Mit Geistern auf du und du

In Guanajuato, einer alten Kolonialstadt im mexikanischen Hochland, die seit 1990 zum UNESCO Welterbe zählt, teilen die Bewohner der Altstadt ihre Häuser mit Geistern. Aberglaube? Keineswegs! In Mexiko gehören Leben und Tod zusammen.

Gasse

Zischend landet der Inhalt des Weinglases im Feuer des Kamins. „Damit uns die Geister in Ruhe lässt!“ erklärt Sebastian lachend, als wir ihm fragende Blicke zuwerfen. „Wir müssen den Geistern immer den ersten Schluck anbieten, sonst werden sie wütend und verderben uns den Abend“ fügt er vollen Ernstes hinzu. „Ihr habt Geister im Haus?“ frage ich ungläubig?“ „Ja, aber nur vier“, sagt Alan, sein Lebensgefährte, „im Nachbarhaus gibt es 79!“ Einem der Gäste fällt vor Schreck das Glas aus der Hand. Die Mexikaner sind zwar für ihren Totenkult und tiefen Aberglauben bekannt, aber dass zwei New Yorker Naturwissenschaftler nun plötzlich von allen Geistern besessen sind, versetzt einen doch in Staunen.

In diesem Turm wohnt ein Geist

In diesem Turm wohnt ein Geist

In jedem Haus der Altstadt spukt es, schwören die Einwohner Guanajuatos und betonen, dass in den ältesten Gemäuern bis zu 100 Geister wohnen, die sich nicht nur nachts, sondern auch tagsüber bemerkbar machen. „Es sind gute Geister“, sagt Maria, die an der Universität unterrichtet. „Wenn wir sie mit Respekt behandeln lassen sie uns in Ruhe“. Und wenn nicht? „Dann landet schon mal ein Teller auf dem Boden!“ lacht sie. „Ruft man Geisterjäger, wie im Nachbarland USA?“ will ich wissen. „Geisterjäger? So etwas kennen wir hier nicht. Wir vertreiben unsere Geister nicht, wir arrangieren uns mit ihnen. Und wenn ein Geist unerträglich wird, rufen wir einen Geisterflüsterer, der ihn zur Räson bringt“. Sebastian bestätigt das, denn er hat unlängst einen solchen beauftragt. Der Geist, der im Turm wohnt, wo Alan sein Arbeitszimmer hat, brachte plötzlich sämtliche Papiere und Alan durcheinander. Sagt Sebastian. Der Geisterflüsterer nahm sich des Problems an und seitdem trägt Alan einen Haifischzahn um den Hals, wenn er im Turm arbeitet. Der scharfe Zahn des Hais soll den Geist fernhalten. „Es funktioniert“, sagt er. „Como México no hay dos!“ lacht Maria und meint damit, dass es so etwas nur in Mexiko gibt.

Guanajuato

Der Umgang der Mexikaner mit Geistern wirkt auf westliche Kulturen befremdlich. In Mexiko sind sie jedoch nichts, wovor man sich fürchten muss. Schließlich isst, trinkt und tanzt man zusammen mit ihnen am bedeutendsten Feiertag Mexikos, dem farbenprächtigen „Día de los Muertos“ (Tag der Toten). Nach altem Glauben kehren in der Nacht vom 1. auf den 2. November die Toten aus dem Jenseits zurück, um ihre Familien einen Tag lang zu besuchen. Die Friedhöfe verwandeln sich in ein Blumenmeer. Die Lebenden schmücken am 1. November die Gräber zudem mit unzähligen Kerzen, einige streuen gelbe Blumen vom Friedhof zum Haus, damit sich die Toten in der Dunkelheit nicht verlaufen. Empfangen werden sie mit blumengeschmückten Gabentischen, die mit allerlei Leckereien und dem Pan de Muertos, dem Totenbrot, gedeckt sind. Auf den Friedhöfen werden am 2. November Fiestas veranstaltet, Restaurants und Geschäfte sind mit Skeletten und Totenköpfen aus Pappmaché in allen Farben und Formen geschmückt, in den Konditoreien werden Totenköpfe aus Zuckerguss und Schokoladensärge verkauft.

2008 wurde der Día de los Muertos, in die „Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes“  der UNESCO aufgenommen und zählt seitdem zum Kulturerbe der Menschheit.

