Bois Blanc Island – vergessene Idylle im Lake Huron

Die Autofähre gerät in Schieflage, mein Magen fährt Achterbahn. So habe ich mir die Überfahrt von Cheboygan auf die kleine Insel im Lake Huron nicht vorgestellt – Wellen schlagen über die Fähre und verwandeln sie in eine Waschanlage. Ich sehe unseren kleinen Roadster samt der beiden Insassen im Geiste bereits in den Tiefen des Lake Huron verschwinden. Der Lake Huron ist berüchtigt für seine plötzlich auftretenden heftigen Herbststürme. Die Überfahrt dauert vierzig Minuten. Eine halbe Stunde ist bereits vergangen als das Schaukeln plötzlich aufhört und der See so ruhig ist, als hätte es nie einen Sturm gegeben. Nur wenige Minuten später laufen wir im Hafen von Pointe Aux Pins auf der Südseite der Insel ein.

Landesteg 6

Wer den üblichen Touristenrummel hasst, hat hier Hochsaison

„Bois Blanc Island? Nie gehört!“ sagt eine Freundin als ich ihr erzähle, wo wir das Labor Day Wochenende verbringen. Wie die meisten Michiganders weiß sie von der Existenz der kleinen Insel im Norden des Staates nichts. Das ist nicht verwunderlich, denn Bois Blanc Island ist kein typisches Touristenziel.

74 Bois Blanc Waldfiguren

Es gibt weder geteerte Straßen, noch Hotels, Shopping Malls, Supermärkte, Souvenirgeschäfte, Fast Food Restaurants, geschweige denn ein Nachtleben mit Diskotheken und Bars. Keine Shows, kein Spektakel. Es gibt auch kein High Speed Internet und keine  Straßenlaternen. Bis 1964 gab es hier noch nicht einmal Strom. Feriengäste besitzen ihr eigenes kleines Cottage, campen oder logieren im einzigen B&B der Insel. Nur etwa 70 Abenteuerlustige leben hier, die abgehärtet genug sind, die Isolation und die langen kalten Winter auf dem Lake Huron zu ertragen, der bis in den April hinein mit einer dicken Eisschicht bedeckt ist.

Haus aus Bois Blanc Island

Wir beschließen, Bois Blanc Island erst einmal mit dem Auto zu umrunden, um einen Gesamtüberblick zu bekommen. Eine ungeteerte, holprige Straße führt am See entlang knapp 50 Kilometer rund um die Insel. Nach der Umrundung lassen wir das Auto am Waldrand stehen und laufen zu Fuß durch den Wald, der sich langsam in die Farben des Indian Summer verwandelt. Wir folgen einem verwitterten Holzschild, das zum Thomson Lake führt. Der tiefblaue See mit dem grasbewachsenen Sandstrand liegt mitten im Wald. So verlassen, wie er vor uns liegt, wirkt er fast unwirklich. In Ufernähe liegt ein umgekipptes Ruderboot, auf dem eine Möwe sitzt und die Reste eines Fisches verspeist. Als sie uns sieht, fliegt sie laut kreischend davon. Wir sind die einzigen, die an diesem sonnigen, aber kühlen Septembertag am Strand entlang wandern. Es ist so einsam und still hier, dass wir uns fast wie am Ende der Welt fühlen.

Snake Lk

Auf unserer Wanderung durch die Wälder der Insel entdecken wir noch fünf weitere Seen: den Deer Lake, Mud Lake, Mary’s Lake, die Twin Lakes und die Halbinsel Snake Island, ein Naturschutzgebiet, auf dem sich der kleine Mud Lake befindet. Tief kann der See nicht sein, denn er ist voller winziger mit Wildblumen bewachsenen Grasinseln und große runde Steine ragen aus dem Wasser.

Mud Lake

Inselklatsch bei Hawk’s

„Wenn ihr wissen wollt, was auf der Insel passiert, schaut einfach bei Hawk’s vorbei. Dort erfahrt ihr die neuesten Nachrichten sowie Klatsch und Tratsch vom Festland!“ klärt uns ein Inselbewohner auf. Der Hawk’s Landing Island Store liegt am Bob-Lo Drive und ist Tante-Emma-Laden, Maklerbüro und Restaurant in einem. Die Speisekarte ist zwar klein, aber die Pizza ist „delicious“. Hawk’s erinnert mich an die typisch amerikanischen Krämerläden, wie man sie aus alten Hollywood-Filmen kennt. An der Theke lehnt der Inselsheriff und plaudert mit dem Inhaber. Viel hat er auf der kleinen Insel nicht zu tun. „Die einzige Gefahr, die wir hier haben, ist ein Schwarzbär, der hin und wieder auf die Insel kommt“, erzählt uns Hank, der auf ein Bier bei Hawk’s vom Festland herübergekommen ist. „Der Bär treibt sich eine Weile in den Wäldern herum und zieht dann weiter. Bären sind gute Schwimmer und können weite Strecken zurücklegen. Also, wenn ihr einem Schwarzbären begegnet, nicht in den See springen und versuchen, wegzuschwimmen – der Bär ist schneller!“ lacht er.

69 Bois Blanc Haus

Von Hank, der in Plauderlaune ist, erfahren wir auch, dass es auf der Insel spukt. Im 18. Jahrhundert sollen sich zwei britische Soldaten unerlaubt von ihrer Truppe in Fort Mackinac entfernt haben, über den zugefrorenen See nach Bois Blanc Island marschiert und von Indianern skalpiert worden sein. Seitdem spuken ihre ruhelosen Geister nachts in den Wäldern. Sagt Hank. Von einem anderen Gast erfahren wir, dass sich 1880 der entflohene Mörder Henry English aus Pennsylvania auf Bois Blanc Island versteckte und dass die Insel während der Prohibition ein sicheres Versteck für Alkoholschmuggler war.

