Oktober 12

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Kuriose Schatzkammer voller Schleckereien

Im legendären Heidelberger Zuckerladen wird der Kauf von Süßigkeiten zum Erlebnis und zu einer Reise in längst vergessene Tage. Wer nur auf die Schnelle etwas Süßes will, ist hier fehl am Platz. Die Hektik bleibt draußen, und wer den Laden nach dem Bezahlen wieder verlassen will, muss erst würfeln.Heidelberger Zuckerladen

Von außen ist er nicht als Süßwarenladen zu erkennen. Im Schaufenster steht ein Zahnarztstuhl aus den 1950er-Jahren, in dem lässig ein Patient sitzt und auf die Behandlung wartet. Öffnet man jedoch die schwere Holztür, riecht es nicht nach Zahnarzt, sondern nach Lakritze, und es ist, als begebe man sich mit dem Schritt über die Türschwelle in eine längst vergangene Zeit.Heidelberger Zuckerladen

In die Zeit der eigenen Kindheit in den 1970er-Jahren, als die schwerste Entscheidung darin bestand, ob man die Hälfte seiner Mark Pausengeld nun in Gummibärchen, Kaubonbons, Leckmuscheln, Brause- oder Zuckerstangen investieren sollte. Im Krämerladen an der Ecke, wo man seine Süßigkeiten in dreieckigen Papiertüten pfennigweise selbst zusammenstellen konnte. Unwillkürlich schweifen die Gedanken zurück in jene Zeit.Heidelberger Zuckerladen

Plötzlich glaubt man sich nicht einmal mehr in einem Laden mitten in der hektischen und mitunter chaotischen Heidelberger Straße, der Plöck, sondern in einer Schatzkammer voller Süßigkeiten aus aller Welt, die sich in allen Farben des Regenbogens in nostalgischen Schraubgläsern in Regalen bis unter die Decke präsentieren. „Wir sind immer auf der Suche nach dem Besonderen, nach Produkten, in denen Leidenschaft steckt“, sagt Marion Brecht, die den Laden zusammen mit ihrem Mann Jürgen 1986 gegründet hat.

Marion und Jürgen Brecht

Marion und Jürgen Brecht

Zwischen den Leckereien steht, hängt und liegt allerlei Krimskrams, das den Laden fast wie ein Museum erscheinen lässt: ein Ruderboot an der Decke, Plakate, ausrangierte Kinosessel, Gebissmodelle, ein Rettungsring von einem Schiff, eine winkende Papstfigur, Yoda aus Star Wars, Utensilien aus einer Zahnarztpraxis und vieles andere. Gesammelte Erinnerungsstücke von Marion und Jürgen.Heidelberger Zuckerladen

Dicht auf dicht drängeln sich die Kunden in dem schlauchförmigen kleinen Laden. Hektik gibt es trotz allem Andrang nicht. „Nimm dir Zeit – und nicht das Leben!“ ruft es von einem Gasolin-Werbeschild an der Wand. Ein Satz, der die Philosophie des Zuckerladens unterstreicht. Schnelles Einkaufen gibt es hier nicht – hier herrschen andere Regeln. Wer durch die Tür ins Innere des Ladens tritt, schaltet automatisch einen Gang herunter. Es ist, als würden Stress und Hektik automatisch abgeschüttelt. Magie? Manch einer ist überfordert von den vielen Sinneseindrücken, muss sich erst einmal in einen der ausrangierten Kinostühle setzen, um all die Vielfalt zu verarbeiten.Heidelberger Zuckerladen

Vor einem der Regale steht eine Gruppe Kinder, deren Augen von Glas zu Glas wandern und dabei immer größer werden. Die Hells Angels lächeln sie aus ihren Kussmündern an, der Stickstoff-Horror raubt ihnen den Atem, von Genmanipulation verstehen sie noch nichts, und die pink leuchtende Biblis-Alarmstufe zieht sie in ihren Bann. Da stehen sie vor Unmengen von Süßigkeiten, die mit witzigen Namen versehen sind, und können sich nicht entscheiden, was in die dreieckige Papiertüte soll.

Nicht nur Kindern fällt die Entscheidung schwer. „80 Prozent unserer Kunden sind Erwachsene, viele davon Stammkunden, die seit mehr als 20 Jahren zu uns kommen“, sagt Marion. Die Fans des Zuckerladens kommen aus allen Teilen Deutschlands und viele auch aus dem Ausland. Manchmal bilden sich lange Schlangen vor der Tür, denn nicht alle Besucher haben in dem kleinen Laden Platz. Sie nehmen es gelassen, wissen sie doch, dass Hektik und Eile hier nicht angebracht sind. Auch Kommerzialität hat im Zuckerladen keinen Platz.Heidelberger Zuckerladen

„Viele Kunden sagen, dass unsere Gummibärchen ganz anders schmecken“ sagt Marion. „Ich glaube, es spielt eine Rolle, wie ich etwas erwerbe. Die Ware hat einen Wert, aber den Wert bestimme ich. Wenn man daran beteiligt ist, hat man schon eine Beziehung zu der Ware und man gewinnt mehr Qualität für sich selber. Es ist wie vor 30 Jahren, als man auf ein Fahrrad gespart hat. Im Vergleich zu heute, wo man sich alles sofort kaufen kann, hat es nicht diesen besonderen Wert für einen, und das macht dann auch ein bisschen was aus“.

Wer den Laden betritt, wird geduzt, unabhängig vom Alter. Allerdings nicht aus mangelndem Respekt. „Das ,Du‘ öffnet die Menschen und macht das Miteinander leichter“, erklärt Marion. „Es ist jedoch keiner gezwungen, zurück zu duzen“, fügt Jürgen hinzu. Nach dem Bezahlen wird mit Jürgen am Tresen gewürfelt. So viel Zeit muss sein. Verschiedene Würfelvarianten und selbst aufgestellte Regeln lassen Groß und Klein jedoch jedes Mal gewinnen. Als Gewinn gibt es natürlich eine süße Leckerei.Heidelberger Zuckerladen

Wer die Geschichte des Hauses in der Plöck 52 kennt, sieht plötzlich den russischen Schriftsteller Iwan Turgenjew mit einem Buch in einem der ausrangierten Kinostühle sitzen. Im obersten Stock des Gebäudes befand sich im 19. Jahrhundert der russische Lesesaal, den Turgenjew ab 1862 bei seinen Heidelberg-Besuchen immer wieder aufsuchte, um dort Zeitungen zu lesen und mit russischen Studenten über seine Werke zu diskutieren. Sicher hätte auch er auf dem Weg hinauf zum Lesesaal im Zuckerladen Halt gemacht.

Adresse: Plöck 52, 69117 Heidelberg (Parallelstraße zur Fußgängerzone Hauptstraße).

Öffnungszeiten: Mo-Fr 12-19 Uhr, Sa 11-15 Uhr.

 Erschienen in FORUM – Das Wochenmagazin, 10.10.2014.

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