Universität Guanajuato

Universität Guanajuato

Der Literaturnobelpreisträger Octavio Paz charakterisiert das Verhältnis seiner Landsleute zum Tod in seinem Essay „Das Labyrinth der Einsamkeit“ wie folgt : „Der Mexikaner sucht, streichelt, foppt, feiert den Tod, schläft mit ihm. Vielleicht quält ihn ebenso die Angst vor ihm wie die anderen, aber er versteckt sich nicht vor ihm noch verheimlicht er ihn, sondern sieht ihm mit Geduld, Verachtung oder Ironie frei ins Gesicht.“

Die Mumien von Guanajuato

Einblick in den Totenkult gewährt das „Museo de las Momias“, wo 119 mumifizierte menschliche Körper ausgestellt sind. Gefunden wurden die Mumien 1865, als der benachbarte Friedhof Panteón Municipal de Santa Paula erweitert wurde. Der mineralhaltige Boden hatte eine Verwesung verhindert und die Toten mumifiziert. Die Mumien von Guanajuato tragen Anzüge, Stiefel, Röcke, Kopfbedeckungen, manche sind nackt oder nur mit Schuhen bekleidet. Sie stehen in verschiedensten Posen in Glasvitrinen an die Wand gelehnt und sitzen oder liegen in einem Sarg. Babys liegen in Windeln und Spitzenkleidchen in Vitrinen. Auch ein mumifizierter Fötus ist dabei – er ist die kleinste Mumie der Welt. Er war im Bauch einer Schwangeren, die an Cholera verstarb. Einigen Mumien steht das Grauen ins Gesicht geschrieben, andere sehen aus, als würden sie schreien. „Damals kam es vor, dass Sterbende und Scheintote begraben wurden“, erklärt der Tour-Guide. Wie groß muss der Horror gewesen sein, als sie in einem Sarg aufwachten!

Teatro Juarez

Die Mumien sprechen die Besucher auf Schildern direkt an. Wie „La China famosa“, die mit verschränkten Armen in ihrem Sarg liegt. „Man nennt mich das China-Mädchen. Vielleicht wegen meiner Kleidung und den asiatischen Gesichtszügen. Ich bin übrigens die Einzige, die hier in ihrem Originalsarg liegt, obwohl ich eine der Ältesten in der Kollektion bin. Ich kenne Dr. Leroy und andere wichtige Personen in diesen Räumen seit langer Zeit“. Der französische Arzt Remigio Leroy, der erste „Bewohner“ des Museums, steht in Anzug und Mantel in einer Glasvitrine. Er war die erste Mumie, die 1865 gefunden wurde.

Regisseur Werner Herzog verwendete Bilder der Mumien in seinem Horrorfilm „Nosferatu – Phantom der Nacht“, um den Gruselfaktor zu  verstärken.

Ein Labyrinth aus doppelten Hausnummern

Guanajuato ist eine außergewöhnliche Stadt. Nicht nur wegen der Geister und der Mumien. Außergewöhnlich ist das Labyrinth aus kopfsteingepflasterten engen und verwinkelten Gassen und Straßen, von denen keine geradeaus führt. Und in denen es dieselben Hausnummern gleich mehrmals gibt. Jeder Bewohner, der neu in ein Haus einzieht, darf sich seine Hausnummer selbst aussuchen. Steht beispielsweise eine 12 auf dem Haus, darf er die Nummer abnehmen und nach Belieben seine Lieblingszahl anbringen. So kommt es, dass man in vielen Straßen mehrmals die Hausnummer 1 auf beiden Seiten der Straße sieht, daneben die Nummer 42, die sich ein paar Häuser weiter nochmals befindet. „Meine Großmutter hat ihre Hausnummer ausgetauscht, weil sie Geister fernhalten will“, sagt Maria. „Sie dachte, wenn auf dem Haus statt der 29 die Nummer 1 stände, würde der Geist der früheren Bewohner das Haus nicht finden“.

Guanajuato

„Wie findet nun der Briefträger bei diesem Wirrwarr das richtige Haus?“ frage ich den gebürtigen Guanajuatoer Jorge. „Das ist ganz einfach“, antwortet er. „Der Briefträger weiß, wo wer wohnt“. „Aber wenn nun fünf Personen Martinez heißen, wie weiß er, welches der Richtige ist?“ will ich wissen. „Das sieht er am Vornamen“, antwortet Jorge. „Wenn nun aber drei davon Antonio heißen?“ bohre ich weiter. „Der Briefträger weiß, welcher Antonio gemeint ist. Das sieht er am Absender!“ „Wie das? Wie kann der Briefträger wissen, mit wem die diversen Antonios kommunizieren? Liest er etwa die Briefe?“ wundere ich mich. Darauf hat Jorge keine Antwort, gibt jedoch zu, dass er selbst ein Postfach benutzt. Der Einfachheit halber, wie er sagt.