Hafen Bois Blanc

Nicht weit von Hawk’s entfernt liegt die Bob-Lo Tavern. Barb, die Besitzerin, sitzt an einem Tisch im hinteren Teil der Taverne und ist in ihren Computer-Bildschirm versunken. „Na Barb, wieder auf der Suche nach dem Mann fürs Leben – oder sollte ich besser sagen den Mann für die Insel?“ fragt ein Gast, der gerade zur Tür hereinkommt. Ohne vom Bildschirm aufzublicken erwidert Barb: „Nein, das habe ich nach dem letzten missglückten Date endgültig aufgegeben – so abgeschieden wie hier will doch keiner wohnen“. Später erzählt uns Barb, dass sie die Nase von ihrem hektischen Job in einer Großstadt voll hatte und sich vor ein paar Jahren, als die Kinder erwachsen waren, auf die Insel zurückzog. „I love the silence on the island!“ erklärt sie uns. Wer sich hier niederlässt, schätzt die Ruhe und Abgeschiedenheit der Insel. „Wer von der Stadt unterhalten werden will, der ist hier falsch. Wer sich selbst unterhalten kann, der kann hier allerdings glücklich werden“, sagt Barb.

Briefkästen 2

Auf unserer Inselwanderung kommen wir an einer Reihe bunter Briefkästen vorbei, die einsam am Waldrand stehen. Die dazugehörigen Häuser sehen wir allerdings nicht. Später erfahren wir, dass es sich um Sammelbriefkästen handelt, an denen die Insulaner ihre Post abholen. Auf der Insel gibt es aber auch ein richtiges Postamt. Das kleine Posthäuschen liegt so versteckt zwischen Bäumen, dass man es fast übersieht. Die Post wird täglich von Cheboygan herüber gebracht. Im Winter, wenn der Lake Huron zugefroren ist, wird die Post per Snowmobil oder „Air Mail“ geliefert – die Insel hat einen kleinen Flughafen. Bevor es Snowmobile gab fuhr der Postbote im Winter mit dem Hundeschlitten über den See. Bei einer seiner Fahrten ist er samt Schlitten und Hunden ins Eis eingebrochen. Es konnten jedoch alle gerettet werden. Der Originalartikel aus der Zeitung und das dazugehörige Foto sind im kleinen Inselmuseum ausgestellt.

Briefkasten

In der Nähe der Post befindet sich die kleinste Schule Michigans. In den USA ist sie die einsame Überlebende aus einer Zeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als Schulen mit nur einem Klassenzimmer üblich waren. In dem kleinen roten Schulhaus werden selten mehr als fünf bis zehn Kinder von der ersten bis zur achten Klasse zusammen in einem Zimmer unterrichtet. Im Jahr 2012 gab es nur drei Schüler. Zur High School müssen die Kinder nach Cheboygan wo sie während des Schuljahres oder zumindest während des langen Winters bei Gastfamilien oder Verwandten wohnen.

Bois Blanc Schule

Das kleinste Schulhaus Michigans

Als wir die Insel verlassen kommt mir ein Satz in den Sinn, den Hemingway einmal über die Inselwelt im Norden Michigans geschrieben hat: „Dies ist eine viel authentischere Welt, viel authentischer als die anderen Welten“. Irgendwie passt dieser Satz zu Bois Blanc Island.

Insel Haus

Insel Haus

Mit unserem Roadster kamen wir auf der Insel nicht weit.

Mit unserem Roadster kamen wir auf der Insel nicht weit.

INFO

Allgemeine Auskünfte erteilt das Michigan-Informationsbüro „Pure Michigan“ im Internet unter www.michigan.org

Anreise mit dem Flugzeug ab Frankfurt nach Detroit (Lufthansa und United fliegen täglich). Mietwagen ab Detroit auf der Interstate 75 nach Cheboygan, Fahrtzeit 6 Stunden. Ein Platz auf der Autofähre sollte mindestens eine Woche im Voraus bei Plaunt Transportation gebucht werden und zwar online auf http://www.bbiferry.com. Dort wird auch über die Abfahrtszeiten informiert.

Übernachten: Insel Haus Bed&Breakfast (http://www.inselhausbandb.com), Doppelzimmer ab 105 Dollar (pro Zimmer, nicht pro Person). Das Insel Haus ist das einzige Hotel bzw. B&B auf der Insel. Geleitet wird es von dem älteren Ehepaar Christa und Shelby Newhouse. Christa ist Deutsche, deshalb der deutsche Name des B&B.

Tipp: Shelby’s Erzählungen abends am Kamin – er war früher Radiomoderator und Filmemacher und hat jede Menge spannende Geschichten auf Lager.

Essen&Trinken: Hawk’s Landing und Bob-Lo Tavern, beide befinden sich am Bob-Lo Drive.

Die Besitzer des Insel Hauses erlauben es ihren Gästen jedoch, die Küche zu nutzen. Wer seine Lebensmittel selbst mitbringt, darf kochen.

Erschienen in: Rhein-Neckar-Zeitung (6. April 2013), Globetrotter-Magazin (Ausgabe Frühling 2013), Badische Neueste Nachrichten (31. August 2013).

Dieser Beitrag ist Teil einer Blogparade von Travel on Toast zum Thema “Meine spannendste Reise – zu Wasser, zu Land oder in der Luftt” .