eigenes Boot oder sein eigenes kleines Flugzeug“, lacht er und fügt hinzu „dafür gibt es hier keine Kriminalität. Meine Eltern brauchen ihre Haustüre nachts nicht abzuschließen“. Es gibt eine Schule auf der Insel, die zum A-Level (Abitur) führt, viele Schüler gibt es allerdings nicht, denn auf der Insel leben nur wenige Familien mit Kindern.

Inishmore

Der Großteil der Bevölkerung ist über 50 Jahre alt. „Das Leben für junge Familien ist hier nicht einfach“, meint Ian. „Alles muss vom Festland herübergeschafft werden und das ist mitunter sehr umständlich“.

Aran Pullover

Auf der Insel gibt es außer einem großen Spar-Supermarkt, einem Laden mit den berühmten Aran-Wollpullovern und einem Souvenirshop keine Geschäfte. Dafür jede Menge Pubs, wohin sich Besucher flüchten, wenn das Wetter umschlägt.

Pier HouseUm 17 Uhr wird es plötzlich still in Kilronan, dem Hauptort der Insel. Die Touristen, die am Morgen vom Festland herübergekommen sind, verlassen Inishmore mit der letzten Fähre um 17 Uhr.

Aran Islands FerryWir haben die Terrasse des Pier House nun ganz für uns allein. Mit einem Glas Rotwein sitzen wir an einem Tisch und schauen zum Hafen hinunter. Kein Mensch weit und breit. Es herrscht absolute Stille, nicht einmal das Gekreisch der Möwen ist mehr zu hören. Kein Wunder hat diese Insel immer wieder Dichter und Schriftsteller angezogen. Der Dubliner John Millington Synge (1871-1909), der lange Zeit in Paris lebte, verbrachte hier mehrere Sommer und schrieb mit „The Aran Islands“ einen Klassiker über das Leben auf der Insel. „Give up Paris … Go to the Aran Islands … Express a life that has never found expression“ schrieb er. Das fällt auf Inishmore nicht schwer!

Die Autorin belegte mit dem Artikel „Die steinerne Welt von Inishmore“ (erschienen im Forum-Magazin/29.11.13) den 4. Platz beim „Journalistenpreis Irland 2013“ in der Kategorie „Überregionale Zeitung/Magazin“.

INFO

Allgemeine Informationen: www.ireland.com und www.aranisland.info.

Fährverbindung: Ab Rossaveal (Ros an Mhíl) im County Galway täglich um 10.30 Uhr oder 18.30 Uhr –> www.aranislandferries.com. Fahrzeit 40 Minuten.

Flugzeug: Mit Aer Arann ab Connemara Airport bei Galway City ist man in nur sechs Minuten auf der Insel. Flugzeiten und Preise à http://www.aerarannislands.ie.

Hotel: Pier House (Zimmer mir W-LAN).

Radverleih auf InishmoreRadverleih: Mullin’s Aran Bike Hire am Pier in Kilronan.

Touristeninformation: Pier in Kilronan.

Tipp: „Synge’s Cottage“, das Haus von John Millington Synge wurde in den Originalzustand zurückversetzt und steht Besuchern offen.

Die Reise wurde von Tourism Ireland unterstützt.

Veröffentlicht in: FORUM – Das Wochenmagazin (29.11.13) und Badische Neueste Nachrichten (14.6.14).

4. Platz Journalistenpreis Irland 2013.

Inishmore

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