Guanajuato 4

Der Geist der Liebenden und die weinende Frau

Über einer der engsten Gasse, der Callejon del Beso (Kussgasse), schwebt der Geist von Dona Carmen und Don Luis. Die beiden waren ein Liebespaar. Hier, so die Legende, kam ihre Liebesgeschichte zu einem tragischen Höhepunkt. Als Dona Carmens Vater erfuhr, dass sich seine Tochter heimlich mit Don Luis traf, schloss er seine Tochter ein, damit sie ihren Geliebten nicht mehr sehen konnte. Carmens Bewacherin, die der Liebe der beiden wohlwollend gegenüberstand, überbrachte Don Luis einen Brief in dem sie ihm riet, in das gegenüberliegende Haus zu gehen, von dem aus er sich dank der engen Gasse mit Carmen unterhalten könnte.  Don Luis begab sich zum Besitzer dieses Hauses und bat ihn, es ihm zu verkaufen. Als er jedoch Carmen von Balkon zu Balkon gegenüberstand, wurden sie erneut vom Vater entdeckt. Dieser wurde so wütend, dass er seiner Tochter einen Dolch ins Herz stieß. Luis konnte nur noch die Hand seiner sterbenden Geliebten küssen. So erhielt die Gasse ihren Namen. Wenn sich ein Liebespaar in dieser Gasse küsst wird es niemals Liebeskummer erleiden, sagen die Einheimischen.

Kussgasse

Callejon del Beso

„Einer unserer berühmtesten Geister ist La Llorona, die weinende Frau“, erzählt Maria. Die Legende besagt, dass einst eine Frau in weißem Nachthemd und mit wirrem Haar aus einem Haus in der Calle Hidalgo kam. Sie weinte bitterlich und trug ein in Lappen gewickelte Bündel, das sie am Eingang eines alten Herrenhauses ablegte. Sie stieß dabei einen Schrei aus der den Bewohnern das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Sie weinte um die Seele ihres toten Kindes“, sagt sie und fügt hinzu „viele Menschen hören diesen Schrei immer noch gegen Mitternacht“. Sie selbst auch? „Ich gehe nicht um Mitternacht auf einsamen Straßen spazieren“, lacht Maria.

Legendäre Silberstadt und Geburtsort von Diego Rivera

Die Straßen der alten Kolonialstadt verlaufen steil in Kurven, winden sich um Hügel, um dann plötzlich in einem der vielen Felstunnel zu verschwinden. Guanajuato befindet sich über einem alten Flussbett und Bergwerkschächten, in denen heute das Straßennetz der Stadt verläuft. Dank der unterirdisch verlaufenden Straßen ist das Zentrum weitgehend autofrei und das historische Zentrum fast komplett Fußgängerzone.

Guanajuato 3

Guanajuato wurde 1529 von den Spaniern erobert. Bis zur Unabhängigkeit Mexikos 1821 war die Stadt ein Zentrum des Silber-Bergbaus. Die produktivsten Silberminen der Welt befanden sich hier – der Anteil an der weltweiten Silberproduktion betrug 40 Prozent. Auch der Großvater des Malers Diego Riveras besaß eine Silbermine. Rivera wurde in Guanajuato geboren. Im Museo Casa Diego Rivera, seinem Geburtshaus, sind Zeichnungen des Malers ausgestellt. Als die Bedeutung des Silberabbaus im Laufe des 19. Jahrhunderts zurückging, verlor die Stadt an Bedeutung. Heute lebt Guanajuato von Tourismus, Kultur und den über 30.000 Studenten der Universidad de Guanajuato. Den weißen neobarocken Bau, zu dessen Eingang 113 Stufen führen, sieht man von überall in der Stadt.

El Pípila – der Held Guanajuatos

Mit erhobener Fackel steht der junge Minenarbeiter Juan José de los Reyes Martínez Amaro auf seinem Podest und blickt auf die Stadt hinunter. Im Unabhängigkeitskampf gegen die Spanier zündete er am 28. September 1810 die hölzernen Tore des festungsartigen Kornspeichers Alhóndiga de Granaditas an, wo sich die spanische Kolonialarmee verschanzt hatte. Damit machte er für die Aufständischen den Weg frei und wird seitdem unter seinem Spitznamen „El Pípila“ als Held von Guanajuato gefeiert. Fast von der ganzen Stadt aus ist das monumentale Denkmal zu sehen.

El Pipila

Der Geist von Don Quijote

Guanajuato hat ein quirliges Kulturleben. Es gibt kaum einen Monat, in dem in der Stadt kein Festival stattfindet. Das bedeutendste ist das „Festival Internacional Cervantino“ (kurz Cervantino), das seit 1972 jährlich im Oktober stattfindet und knapp drei Wochen dauert. Am Festival nehmen über 2500 Künstler aus fast 40 Ländern teil. Auf dem Programm stehen Theater, Oper, Ballett, Tanztheater und Musik. Die Veranstaltungen finden ganztägig im prunkvollen „Teatro Juarez“, auf allen öffentlichen Plätzen und Kirchen statt. Das Festival ist Spaniens Nationaldichter Miguel de Cervantes, dem Autor des Don Quijote gewidmet.

Don Quichote

Der Geist Don Quijotes schwebt über der ganzen Stadt. Überall sieht man Statuen des Ritters von der traurigen Gestalt, der gegen Windmühlen kämpft: Auf seinem Pferd, zu Fuß, mit dem Schwert in der Hand. Im Museo Iconográfico del Quijote findet man Kunst und viel Kitschiges um den Romanhelden, seinen alten dürren Gaul Rosinante, seine Herzensdame Dulcinea und seinen getreuen Stallmeister Sancho Panza. Guanajuato ist weltweit die einzige Stadt, die Cervantes mit einem eigenen Festival ehrt. Deshalb erhielt sie 2005 vom UNESCO-Zentrum im spanischen Castilla-La Mancha den Titel Cervantes-Hauptstadt Amerikas.

Es ist Nacht im alten Palacio von Sebastian und Alan. Gebannt lausche ich in die Stille des riesigen Zimmers. Ob sich wohl einer der Geister bemerkbar macht? Nein, die Geister haben Nachsicht mit den ausländischen Besuchern. Nichts ist zu hören, nichts bewegt sich und ich schlafe beruhigt ein.

INFORMATIONEN:

Guanajuato ist die Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, liegt auf einer Höhe von 2008 Metern und ist 375 km von Mexico City entfernt.

Allgemeine Auskünfte erteilt die Website des mexikanischen Tourismusministeriums unter www.visitmexico.com

Anreise: Mit dem Flugzeug nonstop ab Frankfurt nach Mexiko City mit Lufthansa oder Aéromexico (je nach Saison) ab 729 Euro. Vom Flughafen in Mexico City mit der U-Bahn oder dem Taxi zum Busterminal Central del Norte. Die Busse fahren mehrmals täglich nach Guanajuato, z.B. Primera Plus Tickets sollten vorab auf der Website des Busunternehmens gebucht werden (http://secure.primeraplus.com.mx), abgeholt und bezahlt werden sie dann am Busbahnhof. Die Fahrt dauert je nach Verbindung vier bis fünf Stunden und kostet umgerechnet etwa 30 Euro. Alternativ: Flug von Mexico City nach Léon mit Aeroméxico ab 356 Euro. Léon liegt etwa eine Autostunde von Guanajuato entfernt.

Übernachten:

Wohnen im mittelalterlichen Schloss: Hotel Castillo Santa Cecilia, (DZ inkl. Frühstück je nach Saison über booking.com ab 77 und 100 Euro). http://castillosantacecilia.com.mx

Quinta Las Acacias, ehemaliges Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert, im historischen Zentrum.

http://quintalasacacias.com.mx (Standard-DZ inkl. Frühstück z.B. über booking.com je nach Saison ab 96 bis 149 Euro)

Essen & Trinken: Die besten Restaurants liegen rund um den dreieckigen Platz Jardín de la Unión, der mit seinen alten Lorbeerbäumen und schmiedeeisernen Bänken als schönster Platz Mexikos gilt.

In ähnlicher Form erschienen in FORUM – Das Wochenmagazin (6. 9.13).